Folge 7: Dante Alighieri

Shownotes

Kann umfassende Macht Freiheit sichern, wenn sie frei von persönlichen Interessen ausgeübt wird?

Dantes politische Philosophie entsteht in einem von Kriegen und Parteiungen zerrissenen Italien. Er fordert eine universale Monarchie unter dem Kaiser und zugleich die Freiheit der Städte. Die Vernunft, nicht ein weltlicher Anspruch der Kirche, soll die politische Ordnung bestimmen.

Günter Fröhlich rekonstruiert Dantes ungewöhnliches Argument: Ein Weltmonarch, der bereits alles besitzt, müsse keine eigenen Interessen mehr verfolgen. Seine umfassende Macht könne deshalb dem Frieden und dem Wohl aller dienen. Der Monarch erscheint nicht als willkürlicher Despot, sondern als gesetzesgebundener Diener der Welt.

Die Folge zeigt die idealistischen Voraussetzungen dieses Entwurfs und Dantes Beitrag zur Trennung von geistlicher und weltlicher Macht. Politische Freiheit wird dabei an Frieden, vernünftiges Urteil und institutionelle Unabhängigkeit gebunden.

In dieser Folge:

  • Dante als Dichter, politischer Denker und Akteur
  • Universalmonarchie als Friedensordnung
  • Freiheit als Urteil ohne bindendes Eigeninteresse
  • Trennung von Kaiser und Papst
  • Gesetzesbindung und Ideal politischer Unabhängigkeit

Bezug zum Buch: Vertiefung in Band 1, Kapitel 6 „Dante und die Monarchie“.

Text, Redaktion, Sprecher und Musik: Günter Fröhlich.
Herausgeben vom Felix Meiner Verlag mit freundlicher Unterstützung durch das Stipendienprogramm des Freistaats Bayern „Junge Kunst und neue Wege“ und der Franken-Akademie Schloß Schney e. V.

Podcast-Website: weg-der-demokratie.podigee.io
Buchveröffentlichung: meiner.de/weg-der-demokratie
© 2026, Günter Fröhlich & Felix Meiner Verlag GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

Transkript anzeigen

00:00:02: Der Weg der Demokratie. Staffel 1:

00:00:05: Gemeinschaft, Herrschaft, Souveränität

00:00:08: – Platon bis Bodin. Ein Podcast von Günter Fröhlich, herausgegeben vom Felix Meiner Verlag. Folge

00:00:16: sieben

00:00:16: Dante Alighieri.

00:00:20: Es wissen die Allerwenigsten:

00:00:23: Der Florentiner

00:00:24: Dante Alighieri ist in erster Linie ein politischer Philosoph und erst in zweiter Hinsicht der Dichter eines der größten Sprachwerke der Menschheitsgeschichte, der Divina Commedia.

00:00:36: Seiner eigenen Aussage nach ist auch die Commedia in erster Linie philosophisch zu lesen. Er war darüber hinaus der Erfinder des modernen Italienisch, aktiver Politiker, einer der ersten Individuen in der Geschichte, freilich dem eigenen Selbstverständnis nach, und darüber hinaus ein guter Diplomat und politischer Ratgeber.

00:01:00: Dantes Denken ist geprägt von Aristoteles, Cicero, Boethius, Albert, Thomas und Averroës,

00:01:08: darüber hinaus allerdings äußerst eigenständig.

00:01:12: Das Italien seiner Zeit ist geprägt von Kriegen und Parteiungen und höchst zerrissen.

00:01:19: Dante wünscht sich eine kulturelle Einigung Italiens, vor allem über die Veredelung der Volkssprache.

00:01:26: Ebenso trat er für eine politische Einigung Italiens ein, allerdings unter der Oberherrschaft des deutschen Kaisers und unter der Bedingung, dass die Städte frei sind.

00:01:38: Bis zu seiner Verbannung gehörte er der Führungsschicht in Florenz an, das damals eine Republik war.

00:01:45: Tatsächlich waren dort jedes Jahr weit über 3% der Bürger in einem Regierungsamt. Vor allem die Sprache lag ihm besonders am Herzen.

00:01:58: Sein Aufruf, nach dem die neu zu entwickelnde veredelte Sprache vom gesprochenen Alltagsgebrauch anheben sollte, sowie seine Einladung an alle, daran mitzuwirken, trägt deutlich demokratisierende Züge.

00:02:14: Dabei trat Dante vehement für eine weltumspannende Monarchie ein. Die Gründe für seine Positionen sind meistens vielfältig.

00:02:24: Wie bei all seinen philosophischen Referenzautoren steht bei Dante die Vernunft an erster Stelle.

00:02:32: Aber die Vernunft ist bei ihm keine individuelle Fähigkeit, sondern ein soziales Phänomen.

00:02:40: Vernünftig kann gewissermaßen nur das sein, an dem alle oder mindestens viele, in jedem Fall die Vernünftigsten, mitgewirkt haben.

00:02:51: Dieser in philosophischen Belangen extreme Universalismus kontrastiert mit der Bedeutung, die persönliches Erleben, Innerlichkeit und Empfindsamkeit für Dante haben.

00:03:05: Das lässt ihn für uns teilweise sehr modern wirken. Versinnbildlicht wird das im Tod seiner geliebten Beatrice, der er Gedichte und seine Schriften widmet und die ihn in der Commedia durchs Paradiso führt.

00:03:21: Auffällig ist ebenso eine deutliche Säkularisierung bei Dante.

00:03:26: Auf biblische Referenzen verzichtet er vollständig und entwickelt seine Positionen nur mit Hilfe von weltlichen Argumenten.

00:03:36: In seinem politiktheoretischen Hauptwerk Monarchia wirkt es so, als hätte er die angeführten Bibelstellen, die er offenbar nur bringt, um keinen Anstoß zu erregen, nachträglich und als bloße Ergänzung eingefügt.

00:03:54: Dantes Staatsvorstellung stellt ein Ideal dar, dem die Wirklichkeit zwar entgegensteht, dessen Realisierung allerdings wegen der darin angenommenen Vernünftigkeit nicht nur für möglich, sondern für zwangsläufig angesehen wird.

00:04:12: Dabei schottet sich Dante zuweilen durchaus auch von der Realität ab.

00:04:17: So beschwert er sich über Marco Polos Reiseberichte, dass seiner Ansicht nach außerhalb des Römischen Reiches keine derart hohe Zivilisation bestehen könne.

00:04:28: Seine Vorstellungen von Gott und der Welt, von der Kraft der Vernunft und einer zukünftigen universalen Ordnung, von Politik und Moral sowie seine poetologische Ästhetik bilden einen einheitlichen Zusammenhang, der in einem gewissen Gegensatz zu den Auseinandersetzungen in Italien steht.

00:04:50: Vor allem das Papsttum scheint ihm eine ganz unglückliche Rolle bei der Verschärfung der Konflikte zu spielen. Seiner Ansicht nach sollte sich der Papst auf die geistigen Belange beschränken und jedem weltlichen Herrschaftsanspruch entsagen.

00:05:08: Aus seiner Heimatstadt war er bereits verbannt, als Heinrich der Siebte zum deutschen König gewählt wurde.

00:05:14: Von da an unterstützte er vehement dessen Kaiserkrönung und machte alle seine Hoffnungen vom Erfolg Heinrichs abhängig.

00:05:23: Bezeichnend ist vielleicht, dass Heinrich von der Geschichtsforschung lange Zeit ebenso als Idealist galt, weil er einer Reichsidee folgte, die längst überholt war.

00:05:34: Inzwischen wird seine Politik durchaus milder beurteilt. Sein früher und plötzlicher Tod, wahrscheinlich an Malaria, machte für Dante alles zunichte.

00:05:47: Dante lehnt sich sehr oft den Staatsvorstellungen bei Thomas an. Seine Säkularisierungstendenz ist allerdings noch viel stärker ausgeprägt als beim Dominikaner.

00:05:59: Wenn er meint, dass der Staat zum Wohl der Bürger besteht, dann meint er das eher in unserem Sinne.

00:06:07: Die ganze Ordnung ist für Dante nur möglich, wenn Gott diese in der Welt unmittelbar eingesenkt hat.

00:06:15: Gott wird damit noch enger an die Welt gebunden, was es umgekehrt möglich macht,

00:06:22: die Welt nur für sich zu betrachten, nämlich ohne die Voraussetzung ihres Schöpfers,

00:06:27: allein durch die vernünftige Ordnung in der Welt.

00:06:33: So findet alles Wesentliche bei Dante eine Entsprechung zwischen Jenseits und Diesseits, zwischen dem himmlischen und dem irdischen Frieden, zwischen der Ordnung im Himmel und der auf der Erde.

00:06:47: Das wirkt insgesamt noch wesentlich traditioneller gedacht als bei Thomas.

00:06:52: Der Effekt ist bei Dante aber ein ganz anderer. Durch die Reziprozität der Ordnungen können wir auf den himmlischen Maßstab verzichten, denn weder die menschliche Vernunft noch sonst etwas wie Ordnung, Gerechtigkeit oder politische Herrschaft unterscheidet sich wesentlich von ihren himmlischen Vorbildern.

00:07:13: Wenn sich der Mensch bemüht, die Dinge zu durchschauen, um dann zu versuchen, mit Hilfe seiner Vernunft die Verhältnisse entsprechend einzurichten, löst sich die Vernunft aus ihrem göttlichen Ursprung und wird wenigstens ansatzweise instrumentell.

00:07:33: Dieser instrumentelle Zug zieht sich bei Dante durch alle seine Schriften.

00:07:38: Häufiger stellt man sich die Frage, woher Dante seine Urteile nimmt, vor allem was das Personal im Inferno angeht. Denn dabei erweckt unser Dichter häufig den Eindruck, dass der Maßstab für irdische Vergehen seine eigene politische Haltung ist.

00:07:55: Dante fragte sich das aber offensichtlich selbst. Mehrfach versichert er, dass er nur beschreibt, was ihm seine Vernunft diktiert, und die ist ja keine andere als die himmlische, wie bei jedem Menschen.

00:08:10: So stilisiert er sich selbst zum Instrument der göttlichen Ordnung und nimmt sich gewissermaßen gleichzeitig selber wieder aus dem Spiel.

00:08:20: Dantes Schriften enthalten immer wieder persönliche Meinungen, wie sie für diese Zeit völlig untypisch sind. Das gilt für biographische Angaben, für die Thematisierung seines Leids angesichts des frühen Todes seiner Geliebten, aber auch sonst überall.

00:08:38: In seiner Commedia ist er dezidiert der Hauptakteur,

00:08:42: die Ereignisse werden aus der Ich-Perspektive erzählt und spart nicht mit der Preisgabe seiner eigenen Empfindungen angesichts dessen, was ihm alles gezeigt und erzählt wird.

00:08:56: In der Commedia sind so die persönlichen Aspekte, das poetologische Programm in all seinen ästhetischen Dimensionen, seine Anthropologie und insbesondere Moral und Politik nicht voneinander zu trennen. Zudem verbinden sich christliche Elemente mit antik-heidnischen Vorstellungen.

00:09:19: Der Weg nach oben, den er von Vergil, Beatrice und dem heiligen Bernhard geführt nachzeichnet, dreht sich um moralische Vorzüge und Laster.

00:09:30: Seine Kritik richtet sich kaum nach der jeweiligen Person,

00:09:34: Es sind alles nur Beispiele.

00:09:37: Dem eigenen Selbstverständnis nach erfüllt Dante mit seiner Schilderung nur einen göttlichen Auftrag. Das Material stammt nicht aus irgendwelchen Offenbarungen oder Gesichten, sondern kann von jeder Leserin und jedem Leser nachvollzogen und überprüft werden. Es stammt sozusagen aus dem menschlichen Leben.

00:09:57: In Paradiso Gesang 17 unterhält er sich mit seinem Urahn Cacciaguida.

00:10:03: Er bringt seine Sorge vor, dass er angesichts der Schilderung von Strafen an Personen, deren Nachfahren noch leben, sich Gönner verprellen könnte,

00:10:13: worauf ihm Cacciaguida antwortet,

00:10:16: er solle bloß nichts verschweigen.

00:10:19: Dante lässt ihn sagen, ich zitiere Vers 127 bis 135, Paradiso, Gesang 17: Berichte alles, was du siehst, entstelle nichts,

00:10:32: und wen das juckt, der soll sich kratzen.

00:10:35: Natürlich schmeckt, was du servierst, beim ersten Nippen bitter,

00:10:40: doch ihm wird nahrhaft deine Speise sein, wer sie verdaut.

00:10:44: Und wenn du warnend rufst, so nimm die Winde dir zum Vorbild. Die hohen Kronen schütteln sie am heftigsten.

00:10:53: Mach das nur so und du gewinnst nicht wenig Grund zur

00:10:58: Ehre.'

00:11:02: Zitat Ende. Dante ist der festen Überzeugung:

00:11:05: Wenn bei Gott alles vernünftig eingerichtet ist, muss es auf der Erde genauso sein und zwar unabhängig von scheinbar widersprechender Erfahrung.

00:11:16: Daraus folgt für Dante beispielsweise auch, dass der Papst bei allem, was er tut, einzig die Offenbarungsgehalte der Bibel als Quelle nutzen sollte, wozu er weder einen weltlichen Herrschaftsanspruch noch auf die weltliche Vernunft benötigt.

00:11:31: Die Vernunft ist notwendig, um die Welt zu ordnen. Deswegen ist diese die Sache des

00:11:38: Kaisers.

00:11:39: Dante geht so weit zu behaupten, dass der Kaiser der allervernünftigste von der Welt sein muss.

00:11:47: Es liegt damit allerdings eine völlige Aufgabentrennung vor, aus der auch keine Konflikte entstehen können, wenn sich beide Seiten an ihren Bereich und ihr Instrumentarium halten.

00:12:01: Am Übergang vom 13. ins 14. Jahrhundert fanden 2 eigenartige Ereignisse statt, welche beide genau das Gegenteil dessen bewirkten, was mit ihnen intendiert war.

00:12:14: 1277 verurteilte der Bischof von Paris insgesamt 219 Thesen, darunter nicht nur einige Sätze von Thomas, sondern auch die von Dante vertretene Ansicht, dass die Vernunft aller Menschen der Zahl nach nur eine ist.

00:12:34: Seitdem löste sich die Philosophie von der Theologie immer weiter ab, da man solcherlei allgemeine Denkverbote, auch noch versammelt in einer derart langen Liste, nicht mehr akzeptieren

00:12:46: wollte.

00:12:47: Das politische Pendant dazu erschien 1302 in Form einer päpstlichen Bulle von Bonifaz VIII. und hieß Unam Sanctam.

00:12:57: Darin wurde der Alleinanspruch des Papstes auf jede Form der Macht so überzogen, dass sich immer mehr Juristen mit den Fragen auseinandersetzten, zumal sie jetzt einen zentralen Angriffspunkt in Gestalt dieser Bulle hatten. Wahrscheinlich ist, dass Bonifaz an das, was in Unam Sanctam stand, selbst nicht glaubte,

00:13:18: sondern allein aus taktischen Gründen Argumente für den Streit mit Philipp IV. von Frankreich sammelte.

00:13:24: Dante wird im dritten Buch der Monarchia durchaus ausfällig gegen die Bulle.

00:13:29: Noch in der Reformation griff man argumentativ auf die Schrift Dantes zurück.

00:13:36: In dieser Schrift, der Monarchia, legt Dante sich für jedes der 3 Bücher eine Frage vor: Ist für das Wohl der Welt die universale Monarchie notwendig?

00:13:51: Ist der legitime Herrscher das römische Volk und der römische Kaiser? Hängt die Herrschaft des römischen Kaisers unmittelbar von Gott ab? Alle drei Fragen werden letztlich mit Ja beantwortet.

00:14:08: Das Wohl der Welt ist das Wohl der Bürger.

00:14:12: Damit sich dieses einstellen kann, muss zunächst einmal Frieden in der Welt herrschen.

00:14:17: Frieden gibt es nicht, solange verschiedene herrschen, sondern erst, wenn alle Macht zusammengefasst wird.

00:14:25: Bei den Dingen der Natur, in der Mathematik, ja selbst in allen Fragen nach Gott, ist alles so, wie es ist.

00:14:33: Das kann der Mensch immer nur unmittelbar nachvollziehen. Für sich betrachten und schlichtweg zur Kenntnis

00:14:39: nehmen.

00:14:40: Wenn es dagegen um den Staat geht, so muss dieser erst hergestellt und eingerichtet werden.

00:14:46: Hierfür müssen erstens alle zusammenwirken. Zweitens brauchen wir auch eine Idee von der Vollkommenheit staatlicher Ordnung, nach der sich die Wirklichkeit dann zu richten hat.

00:15:01: Das oberste Ziel des Menschen, sein Wohl innerhalb der staatlichen Gemeinschaft, realisiert sich damit nicht von

00:15:08: selbst.

00:15:10: Wir müssen also erst einmal in Ruhe überlegen, wie die Verhältnisse beschaffen sein sollen.

00:15:16: Daraufhin aber müssen alle daran mitwirken, das staatliche Ideal auch zu verwirklichen.

00:15:22: Klugheit verbindet sich mit dem Herstellen staatlicher Ordnung, die ihr umfassendes Vorbild in der jenseitigen bzw.

00:15:30: höheren Ordnung hat.

00:15:31: Für Dante steht letztlich jedes menschliche Wissen im Dienst der tätigen Praxis des Umsetzens.

00:15:39: Der tätige Geist wie die äußeren Verhältnisse spiegeln sich. Machen heißt nicht hektisches Agieren, sondern kluges, besonnenes Nachdenken und ebenso in der Welt. Überstürztes Handeln führt zu Konflikten und Kriegen, während es im Frieden Verhandlungslösungen gibt.

00:16:01: Äußerer Friede und innere Ruhe entsprechen sich.

00:16:04: Das politische oberste Ziel scheint für Dante also nur eines zu sein. Wie aber können wir den Frieden und das Wohl für alle hervorbringen? Für alle, so Dante, gibt es ein Maß und eine Instanz, für das alltägliche Leben, z. B. die Vernunft, und für den Staat, den Kaiser. Soll etwas geordnet sein und geordnet bleiben, brauchen wir nach unserem Dichter eine klare Struktur.

00:16:33: Das ist allerdings nur garantiert, wenn einer an der Spitze

00:16:38: steht.

00:16:39: Dante schreibt: Nun steht es fest, dass die ganze menschliche Gattung auf eines hinordnet.

00:16:48: Also muss es einen einzigen geben, der die Vorschriften erlässt oder herrscht, und dieser muss Monarch oder Kaiser genannt werden.

00:16:57: Und auf diese Weise ist klar, dass für das Wohl der Welt eine Monarchie oder ein Imperium notwendig

00:17:04: ist.'

00:17:07: Im Fall eines Streits muss es einen geben, der entscheidet.

00:17:11: Gerechtigkeit und Freiheit sind ebenso nach demselben Maßstab festzulegen. Also muss das auch einer übernehmen, wenn es für alle gelten soll.

00:17:23: Wenn die Macht umfassend geeint ist, herrscht nach Dante zwangsläufig auch die größte Gerechtigkeit.

00:17:31: Die Entscheidung von einem spart außerdem Zeit.

00:17:36: Egal, wo wir hinsehen: das Sein, das Gute, das Schöne – überall ist das nur eines.

00:17:43: Im Übrigen gibt es auch nur einen Gott.

00:17:46: Besondere Gültigkeit muss das für die Politik gelten. Denn wenn es dort verschiedene Machtzentren gibt, entsteht überall Streit, der sich nicht lösen lässt.

00:17:57: Es darf also nicht einmal 2 geben, welche die gleiche Macht haben, denn das würde mit Streit und Unordnung das ganze System der Ordnung zerstören.

00:18:07: Also heißt es in der Monarchia: So steht es mit der menschlichen Gattung am besten, wenn sie von einem einzigen Herrscher, wie von einem einzigen Beweger und einem einzigen Gesetz, wie von einer einzigen Bewegung in seinen Bewegern und Bewegungen gelenkt

00:18:25: wird.'

00:18:29: Wir heute nehmen für einen solchen Totalitarismus keineswegs an, dass dort alles am besten geregelt ist.

00:18:37: Für Dante dagegen scheint klar,

00:18:39: wenn die Macht des obersten Weltmonarchen umfassend ist, braucht dieser keinen Ehrgeiz mehr zu entwickeln.

00:18:47: Denn wenn einer schon alles hat, kann er nicht noch mehr wollen.

00:18:52: Zudem vereint sich im umfassenden Herrscher die Liebe zu seinen Untertanen, wie der unbedingte Wille dafür, den umfassendsten Frieden herzustellen.

00:19:03: Das führt wiederum dazu, dass die Untertanen dessen Liebe erwidern, der Weltmonarch kann deswegen auch keine Feinde haben.

00:19:12: Ist die Herrschaftsgewalt nicht weltumspannend, sondern nur auf bestimmte Gebiete oder Bereiche bezogen,

00:19:19: so interessieren sich die Machthaber immer nur für die eigenen Interessen.

00:19:25: Nur durch die herrschaftliche Abschottung in der Vereinigung aller weltlichen Macht kann damit für das Wohl aller Menschen wirklich gesorgt werden.

00:19:37: Ein solches Idealbild übersteigt weitgehend unsere Vorstellungskraft. Macht und ihre Entfaltung scheint uns eher selbstzwecklich und maßlos zu sein.

00:19:50: Wie kommt Dante auf eine solche Konstruktion?

00:19:54: Und warum glauben wir, dass Macht und staatliche Herrschaft in jedem Fall eingeschränkt werden müssen, um die Freiheit jedes Einzelnen zu sichern?

00:20:04: Uns scheint nichts eindeutiger als dass ein solches Staatskonzept an der Realität scheitern muss.

00:20:13: Damit kontrastieren wir allerdings das Idealbild mit einer Realität, wie diese uns zu sein scheint.

00:20:21: Wenn die Wirklichkeit so ist, wie sie nun einmal ist, gehen uns zwangsläufig die Alternativen verloren.

00:20:29: Wir Menschen entwerfen allerdings ständig Möglichkeitsszenarien, welche sich zunächst einmal gerade nicht um die Wirklichkeit kümmern, um dann das, was zunächst unmöglich schien, zu realisieren.

00:20:44: Damit eröffnen wir uns einen Freiheitsspielraum, wie er unserem Selbstverständnis als handelnde Tiere durchaus

00:20:52: entspricht.

00:20:54: Für ein solches Verständnis steckt auch Dante noch zu sehr in seiner Zeit. Und dennoch kommt er im Kontext seiner Imperiumsvorstellung eben auf die Freiheit zu sprechen

00:21:06: und behauptet, die absolute Machtfülle des Monarchen sei die Bedingung für den Frieden und damit auch für die Freiheit jeder und jedes Einzelnen.

00:21:18: Im Wort libertas arbitrii, was Freiheit heißt, also dem freien Entscheidungsvermögen entspricht, entdeckt Dante eine Zweideutigkeit.

00:21:29: Wenn wir uns entscheiden, müssen wir als erstes einmal die Welt wahrnehmen, wie sie ist.

00:21:36: Daraus bilden wir unser Urteil über die Welt.

00:21:40: Dieses Urteil wiederum wird ergänzt durch eine Bewertung. Das Ding oder das Verhältnis ist entweder gut oder schlecht.

00:21:50: Ist es gut,

00:21:51: begehren wir es.

00:21:54: Dieses Begehren setzt sich allerdings zuweilen schon vor das Urteil und dadurch macht es die Sache nicht mehr von ihr selbst, sondern von diesem Begehren abhängig.

00:22:06: Sind wir durch unser Begehren gebunden, sind wir entsprechend nicht mehr frei

00:22:10: in unseren Handlungen. Steht das Urteil zuerst, wird die Sache danach beurteilt, was sie tatsächlich ist

00:22:18: und so wächst uns erst die Freiheit

00:22:22: zu.

00:22:25: Was heißt das wiederum für das Idealbild von der absurdistischen Herrschaftsordnung und für die Wirklichkeit?

00:22:33: Das Verfolgen von Interessen beruht ja doch auch darauf, dass ich etwas für mich begehre.

00:22:40: Dante meint, dass das Interesse des Monarchen ausschließlich auf den Frieden und das Wohl der Menschen gerichtet ist.

00:22:47: Seine Überhöhung führt also dazu, dass der Kaiser keine eigenen Interessen mehr hat, vielleicht noch als Mensch, nicht aber als staatliche Institution.

00:22:58: So ist er nicht nur selbst in höchstem Maße frei, sondern ermöglicht auch erst die Freiheit seiner Untertanen.

00:23:06: Denn sein Urteil als Monarch ist zwangsläufig von jedem Interesse frei.

00:23:12: Irgendjemanden zu irgendetwas zu zwingen, liegt völlig außerhalb des Denkbaren.

00:23:19: Staatliche Ordnung kann sich für Dante nur unter einer solchen Bedingung verwirklichen.

00:23:24: Während Reichsfürsten immer auch oder sogar ausschließlich auf ihre eigenen Interessen schauen, also die Wirklichkeit, die Dante im Dauerstreit und den Parteikämpfen zwischen den Einzelfürsten, den Städten und der Curia schmerzhaft erleben musste, kennt der Monarch gar keine eigenen Interessen, außer dem allgemeinen Frieden und dem Wohl der Menschen.

00:23:47: Damit wird eine göttliche Ordnung errichtet, wie sie der Ordnung im Himmel wie in der Natur entspricht. Denn Gott kann ebenso kein anderes Interesse haben als Frieden und das Wohl der

00:24:00: Menschen.

00:24:02: So besehen ist der Monarch kein absolutistischer Herrscher mehr, sondern der umfassende Diener sowohl der Welt als aller Menschen.

00:24:12: Begierdelos sieht der Monarch sich die Dinge und Verhältnisse an und entscheidet in absoluter Freiheit danach, was erforderlich ist.

00:24:23: Die größtmögliche Macht kann also gar kein Übel sein, sondern diese bildet die Voraussetzung dafür, dass im Handeln sachadäquat und frei von persönlichen Interessen entschieden und der Entschluss anschließend umgesetzt wird.

00:24:40: Für den Monarchen ist ausgeschlossen, was sonst jedes menschliche Urteil trübt. Er kann keine falschen Urteile haben.

00:24:50: Freilich trauen wir keinem Menschen zu, so ideal zu handeln.

00:24:55: Wenn wir aber an öffentliche Entscheidungen denken, wie sie von politischer, verwaltungstechnischer, rechtlicher usw. Seite gefällt werden, wünschen wir uns da nicht auch die völlige Unabhängigkeit,

00:25:10: Interessenlosigkeit und das Fernstehen aller persönlichen Interessen auf Seite derer, welche die Entscheidung treffen?

00:25:20: Wenn wir uns das vorstellen, betrachten wir die Sache eher als eine technische.

00:25:25: Dante denkt da viel persönlicher,

00:25:27: so wie wir auch nicht möchten, dass der Arzt Geld von der Pharmaindustrie bekommt, weil er uns ein Medikament verschreibt.

00:25:34: Und Dante hatte die individuelle Persönlichkeit erst entdeckt und vielleicht war ihm das selber etwas unheimlich, sodass er diese immer schnell hinter die allgemeine Weltordnung versteckt.

00:25:47: Die zentrale Funktion des Monarchen besteht nun darin, allgemeine Gesetze zu geben, an die er das betont Dante immer wieder, auch selbst gebunden ist.

00:25:58: Inwiefern der Gesetzgeber den eigenen Gesetzen unterworfen ist, darüber wurde schon immer heftig diskutiert.

00:26:06: Für die neue Zeit ist das keineswegs eindeutig.

00:26:09: Der oberste Richter darf von seinen eigenen Urteilen nicht abhängig gemacht werden, formal nicht, denn es muss eine letzte Instanz geben, die über allem steht

00:26:19: und inhaltlich nicht, denn andernfalls wäre er unter Umständen in einem Gewissenskonflikt verstrickt und könnte ein ungerechtes Urteil fällen, um sich selbst nicht zu schaden.

00:26:32: Also braucht es absolute Unabhängigkeit und die ist nur zu haben, wenn der Geber nicht der Empfänger

00:26:38: ist.

00:26:40: Im zweiten Buch der Monarchia verteidigt Dante die Einrichtung des Römischen Reiches, das unter dem besonderen Augenmerk Gottes steht.

00:26:49: Was in dessen Namen geschehen ist, ist für Dante in jedem Fall gerechtfertigt.

00:26:55: Im dritten Buch kritisiert er den weltlichen Machtanspruch des Papstes. Alle Symbole hierfür, die Lehre von den 2 Schwertern, das mit der Schlüsselgewalt, die Gaben der Könige, das sei alles missinterpretiert.

00:27:09: Die konstantinische Schenkung sei zwangsläufig eine Fälschung, das war sie tatsächlich, weil der Kaiser einem anderen überhaupt nichts schenken kann.

00:27:18: Er würde mit einer solchen Schenkung die Einheit des Reiches aufgeben und dazu ist er gar nicht in der Lage.

00:27:25: Vielleicht wiederum persönlich, aber dann dürfte die Kirche die vatikanischen Gebiete niemals

00:27:29: annehmen.

00:27:32: Dantes Lösung zur Entscheidung des zentralen mittelalterlichen Konflikts über den weltlichen Machtanspruch des Papstes lehnt sich wieder eng an Thomas an.

00:27:43: Dante betont dabei die Bedeutung des Irdischen allerdings sehr viel mehr, obwohl wohl auch er vollkommen davon überzeugt ist, dass die überirdischen und jenseitigen Dinge sehr viel wichtiger für den Menschen sind als alles Weltliche.

00:27:57: Für das Entscheidende, das jenseitige Glück, ist dann auch der Papst zuständig.

00:28:03: Das irdische Glück, ja das weltliche Paradies, wie er es einmal in Monarchia nennt, erlangen wir dagegen durch Erkenntnis,

00:28:12: die Verwirklichung der eigenen Fähigkeiten und durch unsere sozial vermittelten Möglichkeiten.

00:28:19: Die Bedingungen hierfür liegen in Frieden und Freiheit und dafür ist allein der Monarch zuständig.

00:28:28: Die beiden Ziele seien völlig verschieden und im weltlichen hat der Papst nichts mitzureden.

00:28:33: Von einer Unterwerfung des Monarchen unter den Papst kann nur in einem einzigen Sinne gesprochen werden, als Mensch, der selbst das jenseitige Heil

00:28:44: erstrebt.

00:28:46: Von seinem weltlichen Amt ist das aber wohl völlig unabhängig und eine irdische Macht hat der Papst nicht.

00:28:55: Insofern kann der Kaiser diesem niemals untergeben sein.

00:28:59: Dante trennt die beiden Bereiche, um die sich letztlich der Streit dreht, völlig voneinander ab.

00:29:07: Angesichts der damaligen Verhältnisse hat Dante damit die Vorstellung, dass die Welt allein für sich betrachtet werden muss und dass die politischen Verhältnisse sich nicht nach dem Jenseits, sondern ausschließlich nach dem Diesseits zu richten haben, wesentlich befördert

00:29:26: und damit viel für eine Säkularisierung der Politik geleistet.

00:29:46: Text, Redaktion, Sprecher und Musik: Günter Fröhlich.

00:29:49: Herausgegeben vom Felix Meiner Verlag mit freundlicher Unterstützung durch das Stipendienprogramm des Freistaats Bayern ‚Junge

00:29:56: Kunst und neue Wege‘

00:29:58: und die Franken-Akademie Schloß Schney e. V.

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