Folge 6: Thomas von Aquin

Shownotes

Nach der radikalen Weltabwertung bei Augustinus gewinnt das Diesseits bei Thomas von Aquin neues Gewicht. Die Welt ist von Gott geschaffen und kann deshalb nicht grundsätzlich schlecht sein. Menschen tragen Verantwortung für ihr Handeln; Herrscher für die Bedingungen, unter denen ein gutes Leben möglich wird.

Günter Fröhlich erläutert die gestufte Gesetzeslehre von der „lex aeterna“ über Naturrecht und menschliches Recht bis zur Offenbarung. Positive Gesetze müssen dem Gemeinwohl dienen, von einer zuständigen Instanz erlassen werden und Belastungen verhältnismäßig verteilen.

Der Staat erhält damit konkrete Funktionen: Frieden sichern, materielles Auskommen ermöglichen und die Voraussetzungen für ein verantwortliches Leben schaffen. Obwohl Thomas an einer religiösen Gesamtordnung festhält, bereitet diese funktionale Bestimmung eine größere Eigenständigkeit der weltlichen Politik vor.

In dieser Folge

  • die erneute Zuwendung zur geschaffenen Welt
  • Verantwortung des Einzelnen und des Herrschers
  • ewiges, natürliches, göttliches und menschliches Gesetz
  • Gemeinwohl, Legitimität und Verhältnismäßigkeit
  • staatliche Aufgaben und beginnende Säkularisierung

Bezug zum Buch
Vertiefung in Band 1, Kapitel 5 „Thomas von Aquins diesseitige und jenseitige Lebensziele“.

Text, Redaktion, Sprecher und Musik: Günter Fröhlich.
Herausgeben vom Felix Meiner Verlag mit freundlicher Unterstützung durch das Stipendienprogramm des Freistaats Bayern „Junge Kunst und neue Wege“ und der Franken-Akademie Schloß Schney e. V.

Podcast-Website: weg-der-demokratie.podigee.io
Buchveröffentlichung: meiner.de/weg-der-demokratie
© 2026, Günter Fröhlich & Felix Meiner Verlag GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

Transkript anzeigen

00:00:01: Sein Spitzname lautete „gewaltiger Ochse“.

00:00:22: Hätte sich das nur auf seine nach allen Belegen tatsächlich vorhandene Körperfülle bezogen, wäre es als Beleidigung zu verstehen.

00:00:32: Thomas war als Mensch aber offenbar eher zurückhaltend, bescheiden, milde und fleißig, sodass niemand einen Grund gehabt hätte, ihn in der Art anzugehen.

00:00:44: Das valde grossus lässt sich korrekterweise ausschließlich auf seinen überragenden Verstand beziehen. Es wird berichtet, er hätte verschiedene Traktate fünf Sekretären gleichzeitig

00:00:58: diktiert.

00:01:00: Die scholastische Tradition, in der Thomas von Aquin schrieb, war streng formalisiert.

00:01:07: Für die einzelnen Themenbereiche einer Untersuchung werden zuerst theologisch relevante Fragen aufgeworfen, die einzeln diskutiert werden – zuerst, was für eine bejahende Antwort auf die Frage spricht, und dann, was dagegen.

00:01:23: Auf jeden Punkt wird einzeln geantwortet, woraus sich am Ende eine differenzierte Lösung

00:01:28: ergibt.

00:01:29: Die Argumente werden oftmals den Abhandlungen der Kirchenväter entnommen, enthalten aber ebenso Begriffsdifferenzierungen und Meinungen.

00:01:39: Entsprechend wurde der Unterricht an den Universitäten abgehalten.

00:01:43: Thomas erhielt seine Ausbildung in Neapel – einer Neugründung des Staufers Friedrich

00:01:49: II. –,

00:01:50: in Paris und Köln bei Albertus Magnus.

00:01:54: Gegen den ausdrücklichen Willen seiner Familie trat er dem Dominikanerorden bei.

00:01:59: Die hätte ihn lieber bei den Benediktinern gesehen, und deswegen sperrten ihn seine Brüder ein Jahr lang auf ihren Burgen ein.

00:02:07: Thomas blieb zwar stur, beschwerte sich aber auch nicht.

00:02:12: Durch seinen Lehrer Albert vermittelt, beschäftigte er sich viel mit der arabischen Philosophie und dem darin enthaltenen Aristotelismus. Das galt einigen damals durchaus als Ketzerei.

00:02:24: Dabei lehnte Thomas den vorherrschenden Augustinismus keineswegs ab. Und hier wird es geistesgeschichtlich interessant.

00:02:33: Augustinus nämlich hatte sowieso in allem recht, allerdings müsse er richtig verstanden werden. Und das geschah bei den Neueren, vor allem bei Albert und Thomas, unter konsequenter Auslassung der bei Augustinus enthaltenen Weltfeindlichkeit.

00:02:49: Der radikale Dualismus führte bei Augustinus dazu, dass die Welt in all ihren Belangen ausschließlich schlecht sein konnte.

00:02:59: Im Umgang mit der Wirklichkeit und vor allem mit den Mitmenschen ist eine solche Sichtweise durchaus problematisch.

00:03:06: Wenn Augustinus recht hatte, ist es besser, das Thema Welt gar nicht erst anzusprechen.

00:03:12: Für Thomas ist die Welt nun aber von Gott geschaffen.

00:03:17: So ganz schlecht kann sie ja dann unmöglich sein – zumal Gott selber sah, dass seine Schöpfung gut

00:03:23: war.

00:03:24: Es ist sonderbar, dass es fast tausend Jahre brauchte, bis man auf diesen durchaus naheliegenden Gedanken kam, der letztlich alles, was bis dahin gegolten hatte, auf den Kopf stellte.

00:03:35: Für den weiteren Verlauf der politischen Ideenentwicklung ist diese Kehrtwende unverzichtbar, und wir haben diese Thomas von Aquin zu verdanken.

00:03:46: Es sind hauptsächlich zwei Momente, die für ihn ausschlaggebend waren.

00:03:51: Erstens war er der Ansicht, dass der Mensch für sein Handeln selbst verantwortlich ist.

00:03:57: Insofern müssen und dürfen sich alle Menschen auch um sich selbst kümmern.

00:04:03: Das hatte zwar Augustinus auch gesagt, aber rein instrumentell gemeint, während bei Thomas mit Berufung auf Aristoteles die Sorge um das eigene Wohl wieder selbstzwecklich werden darf.

00:04:15: Nun wissen wir, dass das Handeln des Einzelnen innerhalb von Rahmenbedingungen stattfindet.

00:04:21: Damit ich mich um mich, das Meine und die Meinen kümmern kann, brauche ich Verhältnisse, welche das auch erlauben.

00:04:30: Nach Aristoteles müssen die Menschen diese Bedingungen erst herstellen.

00:04:34: So weit wollte Thomas nicht gehen.

00:04:37: Für die Umstände sind dann zwangsläufig – und jetzt zweitens – andere zuständig, nämlich öffentliche Einrichtungen und Institutionen, also zur damaligen Zeit die

00:04:48: Fürsten.

00:04:50: Die Verantwortung für das menschliche Handeln wird also aufgeteilt.

00:04:53: Einerseits ist jeder selbst zuständig, andererseits ist jeder ebenso in größere Ordnungszusammenhänge eingebunden.

00:05:02: Da gibt es einmal die göttliche Weltordnung, den Rahmen also, den Gott für die Welt und die Menschen eingerichtet hat, und dann zweitens immer noch die grundsätzliche Jenseitsorientierung, die allerdings eine immer weniger wichtige Rolle spielen wird.

00:05:19: Dazwischen klafft in der Welt zudem noch eine Regelungslücke. Denn neben der Weltordnung muss es noch eine soziale Ordnung geben, die dem Vorbild folgt.

00:05:28: Das heißt, dass die politischen Verhältnisse erstens hierarchisch sein müssen.

00:05:34: Hier wird im Grunde nur das abgebildet, was ohnehin den Zeitumständen entsprach.

00:05:39: Zweitens ist eine öffentliche Ordnung notwendig. Und so wird das Wohl der Menschen nicht mehr ausschließlich von der Heilsordnung bestimmt, sondern davon, wie wir in der Wirklichkeit miteinander umgehen.

00:05:53: Thomas tritt zeitbedingt für die Monarchie ein. Allerdings darf die politische Rahmenordnung keineswegs willkürlich ausgestaltet werden.

00:06:02: Der Staat ist eine notwendige Einrichtung.

00:06:05: Ebenso ist er mit seinen Institutionen der vernünftig-göttlichen Weltordnung unterworfen.

00:06:12: Zwar ist der jeweilige Fürst eine Art Stellvertreter Gottes für die weltlichen Belange. Er muss sich aber an den Willen Gottes und vor allem auch an dessen Ordnungsvorstellung halten.

00:06:22: Und weil der Staat das Wohl der Menschen befördern muss, wird der Fürst auch danach beurteilt, inwiefern er sich um seine Untertanen kümmert.

00:06:33: Umgekehrt muss der einzelne Mensch alles dafür tun, dass die öffentliche Ordnung unter der Führung der Fürsten erhalten

00:06:39: bleibt.

00:06:41: Die Aufgaben der Fürsten beschränken sich staatstheoretisch bei Thomas noch auf das Allerwichtigste.

00:06:47: Trotzdem kommt da einiges zusammen.

00:06:50: Auffallend ist, dass sich die staatlichen Funktionen nicht aus den öffentlichen Erfordernissen, sondern aus ihren theologischen Rahmenbedingungen ergeben. Weil dafür die Theologen zuständig sind, schreibt Thomas mit De regimine principum einen Fürstenspiegel, eine Art Lehrbuch, wie Fürsten zu erziehen sind und wie sie regieren müssen.

00:07:14: Der Staat habe sich danach um das öffentliche Allgemeinwohl zu bemühen, ein Ziel, das nicht unmittelbar aus den persönlichen Interessen der Herrscher hervorgeht, sondern der göttlichen Weltordnung entspricht.

00:07:27: Angesichts dieser Neuorientierung fällt ein weiterer Punkt auf, der sich erheblich auswirkt: Recht, Gerechtigkeit, Ordnung, Handlungsorientierung

00:07:40: und so fort gab es bei Augustinus nur bei Gott.

00:07:45: Der Mensch war davon unendlich weit entfernt. Jetzt aber wuchs ihm wieder die Fähigkeit zu, ein eigenes Urteil über die Welt zu bilden.

00:07:54: Der Mensch bekam über seine Vernunft ein eigenes Vermögen von Gott, das dieser ja nicht umsonst und ohne Gebrauchswert verschenkte, und er gewinnt die Verantwortung für alles, was er tut.

00:08:06: In der Renaissance wird der Mensch noch zentraler, indem er mittels seiner Vernunft einen göttlichen Auftrag zu erfüllen hat, nämlich die Schöpfung nach den Plänen Gottes zu vollenden.

00:08:18: Der Mensch erhält mit Thomas Anteil und Verantwortung für die innerweltliche Ordnung. Das führt zu weiteren Differenzierungen.

00:08:28: Denn wie ist der Mensch dabei tätig?

00:08:30: Erstens müssen wir etwas Tatsächliches erkennen können. Die Welt bei Augustinus war seltsam unwirklich, weil wir die wahren Zusammenhänge überhaupt nicht begreifen konnten. Und zweitens ist alles aufeinander abgestimmt.

00:08:46: Daraufhin nämlich, was sich Gott bei seiner Weltordnung gedacht hatte, was der Mensch nachvollziehen kann und wie wir die sozialen Ordnungen nach dem Plan Gottes errichten und erhalten.

00:08:59: Dabei lässt Gott keine Willkür walten, sondern ist der Vernunft unterworfen, gegen die er sich nicht wehren kann.

00:09:07: Um diesen Punkt wird es noch eine Menge Streit geben.

00:09:11: Der theologische Voluntarismus betont gegen die menschlichen Fähigkeiten zum Nachvollzug einer innerweltlichen Ordnung durch die Vernunft, dass Gott letztlich machen kann, was ihm gerade einfällt, was er gerade will.

00:09:24: Bestünde nämlich die gleiche Vernunft, wäre Gott ja von seinem Geschöpf

00:09:28: abhängig.

00:09:29: Noch im Jahr 2005 wärmte der damalige Papst Benedikt XVI. in seiner Regensburger Rede das Problem zwischen Wille und Vernunft Gottes wieder auf.

00:09:41: Dahinter steckt aber auch eine schwierig zu beantwortende Frage: Übersteigt die göttliche Vernunft die menschliche nur im Ausmaß oder ist diese eine ganz andere?

00:09:53: Wäre sie ganz anders geartet, können wir nicht dasselbe darunter verstehen.

00:09:58: In der Ordnung der Welt allerdings haben wir einen Bezugspunkt, der darauf hinweist, dass es sich um dieselbe Vernunft handeln muss.

00:10:06: Thomas schlägt sich mit solchen Fragen im Grunde ständig herum. Dabei versucht er, die Aspekte in ein ausgleichendes Verhältnis zu bringen.

00:10:15: Wenn wir nicht alle Fragen beantworten können,

00:10:19: so hilft uns der Glaube und die

00:10:21: Offenbarung.

00:10:23: Trotz der partiellen Eigenständigkeit erhält die Politik bei Thomas noch keine echte Selbstständigkeit.

00:10:29: Dennoch stellt er die Weichen dafür, indem er die Strukturen der öffentlichen Ordnung in die göttliche Ordnung einfügt. Gesetz und Recht sind nichts, was sich Menschen geben, sondern etwas, das in der göttlichen Naturordnung liegt.

00:10:45: Das schließt an Ciceros Vorstellungen an, der zwar davon ausging, dass sich Recht und Gesetz nach dem menschlichen Willen formulieren, sich zuletzt allerdings zunehmend an eine natürliche Weltordnung anpasste, die für jede menschliche Gemeinschaft identisch ist.

00:11:00: Die Vernunft muss der Mensch nach Thomas erst erwerben – und das auf Grundlage seiner Erfahrungen.

00:11:06: Ebenso lassen sich die Grundzüge einer politischen Ordnung im Wesentlichen aus Beobachtungen

00:11:13: erschließen.

00:11:14: Die Abkehr von Augustinus gewinnt Thomas durch seinen Handlungsbegriff, der wie so vieles an Aristoteles anknüpft.

00:11:21: Menschliche Handlungen gehen auf einen Zweck aus. Das Ziel wird als gut betrachtet.

00:11:28: Schlechte Handlungen sind nie schlecht in sich, sondern erstreben

00:11:33: ein vermeintliches Gut. Gottes Schöpfung enthält nichts Schlechtes, weswegen das erstrebte Schlechte etwas Gutes an sich haben muss.

00:11:45: Schlecht ist die Handlung dann nur relativ hin auf das, was ich hätte tun können.

00:11:51: Ich habe mich mit einer Handlung für etwas Gutes entschieden. Ich hätte allerdings etwas Besseres erstreben können.

00:11:57: In Relation dazu war dann schlecht, was ich gemacht hatte.

00:12:02: Durch das Relationsverhältnis beim Handeln wird auch klar, dass die meisten Handlungen nicht für sich stehen, sondern Mittel sind, ebenso wie die Zwecke zum Handeln, nach etwas Höherem zu streben.

00:12:17: Es muss – wie das bei Aristoteles ist – dann auch ein höchstes Gut, ein summum bonum, geben, auf das alle Handlungen innerhalb der vorgegebenen Ordnung hinauslaufen.

00:12:27: Klar,

00:12:28: dass für Thomas dieses höchste Gut in Gott zu finden ist.

00:12:31: Wenn wir handeln, beziehen wir uns auf die Dinge in der Welt.

00:12:36: Diese bewegen sich, und wir bewegen diese.

00:12:39: Am Anfang muss diese Bewegung eine letzte Ursache aufweisen, sonst würde sich nichts bewegen.

00:12:46: Wenn wir das alles betrachten, schließen wir mithilfe unserer Vernunft auf eine letzte Ursache – auf das, mit dem alles anfing.

00:12:56: Mit zwingender Konsequenz sehen wir also ein, dass es Gott geben muss, dass er der Anfang und das letzte Ziel all unseres Handelns

00:13:04: ist.

00:13:06: Aus diesen Voraussetzungen lassen sich weitere Schlüsse ziehen.

00:13:09: Wenn alles in eine umfassende, von Gott geschaffene Ordnung eingefügt ist, dann muss es für jede Bewegung einen Grund geben.

00:13:19: Einen solchen Grund nennen wir Gesetz, nach dem die Dinge sich so bewegen, wie es das Gesetz vorschreibt.

00:13:27: Das Gesetz wirkt dabei in den Dingen, wie sie von Gott erschaffen wurden.

00:13:33: Das ist nicht als funktionaler Zusammenhang zu deuten, wie wir Naturgesetze heutzutage auffassen, sondern als Bestandteil wiederum einer umfassenden Ordnung, deren ganze Bewegung auf Gott hinausläuft.

00:13:46: Die Regel der Bewegung richtet sich nach ihrem Ziel.

00:13:51: Das alles umfassende Gesetz heißt bei Thomas lex aeterna, ewiges Gesetz, das durch die menschliche Vernunft auch erfasst wird.

00:14:01: Dieses unterscheidet sich vom göttlichen Gesetz, der lex divina, das auf die höhere Wahrheit geht, welche nicht aus der Vernunft stammt, sondern aus einer ganz speziellen Erfahrungsart.

00:14:14: Gott hat sich den Menschen nämlich geoffenbart.

00:14:18: Von einer heiligen Dreifaltigkeit, von der Auferstehung, vom Kreuzestod des Gottessohnes, vom Ende der Welt oder von den Sakramenten könnten wir sonst auch gar nichts

00:14:26: wissen.

00:14:27: Am Anfang steht also Gottes Schöpfung, welche durch die lex aeterna erhalten wird.

00:14:34: In mehreren Abstufungen finden sich weitere Ordnungsschemata, die gut sind, wenn diese der höheren Ordnungsstufe entsprechen.

00:14:44: Da die lex aeterna alle Bewegungen bestimmt, können wir ihr im Grunde auch gar nicht zuwiderhandeln.

00:14:51: Weil der Mensch die Gesetze durch seine Vernunft erkennen kann, entsteht ein Zwischenbereich, innerhalb dessen der Mensch wählen kann.

00:15:00: Entweder er handelt dann, wie es vorgesehen ist, oder er versucht, gegen die Ordnung zu handeln. Insofern wachsen ihm Freiheit und Verantwortung zu.

00:15:11: Schon bei Thomas wird der Mensch zum tätigen Mitschöpfer in der Welt, auch wenn die Ordnung der Dinge vorher schon feststeht, zumal der Mensch als tierisches Lebewesen auch rein natürliche Neigungen aufweist.

00:15:25: Die Ordnung zu erkennen heißt nicht, sie ändern zu können.

00:15:29: Dennoch operiert der Mensch mit den erkannten ewigen Gesetzen, und sofern die Vernunft solche erfasst, handelt es sich um die lex naturalis.

00:15:41: Diese natürlichen Gesetze beziehen sich auf das Gemeinwohl, das hier nicht das Wohl der Bürger meint, sondern dass alles so eingerichtet wird, dass es der von Gott gegebenen Ordnung

00:15:52: entspricht.

00:15:53: Doch für Thomas ist diese keineswegs zwangsläufig hierarchisch, noch will er uns die Handlungsspielräume rauben.

00:16:00: Zwar noch völlig auf dem Boden theologischer Grundannahmen, erschließt er einen natürlichen Handlungsspielraum für den Menschen und löst diesen aus dogmatischen Glaubenswahrheiten heraus.

00:16:13: Letztlich denkt Thomas überhaupt nicht statisch, sondern durchweg dynamisch.

00:16:18: Er erreicht das dadurch, dass er für jede Bestimmung irgendeinen Zwischenbereich einführt, der solche Alternativen auch eröffnen kann.

00:16:27: So unterscheidet er zum Beispiel für das Gewissen des Menschen zwei Stufen: Die synderesis, das obere Vermögen, stammt unmittelbar von Gott, und wir wissen demnach umfassend, was richtig ist zu tun und was falsch.

00:16:40: Auf die synderesis hat der Mensch allerdings keinen unmittelbaren und unverstellten Zugriff.

00:16:46: Er kann ja immer nur von seinen Erfahrungen ausgehen.

00:16:49: Das Gewissen des Menschen, das er unmittelbar empfindet, heißt conscientia.

00:16:54: Diese ist die individuelle Ausprägung der synderesis.

00:16:59: Zwar kann sich der Mensch in seinem persönlichen Gewissen täuschen – er hat allerdings keinen höheren Maßstab als eben sein individuelles Gewissen, seine eigene conscientia.

00:17:09: Nach Thomas soll und darf sich der Mensch allein daran orientieren, ob es

00:17:14: irrt

00:17:15: oder nicht.

00:17:16: Objektiv war es sicher falsch, ihn wegen seiner Ordensentscheidung in die Burgen zu sperren.

00:17:21: Subjektiv waren seine Brüder dagegen überzeugt davon, dass das das Beste für ihn war, weswegen er ihnen keinen Vorwurf machen kann.

00:17:30: Die vielen gesetzlichen Abstufungen finden auch keineswegs ihren Abschluss.

00:17:36: Aristoteles argumentierte beim menschlichen Handeln in eine offene Zukunft hinein mit der Fähigkeit der Klugheit.

00:17:43: Dafür ist die göttliche Ordnung bei Thomas dann doch etwas zu fest gefügt.

00:17:48: Dennoch bemerkt er die Lücke.

00:17:50: Wir wissen aus Erfahrung, dass sich Menschen in ihrem Handeln nicht immer an die vorgegebene Vernunftordnung halten.

00:17:58: Der Mensch unterliegt also noch einem weiteren Ordnungsbereich, der lex humana.

00:18:04: Diese lässt unterschiedliche kulturell bedingte Rechtsauffassungen zu, allerdings auch keine beliebigen, denn jede Regelung ist der lex aeterna unterworfen.

00:18:16: Was sich unmittelbar daraus ergibt, sind abgeleitete Gesetze, sogenannte conclusiones. So ist Mord beispielsweise in jeder Gesellschaft verboten.

00:18:27: Anderes, wie die Höhe der Strafen, muss in den determinationes erst festgelegt werden.

00:18:33: Und schließlich gibt es kulturelle Unterschiede, welche sich in additiones niederschlagen, welche inhaltliche Konkretisierungen gar nicht mehr zulassen, sondern den formalen Vorgaben aus der lex aeterna wie Gerechtigkeit, Billigkeit, Angemessenheit und so fort folgen.

00:18:51: Das ist alles sehr differenziert und hierarchisch geordnet, aber auch etwas unübersichtlich.

00:18:58: Wenn nämlich die eine Vernunft überall wirkt, dann wird uns nicht recht verständlich, wieso die eine Gemeinschaft in ihren Rechtsgrundsätzen so verfährt und die andere ganz anders.

00:19:10: Zunächst ist es das Verdienst von Thomas, das überhaupt gesehen und berücksichtigt zu haben. Denn es war zur damaligen Zeit keineswegs selbstverständlich, dass kulturelle Unterschiede als solche auch anerkannt wurden.

00:19:23: Doch selbst in konkreten Fällen können wir innerhalb einer kulturell tradierten Ordnung unsicher werden, wie ein Vergehen zu bestrafen ist.

00:19:32: Wir brauchen einen weiteren Gesetzesbegriff, welcher solche Einzelfälle mit der allumfassenden, göttlich-vernünftigen Ordnung in Beziehung setzt.

00:19:42: Es ist der Bereich der lex naturale, also des Naturrechts.

00:19:47: Thomas behält immer die göttliche Gesamtordnung im

00:19:50: Blick.

00:19:50: Da wir diese nie vollumfänglich einsehen können, müssen wir uns irgendwie behelfen, denn sonst könnten wir mit so etwas wie Recht überhaupt nichts anfangen.

00:19:59: Da klingt natürlich Augustinus mit seiner Ansicht durch: Gerechtigkeit gibt es nur bei Gott und nicht in der Welt.

00:20:05: Thomas löst das Problem dadurch, dass er seine Gesetzesbereiche wiederum umfassend miteinander verschränkt.

00:20:12: Recht,

00:20:13: so können wir ganz modern sagen, ergibt sich bei Thomas aus dem Zusammenhang eines Rechtssystems und nicht aus gesetzlichen Einzelbestimmungen.

00:20:24: Das führt für Thomas unmittelbar zur Gerechtigkeit. Wir streiten freilich bis heute darüber, ob das zwingend ist.

00:20:34: Die von Menschen gemachten positiven Gesetze lassen zuletzt den größten Spielraum bei ihrer inhaltlichen Gestaltung zu.

00:20:42: Für Thomas bestehen für sie drei Voraussetzungen.

00:20:48: Jedes Gesetz muss erstens das Ziel haben, das Gemeinwohl zu befördern.

00:20:53: Es muss der allgemeinen Ordnung entsprechen.

00:20:56: Wer positive Gesetze erlässt, muss zweitens die entsprechende Kompetenz aufweisen.

00:21:02: Dieser Punkt thematisiert bereits das Legitimitätsprinzip.

00:21:06: Die Gemeinwohlorientierung führt zwangsläufig dazu, dass manchen auch Nachteile entstehen.

00:21:13: Deswegen sind drittens die entstehenden Lasten verhältnismäßig auf die Betroffenen zu verteilen.

00:21:20: Neben der Legitimität geltender Gesetze erinnert Thomas also auch an die Verfahren der Umsetzung sowie daran, dass es sich bei Staaten um menschliche Gemeinschaften handelt.

00:21:32: In einer Gemeinschaft muss jeder anerkennen, dass nicht jedes Gut ihm allein zur Verfügung steht, sondern immer gleichzeitig auch einen Bezug zur Gemeinschaft aufweist.

00:21:42: Das Gleiche gilt für die Nachteile oder die Schäden, welche jemandem aus der Gemeinschaftsbildung entstehen.

00:21:48: Auch diese müssen gleichmäßig aufgeteilt werden.

00:21:51: Wird eine dieser Grundlagen verletzt, gibt es hierfür zwei Ursachen.

00:21:56: Entweder es werden göttliche Rechte verletzt – zum Beispiel durch Verbot der Religion –,

00:22:01: oder die Gesetze widersprechen der Wohlfahrt der Betroffenen und dienen nicht dem Gemeinwohl, sondern Einzelne profitieren davon über die Maßen, ob materiell oder ideell. Das wird am häufigsten dann vorkommen, wenn derjenige, der die Gesetze erlässt, auch am meisten davon hat.

00:22:19: Das geht allerdings, wie Thomas meint, über die ihm vertraute Gewalt hinaus.

00:22:25: Angesichts ungleicher Lastenverteilungen schreibt er einmal: „Das sind mehr Gewalttaten als Gesetze.“

00:22:33: Bei Aristoteles erschloss sich der staatliche Zusammenschluss aus dem Streben nach dem Besten.

00:22:41: Für Thomas ist die politische Gemeinschaft von vornherein notwendig.

00:22:45: Der Mensch muss sich sozial organisieren.

00:22:49: Ebenso notwendig ist die Form einer Hierarchie, also die Über- und Unterordnung von Menschen.

00:22:54: Anders könne sich offenbar überhaupt keine soziale Ordnung etablieren.

00:22:59: Teils hat das dann wiederum funktionale Gründe, denn so große Bevölkerungsverbände müssen geführt werden.

00:23:06: Teils gibt es besonders geeignete Menschen für die Führungsrolle.

00:23:11: Das Medium für den politischen Zusammenschluss sieht Thomas in der Gewalt des Staats, denn nur mittels Gewalt kann das Gemeinwohl tatsächlich auch durchgesetzt werden.

00:23:22: Dabei ist der Ausgleich der Interessen unmittelbar gottgewollt. Gott will erreichen, dass jeder Mensch die ewige Glückseligkeit erreicht.

00:23:32: So wird der Staat sowohl von kollektivistischen wie individualistischen Momenten

00:23:37: entkleidet.

00:23:39: Soweit ich sehe, ist ein solcher Zug in der politischen Philosophie einzigartig, denn die Funktion des Staats geht zwar auf die göttliche Gesamtordnung aus – sie definiert allerdings hierfür konkrete Unterfunktionen.

00:23:52: Der Herrscher muss sich um Frieden bemühen, das rechte Leben der Bürger ermöglichen und für deren materielles Auskommen sorgen.

00:24:01: Erst wenn diese Bedingungen erfüllt sind, wird der Einzelne in die Lage gesetzt, sein Heil auch zu besorgen.

00:24:09: Diese Konstruktion ist typisch für Thomas.

00:24:12: Der obere Funktionszusammenhang des Staats bezieht sich auf die göttliche Gesamtordnung.

00:24:17: Daraus erwachsen der sozialen Ordnung gleich ursprünglich eine ganze Reihe von Aufgaben, welche der Staat erfüllen muss.

00:24:24: Das birgt für die damalige Zeit gehörigen Sprengstoff in sich.

00:24:28: Wenn wir an das damalige Elend in der Bevölkerung denken, das immer wieder durch Missernten oder Kriege über die Menschen hereinbrach, lassen sich aus der politischen Philosophie bei Thomas konkrete Sozialstaatsprogramme ableiten.

00:24:42: Das konkrete Vorbild dürfte für ihn wohl eher das klösterliche Gemeinschaftsleben gewesen sein, das er freilich selber als Anhänger eines Predigerordens nicht einmal führte.

00:24:53: Die Form

00:24:54: ständiger Hierarchisierungen führt dazu, dass Thomas für die Monarchie plädiert.

00:25:00: Das ist bei ihm alternativlos, denn der Staat muss einer sein, wie das Gute auch nur eines ist.

00:25:08: Es gibt nur einen Gott, und die Vielgestaltigkeit des seelischen Lebens wird durch die Einheit der Vernunft geordnet.

00:25:15: Deswegen kann an der Spitze des Staats auch nur einer stehen.

00:25:20: Nun erfordert die Funktionalisierung des Staats bei Thomas ebenso, dass die Aufgaben erfüllt werden müssen. Das schafft einer allein nicht.

00:25:29: Also ist es sinnvoll, dass trotz äußerer Staatsform der Herrschaft eines Einzelnen viele die Aufgaben des Staats übernehmen müssen.

00:25:39: An zwei Stellen in der Summa theologiae tritt er sogar für eine Mischverfassung ein.

00:25:46: Thomas denkt immer in Ordnungszusammenhängen, die eine Art pyramidalen Aufbau

00:25:52: haben.

00:25:53: In der konkreten Umsetzung kommt dann jedes Mal das Moment zum Tragen, dass diese Spitze der Pyramide auf einem Fundament ruht.

00:26:04: Diese Spitze würde herunterfallen, wenn die Basis brüchig wird. Dadurch erreicht er immer irgendwie einen Ausgleich der unterschiedlichen Interessen.

00:26:12: So kann auch der Tyrannensturz einmal gefordert sein, wobei man sich schon genau überlegen sollte, welche Schäden damit angerichtet werden

00:26:19: können.

00:26:21: Jede staatliche Ordnung ist nämlich immer Teil der göttlichen Ordnung, weswegen der einzige König auch Jesus Christus heißt.

00:26:29: Das Ziel des Lebens aber ist ein rein geistiges, weswegen dem Geistigen die Führungsrolle über das Irdische zukommt.

00:26:38: Schon mit dem Fürstenspiegel haben wir gesehen:

00:26:41: Der Papst und die Priester erfüllen die geistigen Funktionen.

00:26:45: Sie sind deswegen den weltlichen Herrschern

00:26:47: übergeordnet.

00:26:49: Wir müssen bedenken, dass die Zeit durch diese bipolare Machtverteilung von Kaiser und Papst immer noch gekennzeichnet war.

00:26:56: Thomas ist hierbei zwar eindeutig parteiisch. Ihm ist allerdings die Aufgabenverteilung aus funktionalistischen Gründen ebenso wichtig.

00:27:06: Und damit gilt:

00:27:07: Alles Weltliche ist nur der weltlichen Herrschaft unterworfen.

00:27:12: Da hat die Geistlichkeit nichts

00:27:13: mitzureden.

00:27:15: Diese darf sich nur in die weltliche Herrschaft einmischen, wenn unmittelbar geistige Belange betroffen sind.

00:27:21: Sonst ist die Kirche auf rein geistige Aufgaben

00:27:24: beschränkt.

00:27:25: So eigenartig es klingt:

00:27:28: Letztlich läuft die politische Philosophie bei Thomas von Aquin auf eine deutliche Säkularisierung hinaus – obwohl er noch völlig dem Primat des Papstes auch in weltlichen Fragen anhängt.

00:27:40: Das liegt daran, dass Thomas die Rolle des Staats weitgehend funktionalisiert, womit er diesem eine Eigenständigkeit zuspricht, die ihn im weiteren Verlauf der politischen Entwicklung immer weiter aus der kirchlichen Umfassung befreien wird.

00:28:10: Text, Redaktion, Sprecher und Musik: Günter Fröhlich.

00:28:14: Herausgegeben vom Felix Meiner Verlag mit freundlicher Unterstützung durch das Stipendienprogramm des Freistaats Bayern „Junge Kunst und neue Wege“ und der Franken-Akademie Schloss Schney.

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.