Folge 9: Machiavelli

Shownotes

Muss politische Führung moralische Regeln verletzen - oder zeigt sich Verantwortung gerade im Umgang mit Konflikten?

Kaum ein Name ist so eng mit skrupelloser Machtpolitik verbunden wie Machiavelli. Doch seine Texte sind widersprüchlicher. „Il Principe“ beschreibt Situationen, in denen Herrscher unter äußerstem Handlungsdruck stehen; die „Discorsi“ untersuchen die Voraussetzungen einer lebendigen Republik.

Günter Fröhlich erläutert die Begriffe „Virtù“ und „Fortuna“, Machiavellis Abkehr von einer göttlich vorgegebenen Geschichtsordnung und seine Konzentration auf menschliche Gestaltungskraft. Politisches Handeln folgt Zielen und Normen, kann aber in Ausnahmesituationen Mittel erfordern, die moralisch problematisch bleiben. Besonders folgenreich ist Machiavellis Blick auf Konflikt: Nicht konfliktlose Ruhe, sondern der institutionalisierte Streit zwischen unterschiedlichen Kräften kann Freiheit sichern, Macht begrenzen und Kompromisse hervorbringen.

In dieser Folge:

  • „Il Principe“ und die Deutung des Machiavellismus
  • Virtù, Fortuna und politische Gestaltungskraft
  • Moral, Notwendigkeit und Ausnahme
  • Republik, Gesetze und Institutionen
  • Konflikt als produktive Kraft öffentlicher Ordnung

Bezug zum Buch: Vertiefung in Band 1, Kapitel 8 „Machiavelli und die Realpolitik“.

Text, Redaktion, Sprecher und Musik: Günter Fröhlich.
Herausgeben vom Felix Meiner Verlag mit freundlicher Unterstützung durch das Stipendienprogramm des Freistaats Bayern „Junge Kunst und neue Wege“ und der Franken-Akademie Schloß Schney e. V.

Podcast-Website: weg-der-demokratie.podigee.io
Buchveröffentlichung: meiner.de/weg-der-demokratie
© 2026, Günter Fröhlich & Felix Meiner Verlag GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

Transkript anzeigen

00:00:02: Der Weg der Demokratie. Staffel 1:

00:00:05: Gemeinschaft, Herrschaft, Souveränität

00:00:07: – Platon bis Bodin.

00:00:09: Ein Podcast von Günter Fröhlich, herausgegeben vom Felix Meiner Verlag.

00:00:15: Folge 9: Niccolò Machiavelli.

00:00:19: Was der berüchtigte Machiavelli mit seinem 'Il Principe', zu Deutsch 'Der Fürst', genauer erreichen wollte, wird im Dunkeln bleiben müssen.

00:00:30: Manche meinen, er wollte sich den Medici andienen, die ihn aus seiner Heimatstadt Florenz vertrieben hatten.

00:00:37: Schließlich widmete er das Werk deren Familienoberhaupt.

00:00:42: Anderen zufolge verarbeitete Machiavelli einfach seine Erfahrungen aus diplomatischen Missionen und seine Beobachtungen.

00:00:53: Machiavellismus ist gleichbedeutend mit moralischer Skrupellosigkeit im Verfolgen politischer Ziele.

00:01:02: Machiavelli war aber weder moralisch skrupellos noch auch ein Machiavellist.

00:01:09: Überhaupt beziehen sich die schlimmsten Verwerfungen in der Natur des Fürsten auf denjenigen, der seine Stellung unrechtmäßig erwarb, wie Machiavelli ab Kapitel 17 ausführt.

00:01:22: Das Werk hat nur 25 Kapitel.

00:01:25: Und er schrieb noch ein anderes Werk, die Discorsi, das wesentlich umfangreicher ist und in denen im Wesentlichen die Republik verteidigt wird.

00:01:37: In den notwendigen Grausamkeiten der geschilderten Herrschaftsfiguren wird gern dem Realismus gehuldigt, zumal Machiavelli sich selbst vorgenommen hatte, keine ideale Politiktheorie zu entwerfen, sondern die Politik zu schildern, wie nun einmal sei,

00:01:58: tatsächlich findet sich zur politischen Theorie im engeren Sinne bei Machiavelli so gut wie nichts, weder wie sich Gesellschaften organisieren, noch wie Herrschaften eingerichtet werden sollen,

00:02:13: nichts zu ihren Institutionen und nichts zum Recht.

00:02:17: Und niemand sollte glauben, das sei alles bloße Theorie.

00:02:23: Gerne wird behauptet, In Machiavellis Schriften fänden sich 2 hervorstechende Eigenschaften:

00:02:31: Sie seien am Realismus orientiert und sie lehnten jede Moral für die Politik ab.

00:02:38: Tatsächlich bemüht er sich sehr, diesen Eindruck zu erwecken.

00:02:43: Im Principe schreibt er: Da es aber meine Absicht war, etwas Nutzbringendes für denjenigen zu schreiben, der es begreift, schien es mir passender, mich an der konkreten Realität anstatt einer bloßen Vorstellung von ihr zu orientieren.

00:03:03: Es gibt viele, die sich Vorstellungen von Republiken und Fürstentümern gemacht haben, die man weder je gesehen hat, noch dass deren Existenz bekannt gewesen wäre. Denn es besteht eine so große Kluft zwischen der Art und Weise, wie man tatsächlich lebt, und der wie man leben

00:03:25: sollte,

00:03:26: dass einer, der zugunsten dessen, was man tun sollte, von dem ablässt, was man tut, eher seinen Untergang als seine Erhaltung betreibt.

00:03:38: Denn ein Mensch, der sich in allen Belangen zum Guten bekennt, muss umgeben von so vielen, die nicht gut sind, zwangsläufig zugrunde gehen.

00:03:53: Daraus wird der Schluss gezogen: Beim politischen Handeln bestehe das erste Gebot darin, auf ethische Maßstäbe und generell auf verbindliche Normen zu verzichten.

00:04:07: Zwar müsse sich ein Machthaber den Anstrich geben, fromm und moralisch prinzipienorientiert zu sein. Tatsächlich bleibe ihm allerdings keine andere Wahl, als sich im Handeln davon völlig unabhängig zu machen.

00:04:23: Im anderen Fall werde er sich nicht lange halten können.

00:04:27: Umgekehrt scheint ebenso ein deutliches Bedauern über die Schlechtigkeit der Menschen zwischen den Zeilen Machiavellis mitzuschwingen und ebenso sind Machiavellis Ratschläge an die Herrscher, natürlich an Zielvorstellungen und Normen gebunden.

00:04:46: Die Moral erstrebt immer das Gute, während die Ethik danach fragt, wie es zu erreichen ist

00:04:54: und Machiavelli scheint der Meinung zu sein, dass sich das Gute nur über Umwege erreichen lässt.

00:05:02: Die guten Zwecke des politischen Handelns liegen ihm zufolge vor allem im Frieden und in der Sicherheit und außerdem in der politischen Einigung Italiens.

00:05:14: Letzteres im Übrigen ein zu seiner Zeit recht unrealistisches

00:05:20: Ziel.

00:05:22: Die Ratschläge, welche Machiavelli gibt, sind meist sehr konkret und unmissverständlich.

00:05:29: Allerdings macht er diese auch immer von den Situationen abhängig, die deswegen genau zu analysieren seien.

00:05:39: Abgesehen davon, dass nicht jedes Detail der vorliegenden Umstände bekannt sein könne, beim Handeln also schon von daher mit Unsicherheiten zu rechnen ist, mahnt er ebenso ständig dazu, mit dem Glück und dem Zufall zu rechnen.

00:05:57: So betont er, dass gleiche Handlungsweisen zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen führen können, ebenso wie völlig verschiedene Handlungen zum Gleichen.

00:06:08: Was bleibt aber dann vom viel beschworenen Realismus in der Politik bei Machiavelli?

00:06:16: Die politische Praxis wird generell den Zielen

00:06:20: untergeordnet.

00:06:22: Wir können davon ausgehen, dass Machiavelli der Ansicht ist, dass sich weitere positive Ziele innerhalb einer Gesellschaft einstellen werden, sobald diese in Frieden und Sicherheit lebt.

00:06:35: Vor allem wird er dabei an den Wohlstand und die Zufriedenheit der Bürger denken.

00:06:41: Ebenso klar ist allerdings auch, dass die Maßnahmen, die er zur Erlangung von Freiheit und Sicherheit empfiehlt, Den Anforderungen der tradierten Moral widersprechen.

00:06:54: Realismus heißt bei Machiavelli offenbar, die gängigen moralischen Regeln zugunsten einer anderen Normativität auszusetzen, nicht um diese zu ersetzen, sondern um der Moral letztlich dadurch erst zum Durchbruch zu verhelfen.

00:07:13: Dadurch ergibt sich für Machiavelli ein schöner publizistischer Nebeneffekt, auf den er erkennbar auch ganz bewusst setzt.

00:07:22: Die mit einer Argumentation gegen die Moral einhergehende Provokation wird zum Skandal und dadurch der Verbreitung seiner Schriften gewiss nicht entgegenstehen.

00:07:36: Il Principe erschien allerdings erst nach seinem Tod, der etwa auf das Jahr 1527 zu datieren ist, nämlich 1532.

00:07:46: Mit der Indizierung aller seiner Schriften 1552 verbreiteten sich diese endgültig sehr rasch und weit.

00:07:55: Machiavelli zu kennen und moralisch unmöglich zu finden, gehört für Jahrhunderte und wohl bis heute zum basalen Bildungskanon.

00:08:04: Zahlreiche kritische Auseinandersetzungen erschienen und noch Friedrich

00:08:08: II.,

00:08:09: der Große von Preußen, fand sich bemüht, einen solchen Anti-Machiavelli zu schreiben.

00:08:15: Später wurde sein Patriotismus für Italien herausgestrichen. So bei Herder, Hegel und noch bei Mussolini.

00:08:24: Die realistische Schonungslosigkeit, die uns Machiavelli in Bezug auf das politische Geschäft zumutet, ließ immer wieder vermuten, dass er weder etwas von Moral noch von Religion hielt. Dabei ist das explizite Gegenteil der Fall.

00:08:43: Nach ihm hätte kein Staat Ohne Religion ein Fundament.

00:08:48: Das ist schon daran zu erkennen, als selbst der skrupelloseste Herrscher sich einen frommen Anstrich zu geben hat.

00:08:56: Wenigstens als politisches Mittel scheint die Religion also unverzichtbar, auch wenn diese Instrumentalisierung bei Gläubigen keine Verzeihung finden dürfte,

00:09:09: zumal sich Machiavelli nicht dazu äußert, welche Religion er

00:09:13: meint.

00:09:15: Vielleicht sollte man sowohl den Principe als die Discorsi eher so lesen: '

00:09:22: So wie es zur Zeit Machiavellis in Italien läuft, geht es nicht weiter.

00:09:29: Nach ethischen Standards handelt ohnehin keiner und am wenigsten diejenige, welche diese am lautesten anmahnen.

00:09:37: Weil das die Mächtigen sind und diejenigen, welche nach Macht streben, kommt in der Politik ohnehin keiner mit gutem Verhalten durch, auch wenn das besser wäre.

00:09:49: Es ist aber eben nicht so und deswegen muss man sich auf die Machttechniken einlassen, diese besser beherrschen als alle anderen und sie konsequent anwenden.

00:10:02: Und zwar sollten das besonders diejenigen, die damit nichts zu tun haben wollen. Denn besser kann die Welt nur werden, wenn Frieden und Sicherheit herrschen. und die sind nicht zu bekommen, wenn einige wenige mit friedlichen und ethisch legitimierbaren Mitteln gegen die vielen ganz Bösen in der Welt antreten müssen.

00:10:25: Ja genau, Machiavelli möchte, dass die Welt besser wird, friedlicher, sicherer und dass die Menschen glücklich und gut leben und handeln können.

00:10:35: Das ist nämlich auch nicht zu erreichen, wenn die Wölfe

00:10:38: herrschen.

00:10:41: Doch noch ganz abgesehen vom politischen Ziel, dem sich die Handlungsnormen, auch wenn diese selber böse sind, unterwerfen müssen, schafft ein Herrscher nicht einfach so Frieden und Sicherheit.

00:10:54: Es muss sich dabei schon um einen bestimmten Typen handeln, der insbesondere klug sein muss, sich allerdings ebenso nicht zu schade sein darf, sich zum Wohl der Welt die Finger schmutzig zu

00:11:07: machen.

00:11:08: Machiavelli umschreibt einen solchen. mit der Eigenschaft der virtù, also der Tugend oder Bestform.

00:11:18: Wenn wir bei Machiavelli keine Institutionenlehre finden, so ist dahingehend doch auffällig, dass sich die Discorsi um die römische Republik drehen.

00:11:30: Er beschreibt die Entstehung und die Ausdehnung des Römischen Reiches in den ersten beiden Büchern, um im dritten die römische Tugend zu preisen, die begrifflich freilich eng an Cicero angelehnt ist.

00:11:43: Machiavelli scheint uns tatsächlich zu empfehlen, den Staat nach dem römisch-republikanischen Muster einzurichten.

00:11:52: Damit ist er offensichtlich nicht ganz im Bilde über den Niedergang des römischen Staatsgefüges.

00:11:58: Erst waren die republikanischen Institutionen nicht in der Lage, mit der immer komplexer werdenden Situation am Ende der Republik umzugehen und später die des Reiches unter dem Prinzipat:

00:12:12: Angesichts einer Empfehlung, die Römische Republik wieder zu errichten, dürfen wir durchaus fragen, wo ist dabei der Realismus Machiavellis hingekommen?

00:12:24: Für Machiavelli liefern die Rahmenbedingungen des Römischen Reiches gerade die Grundlagen für das, was er virtù nennt,

00:12:33: wofür er im dritten Buch der Discorsi zahlreiche Beispiele anführt.

00:12:38: Freilich handelt es sich dabei wieder um ein normatives Konzept, das er dabei entwickelt.

00:12:44: Nun stehen bei Machiavelli tatsächlich in der höchsten Autorität diejenigen Menschen, die Religionen gründeten.

00:12:53: Dann erst kommen die Gründer der Staaten und Reiche und zuletzt die großen Heerführer.

00:13:00: Die schlimmsten Menschen dagegen haben keine virtù aufzuweisen. Er meint damit die Zerstörer von Religionen, von Reichen und Staaten und wahrscheinlich diejenigen, welche als Generale wichtige Schlachten verloren.

00:13:14: Er schreibt: Schändlich und verabscheuungswürdig sind dagegen die Zerstörer der Religionen,

00:13:22: die Zertrümmerer der Reiche und Republiken, die Feinde der Tüchtigkeit, der Wissenschaften und jeder Kunst, die dem Menschengeschlecht Nutzen und Ehre bringt.

00:13:34: Als das sind die Gottlosen und Gewalttätigen, die Unwissenden und Müßiggänger, die Niederträchtigen und die

00:13:42: Taugenichtse.

00:13:45: Es ist kaum anders zu sehen.

00:13:47: Machiavelli glaubt an eine bessere Welt oder zumindest erhofft er eine solche, auch wenn er gleichzeitig immer wieder betont, dass die Menschen böse sind und die Welt sich bisher nicht zum Besseren veränderte.

00:14:04: Deswegen braucht es ja, gerade einen starken Staat, der für sichere und stabile Verhältnisse sorgen kann.

00:14:11: Dieser aber wird geführt werden müssen von Menschen mit Tatkraft, ob das nun einer ist oder sicher besser mehrere.

00:14:21: Die Anarchie ist dagegen gerade keine Option, weil diese in allen Fällen zu katastrophalen Folgen für die Menschen führt.

00:14:30: Erst unter dem Frieden im Inneren und Äußeren kann die Wohlfahrt die Freiheit, die Religion, die Wissenschaft und die Kunst aufblühen. Das aber sind Umstände, für die Menschen dann auch bereit sind zu kämpfen.

00:14:49: Bei allen Urteilen darüber, dass die Menschen zu allen Zeiten gleichermaßen schlecht sind, scheint Machiavelli doch Hoffnungen auf eine solche schönere Welt zu hegen.

00:15:02: Wenn die Menschen aber nicht gut sein wollen, muss man sie eben dazu zwingen.

00:15:08: So recht an das Gute im Menschen sollten wir aber niemals glauben, weil wir dadurch zu unvorsichtig würden.

00:15:16: Seine Erfahrungen, so Machiavelli, belegen, dass die Welt ist, wie sie ist.

00:15:23: Auf keinen Fall sollten wir einen Staat auf die Moral oder die Religion stützen. denn die öffentliche Ordnung verfolge völlig andere Ziele.

00:15:35: Den Traum von einer vollkommenen staatlichen Ordnung drückt er in den Discorsi so aus: '

00:15:43: In den Zeiten der guten Kaiser wird er den Herrscher sicher inmitten seiner sicheren Bürger finden, die Welt in Frieden und Gerechtigkeit, den Senat in Ansehen, die Behörden in Ehren, die Reichen im Genuss ihres Reichtums, Adel und Verdienst erhöht.

00:16:06: Überall Ruhe und Wohlstand, aber Streit, Zügellosigkeit, Bestechung und Ehrgeiz verbannt.

00:16:16: Er wird das goldene Zeitalter erblicken, wo jeder seine eigene Meinung haben und verteidigen kann.

00:16:24: Kurz, er wird den Triumph der Welt sehen, den Herrscher geehrt und voller Ruhm, die Völker voller Liebe und Sicherheit.

00:16:36: Das klingt jetzt nicht ganz nach unverstellter Wirklichkeitsnähe.

00:16:44: In jedem Fall muss die Herrschaftsform auf die gesellschaftlichen Verhältnisse passen.

00:16:51: Machiavelli tritt eindeutig für die Republik ein, auch wenn das im Principe nicht so recht herauskommen will. Gibt es große Unterschiede in der Bevölkerung, er meint wohl ökonomisch und damit machtbasiert, ist seiner Ansicht nach wohl die Monarchie die bessere Wahl.

00:17:11: Diese sei eher dazu in der Lage, die Unterschiede und gesellschaftlichen Differenzen auszugleichen.

00:17:19: Herrscht dagegen überwiegend Gleichheit zwischen den Bürgern,

00:17:24: gibt es wohl zur Republik keine sinnvolle Alternative.

00:17:29: Er schreibt in den Discorsi: 'Nicht das Wohl des Einzelnen, sondern das Gemeinwohl ist es, was die Staaten groß macht.

00:17:40: Ohne Zweifel wird für dies Gemeinwohl nur in Republiken gesorgt, denn dort geschieht alles, was zu seiner Förderung dient, wenn es auch zum Schaden dieses oder jenes Einzelnen gereicht.'

00:17:58: Einzig entscheidend sind ihm Sicherheit und politische Stabilität.

00:18:04: Wenn diese Rahmenbedingungen nicht anders aufrechtzuerhalten sind, dürfen wohl auch alle Formen der Gewalt, Repression, Einschüchterung, Lügen, Mord und sofort eingesetzt werden.

00:18:21: Freilich ist es besser, wenn solche Mittel nicht notwendig sind.

00:18:25: Letztlich glaubt Machiavelli aber nicht, dass die Politik ein rationales Geschäft ist.

00:18:32: Denn das, was er unter Realität versteht, richtet sich nach 3 Bedingungen,

00:18:39: nämlich der Notwendigkeit necessità, dem Glück beziehungsweise dem Zufall, fortuna und eben der virtù des handelnden Politikers.

00:18:52: Die ersten beiden Momente haben wir nicht in der Hand. Die Notwendigkeit sollte wenigstens als solche und in ihren Einzelheiten erkannt werden.

00:19:02: Bleibt als Steuerungselement nur die virtù?

00:19:08: Wie wir gesehen haben, handelt es sich dabei um ein antikes Ideal, das hohe Ansprüche stellt.

00:19:15: Die virtù bei Machiavelli kommt nur einzelnen Menschen zu, die wissen, um was es geht und die sich in ihrem Handeln ausschließlich der Beförderung von Frieden und Sicherheit widmen.

00:19:28: Sie verbinden die genaue Kenntnis der konkreten Umstände mit Weitsicht. Sie kennen die Menschen und deren Bösartigkeit und die lassen sich nicht täuschen.

00:19:40: Sie verbinden Entschlussfreude mit Tatkraft und Durchsetzungsfähigkeit und wenn es notwendig ist, bedienen sie sich aller Mittel, die zur besseren Welt für alle Menschen führen. auch wenn es sich dabei um Maßnahmen handelt, die grausam, skrupellos und moralisch absolut verwerflich wirken würden.

00:20:03: Die Notwendigkeit der Lage führt zur Notwendigkeit der brutalen Mittel, die allerdings keinen Selbstzweck darstellen dürfen, zumal sich derjenige, der sich ihrer bedient, sie als Wohltaten erscheinen lassen

00:20:17: sollte.

00:20:20: Die Ethik im politischen Handeln auszusetzen, Das also, womit Machiavelli immerzu provoziert, beschränkt sich auf diese wenigen alternativlosen Szenarien.

00:20:34: Machiavellis Glaube an die römische Republik, wie an solche speziellen Menschen, werden wir kaum als unbedingten Realismus bezeichnen können.

00:20:45: Offenbar aber spielen solcherlei Hoffnungen Machiavellis eine größere Rolle als die Interpretationen seiner Schriften bisher vermuten ließen, zumal er sich heftig darum bemüht, den Eindruck, er jage einem politischen Ideal hinterher, zu kaschieren.

00:21:06: Eine solche Lesart der zentralen Intentionen Machiavellis könnte nun leicht zum Anschein führen,

00:21:14: seine politiktheoretischen Überlegungen mit ihrer Ausrichtung auf alte römische Ideale sein rückwärtsgewandt und schon für seine Zeit überholt.

00:21:25: Tatsächlich allerdings müssen wir den mentalitätsgeschichtlichen Bruch betonen, der sich bei ihm abzeichnet.

00:21:34: Sind wir ehrlich,

00:21:35: wünschen wir uns immer noch solche Politiker, die nur das Beste im Sinn haben und das Notwendige dafür tun.

00:21:43: Alle vorhergehenden politischen Ideale gingen zumeist darauf aus, relativ statische Ordnungsgefüge zu etablieren und Rahmenbedingungen für die staatliche Organisation zu entwerfen, welche das politische Handeln in ein festgefügtes Schema pressen, das sich zuletzt nach einer höheren Ordnung zu richten hat.

00:22:06: Für Machiavelli dagegen zählt bei der Politik ausschließlich das Handeln von Menschen in der konkreten Welt.

00:22:16: Argumentativ bescherte sich Machiavelli Mit dieser Modernität einige Schwierigkeiten.

00:22:24: Die politische Situation Italiens zu seiner Zeit war ebenso unübersichtlich wie fatal.

00:22:31: Wo aber liegen Alternativen in der politischen Herrschaftsform, um die Lage in seinem Land zu verbessern?

00:22:39: Es gab schlichtweg keine, oder genauer, es ließen sich keine denken.

00:22:43: Das könnte auch seinen Rückgriff auf die römische Republik erklären, In eine Zeit also, die aus seiner Sicht noch am besten von Frieden und Sicherheit für die Menschen geprägt erschien.

00:22:55: Institutionell ging es daneben fortschreitend bergab, wenigstens soweit das damals bemerkt werden konnte.

00:23:03: Denn das Recht entwickelte sich sehr wohl weiter.

00:23:05: Es spielte allerdings im politischen Alltag nicht die geringste Rolle, so dass erkennbar sein könnte, dass seine Institutionalisierung die politische Lage verbessern

00:23:16: würde.

00:23:17: Umgekehrt lässt Machiavellis Paradigmenwechsel gerade auch einen anderen Blick auf das Recht und alle weiteren politischen Institutionalisierungen zu.

00:23:30: Wir Menschen müssen als Betroffene die Einrichtungen selber gestalten und dürfen nicht meinen, dass sie irgendwo in der göttlichen Weltordnung schon enthalten wären und wir diese bloß zu erkennen und umzusetzen

00:23:46: hätten.

00:23:48: Machiavelli macht das im Grunde auch hinreichend deutlich.

00:23:53: Wenn es in erster Linie auf den Gestaltungswillen und die Gestaltungskraft des Menschen ankommt, sucht er nach dem inneren Moment im Menschen, welches deren Einsatz tatsächlich motivieren könnte, was bei ihm virtù heißt,

00:24:09: auch wenn er bei der Formulierung dabei auf Antikes zurückgreift.

00:24:16: Wenn er es ablehnt, Die politische Geschichte nach einem göttlichen Heilsplan verlaufen zu lassen, betont er die Bedeutung des Zufalls im Ablauf der Handlungen und Geschehnisse.

00:24:27: Seine Zeit interpretierte die historischen Entwicklungen freilich ganz anders.

00:24:33: Danach herrscht überall in der Welt der göttliche Wille.

00:24:38: Die Herrscher sind gotterwählt und das Leben der Menschen hat sich der übernatürlichen Rahmenordnung

00:24:44: anzupassen.

00:24:46: Das Chaos in Italien, die zahllosen Grausamkeiten, die völlige Willkür in allen Bereichen, all das ließen Machiavelli an dieser Vorstellung zweifeln.

00:24:58: Vor allem die geistige Ordnungsmacht im Irdischen, die Kirche und der Papst führten in jedem Wort ihre höhere Berufung an.

00:25:06: In ihren Handlungen wurde dagegen überdeutlich, dass es um nichts anderes ging als um weltliche Macht und persönliche Interessen.

00:25:16: Dadurch wurde die Macht zum Schlüsselbegriff der politischen Philosophie bei Machiavelli

00:25:22: und wenn diese nicht willkürlich eingesetzt werden darf, muss sie durch höhere Ziele gehegt und gerechtfertigt werden.

00:25:30: Das können nicht wieder überirdische Ziele sein, denn solche unterstrichen ausschließlich den Herrschaftsanspruch der Kirche.

00:25:38: Also muss es sich um irdische, um menschliche Ziele handeln, nämlich Frieden und Sicherheit für alle Menschen.

00:25:47: Diese werden hergestellt durch die Menschen selber, freilich nicht durch die vielen, sondern durch einige wenige, solche mit virtù.

00:25:59: Ganz ohne virtù geht es nach Meinung Machiavellis wohl nicht, auch wenn vieles durch Glück kompensiert werden

00:26:06: kann.

00:26:07: Als Beispiel von Leuten, welche sich mit ihrer Tatkraft durchsetzten, nennt Machiavelli in erster Linie biblische oder antik mythische Vorbilder: Moses, Romulus oder Theseus,

00:26:20: aber auch seinen Zeitgenossen Francesco Sforza, einen durchaus geschickten, wenn auch wohl eher skrupellosen Aufsteiger und Kraftprotz.

00:26:30: Cesare Borgia dagegen hatte das Glück, dass sein Vater auf dem Papstthron saß.

00:26:36: Mit ihm ging es schnell bergab, als der Herr Papa das Zeitliche segnete.

00:26:41: So ganz geht die Zuteilung von Tüchtigkeit und Glück bei Machiavelli nicht auf.

00:26:48: Er scheint das selbst bemerkt zu haben, da er am Ende von Il Principe vehement betont, es komme in erster Linie letztlich fast doch alles auf die Tüchtigkeit an.

00:27:00: Als Beispiel eines verbrecherischen Herrschers dient ihm Agathokles von Sizilien, wiederum eine antike Gestalt, wenn diesmal auch historisch.

00:27:11: In der Diskussion um den Machterhalt der Fürsten teilt Machiavelli die Gesellschaft meist in die 3 Klassen des Volks, des Adels und eben des Fürsten.

00:27:24: Die beiden ersten Gruppen verfolgen nur ihre eigenen Interessen und das Volk ist wankelmütig und der Adel intrigant. Denn das zentrale Merkmal von Adeligen besteht darin, nichts arbeiten zu müssen.

00:27:39: Das Wohlergehen des Fürsten führt offenbar dagegen eher zum Wohl der Stadt und je nach Lage muss er sich dazu auf die eine oder andere Gruppierung stützen, wobei beide Grundlagen zum Zwiespalt in der Machtausübung führen.

00:27:56: Den Machtansprüchen des Adels müsse ein Fürst entschlossen entgegentreten. Das Volk dagegen mache es sich am besten dadurch gewogen, dass er Erfolg hat und die Leute sonst in Ruhe lässt.

00:28:10: Die Kritik an Volk und Adel ist auch bei Machiavelli deutlich von tradierten Moralvorstellungen geprägt. In den Discorsi dominiert ebenso der Politiker mit virtù, auch wenn Machiavelli hier sehr viel mehr die Bedeutung von guten Gesetzen und funktionierenden Institutionen betont.

00:28:33: Eine wesentliche Änderung in der Vorstellung von politischer Führung nimmt er auch für die Republiken nicht vor.

00:28:41: Ein republikanischer Politiker muss ebenso grausam, verlogen und skrupellos sein können wie ein Fürst. Dennoch scheint in einer Republik, wenn also viele herrschen, eine ganz andere Ausrichtung in der Politik zu bestehen.

00:28:59: Machiavelli kritisiert am Christentum, dass es die Menschen durch die Forderung nach Demut schwach macht. Zudem führt Ruhe in der Politik unmittelbar zur Trägheit.

00:29:14: Wie ist das dann mit dem Frieden als oberstes politisches Ziel?

00:29:22: Auf der Grundlage dieses Dilemmas schloss Machiavelli auf eine sehr moderne Einsicht, deren verbreitete Kenntnis immer noch auf ihren Durchbruch wartet.

00:29:35: Es gibt für die öffentliche Debatte nichts, was segensreicher wäre als Streit, Konflikt, Auseinandersetzung und Feindschaft zwischen den Parteien.

00:29:49: Der erste Vorteil eines dauernden Kampfes liegt auf der Hand: Wenn 2 sich streiten, gibt es immerhin diese 2 Parteien. Das sei nämlich besser, als wenn nur eine Partei ihren Willen durchsetzen kann.

00:30:02: Die Kritik am politischen Frieden bestand zweitens gerade darin, dass dieser langweilig ist und die Bürger zur Faulheit motiviert.

00:30:11: Und drittens, zwingt das öffentliche Wohl zum Kompromiss zwischen den Parteien, der dann eben allen gerecht werden kann.

00:30:21: So befremdlich das klingen mag, nur der Streit in der Politik führt damit zum öffentlichen Wohl.

00:30:31: Für die Demokratie heißt das, Dass die öffentliche Auseinandersetzung verschiedener Richtungen lebenserhaltend ist, dem Wohl von allen gerecht zu werden, führt durch das Schlachtfeld kontroversen Streits.

00:30:47: Der öffentliche Frieden kann immer nur durch den Krieg der Meinungen beschlossen

00:30:52: werden.

00:30:54: Sie hörten „Der Weg der Demokratie“.

00:30:57: Weitere Informationen zu dieser Folge und zum gleichnamigen Buch finden Sie in den Shownotes.

00:31:03: Abonnieren Sie den Podcast auf der Plattform Ihrer Wahl.

00:31:06: Text, Redaktion, Sprecher und Musik: Günter Fröhlich.

00:31:10: Herausgegeben vom Felix Meiner Verlag mit freundlicher Unterstützung durch das Stipendienprogramm des Freistaats Bayern „Junge Kunst und neue Wege“ und der Franken-Akademie Schloß Schney e. V.

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