Folge 5: Augustinus
Shownotes
Was bleibt von Politik, wenn Gerechtigkeit nur jenseits der Welt vollkommen sein kann? Die Plünderung Roms im Jahr 410 wird zum Anlass einer grundlegenden Deutung von Geschichte, Religion und Herrschaft. Augustinus weist die Vorstellung zurück, das Christentum habe den Niedergang Roms verursacht. Zugleich trennt er die weltliche Ordnung radikal von der göttlichen Gemeinschaft. Günter Fröhlich zeichnet nach, wie Augustinus neuplatonische und christliche Motive verbindet, den freien Willen auf eine höhere Ausrichtung bezieht und mit der Auslegung heiliger Texte wichtige Impulse für die Hermeneutik gibt. Politisch bleibt ein ambivalentes Erbe. Der weltliche Staat sorgt allenfalls für vorläufigen Frieden; vollkommene Gerechtigkeit liegt bei Gott. Diese Abwertung des Politischen konnte Herrschaft begrenzen, aber ebenso dazu dienen, Gegner religiös zu diffamieren und weltliche Machtansprüche zu legitimieren. In dieser Folge
- die Plünderung Roms und die Verteidigung des Christentums
- Neuplatonismus, freier Wille und Auslegung
- göttliche und weltliche Gemeinschaft
- Frieden als vorläufiges weltliches Gut
- politische Folgen der Abwertung des Diesseits
Bezug zum Buch Vertiefung in Band 1, Kapitel 4 „Augustinus über den göttlichen und den weltlichen Staat“.
Text, Redaktion, Sprecher und Musik: Günter Fröhlich. Herausgeben vom Felix Meiner Verlag mit freundlicher Unterstützung durch das Stipendienprogramm des Freistaats Bayern „Junge Kunst und neue Wege“ und der Franken-Akademie Schloß Schney e. V. Podcast-Website: weg-der-demokratie.podigee.io Buchveröffentlichung: meiner.de/weg-der-demokratie © 2026, Günter Fröhlich & Felix Meiner Verlag GmbH. Alle Rechte vorbehalten.
Transkript anzeigen
00:00:01: Der Weg der Demokratie, Staffel 1.
00:00:04: Gemeinschaft, Herrschaft, Souveränität.
00:00:07: Platon bis Bodin.
00:00:08: Ein Podcast von Günter Fröhlich, herausgegeben vom Felix Meiner Verlag.
00:00:15: Folge 5: Augustinus.
00:00:20: Politische, soziale oder wirtschaftliche Umbrüche sind so gut wie immer Auslöser für intellektuelle Auseinandersetzungen um die Beschaffenheit der Welt und der Wahrheit sowie der Herrschaftsverhältnisse.
00:00:38: Für Augustinus war die Plünderung Roms durch die Westgoten im Jahre 410 ein solch einschneidendes Erlebnis – nicht unmittelbar, denn Augustinus war gewohnt, seine eigenen Wege zu gehen –, allerdings in der Interpretation der Geschichte.
00:00:58: Für einige Zeitgenossen, die noch dem alten Glauben anhingen, war klar, dass Rom fiel, weil man sich dort dem neuen Glauben, dem Christentum, angeschlossen hatte.
00:01:12: Die Zerstörung des Römischen Reiches war eine Strafe der alten Götter.
00:01:19: Augustinus hatte sich schon längst zuvor zum Christentum bekehrt und wollte seinen Glauben unbedingt gegen diesen Vorwurf verteidigen.
00:01:29: Sein Hauptargument lautet, das Christentum für den staatlichen Niedergang Roms verantwortlich zu machen, sei völliger Unfug, weil darin Politik und Religion unzulässigerweise miteinander vermischt würden.
00:01:46: Die Erklärung der Welt mit Hilfe antiker Mythen sei außerdem überhaupt nicht mehr zeitgemäß.
00:01:54: Schon länger hätten Philosophen viel präzisere Methoden entwickelt, innerweltliche Probleme zu lösen, und für Übersinnliches konstruierte man eine natürliche Theologie, an welche die christliche Theologie anschloss.
00:02:12: Das klingt nicht nur modern, sondern war es damals auch. Bei Augustinus ist alles klar, scharfsinnig, vernünftig, und in diesem Sinne sollten wir ihn als zeitlosen Autor nehmen.
00:02:28: Was uns allerdings so vernünftig scheint, ist von Augustinus völlig anders gemeint. Und dennoch begründete er damit eine Tradition, die modern nur noch in dem Sinne zu nennen ist, dass sich darin Elemente finden lassen, die heute immer noch eine erhebliche Rolle spielen,
00:02:51: von vielen Vernünftigen heute allerdings als völlig rückwärtsgewandt empfunden werden.
00:02:59: Augustinus war ein ernsthafter Mensch, der sich ständig Fragen stellte.
00:03:05: Zum Rhetoriklehrer ausgebildet – das ist bezeichnend für ihn, denn Rhetoriklehrer verdienten wenig Geld, Rhetoren dagegen viel –, schloss er sich noch in Thagaste einer antiken gnostischen Sekte an, dem Manichäismus.
00:03:23: Später finden wir ihn in Rom und dann in Mailand.
00:03:27: Dem Manichäismus nach war die Welt ein Kampfplatz zweier Prinzipien oder Mächte – dem Guten und dem Bösen.
00:03:38: Man vertraute oder hoffte darauf, dass das Gute irgendwann einmal siegen werde.
00:03:45: Zurzeit aber sei die Welt noch eher mit Gutem und Bösem durchmischt.
00:03:53: Dennoch mag dem einen oder anderen ein solches Schwarz-Weiß-Denken eine gewisse Orientierung geben, denn dass alles in der Welt eine gewisse Ambivalenz aufweist, ist manchmal schwer zu ertragen, und es lässt keine Lösung zu, weder im Erkennen noch im
00:04:14: Handeln.
00:04:16: Irgendwann ist der Manichäismus dem späteren Bischof von Hippo zu primitiv geworden.
00:04:22: Seine Gelehrten wussten auf vieles eben keine Antwort, und im Grunde treten mit diesem einfachen dichotomen Erklärungsschema ständig Widersprüche auf, deren man sich wenigstens, so meinte Augustinus, bewusst sein sollte, wenn man sie schon nicht auflösen konnte.
00:04:45: Offenbar wisse der Mensch gar nichts, alles sei nur Gerede.
00:04:51: Aber über das Reden hatte er ja auch sein Auskommen.
00:04:55: Und wenn man von nichts überzeugt ist, lässt sich leichter über alles reden, sobald man das Geschäft beherrscht. Und Augustinus beherrschte es – vor allem an Cicero geschult – vollkommen.
00:05:09: Seine Mutter machte sich Sorgen um ihren Sprössling und seinen Lebenswandel, der davon geprägt war, dass ohnehin alles egal sei.
00:05:20: Sie war christlich getauft und wandte sich an den Mailänder
00:05:24: Bischof Ambrosius, der es mit seiner nachsichtigen Art und einer guten Bibliothek schaffte, Augustinus vom Christentum zu überzeugen.
00:05:36: Vor allem schien der sogenannte Neuplatonismus, wie dieser von einem gewissen Marius Viktorinus bereits christlich gedeutet wurde, die Faszination von Augustinus zu wecken.
00:05:49: Viele seiner Überzeugungen wurden daraus gespeist.
00:05:54: Der sogenannte Neuplatonismus, wie er von dem im dritten Jahrhundert lebenden Plotin ausgeht, ist nicht ganz einfach zu verstehen.
00:06:06: Um vieles bei Augustinus einordnen zu können, ist dieser allerdings unerlässlich.
00:06:12: Wir sahen Augustinus als jemanden, der ständig nach der Wahrheit sucht.
00:06:18: Worin die Wahrheit liegt, ist für den Menschen klarerweise nicht ganz einfach zu bestimmen.
00:06:25: Die Vielfalt und der ständige Wechsel der Erscheinungen, die wir wahrnehmen, lässt sich nur mühsam unter einen Hut bringen.
00:06:35: Wir denken allerdings, dass es eine Erklärung für jedes Phänomen geben muss.
00:06:41: Irgendwie scheint auch alles mit allem zusammenzuhängen, und so kommt man leicht auf die Idee, dass es einen einheitlichen Weltgrund gibt, von dem nicht nur alles, was es in der Welt gibt, hervorgeht, sondern durch den sich auch alles erklären und verstehen lässt.
00:07:02: Plotin nahm nun einfach einmal an, dass es einen solchen letzten Erklärungspunkt gebe.
00:07:10: Und weil das nur einer sein kann, nannte er diesen das hen, was griechisch einfach „das Eine“ bedeutet.
00:07:19: Wenn das hen für alles Verschiedene der letzte Grund ist, das Verschiedene sich jeweils durch bestimmte Eigenschaften voneinander unterscheidet, so muss das hen eigenschaftslos sein.
00:07:34: Es trägt keine Bestimmungen an sich.
00:07:38: Klar ist aber, dass es die vielen verschiedenen Dinge gibt.
00:07:44: Es stellt sich damit die Frage, in welchem Verhältnis das, was es alles gibt, zu seinem Erklärungsgrund, dem hen, steht.
00:07:54: Offenbar muss aus dem hen etwas hervorgegangen sein. Wie, das lässt sich nicht recht erklären,
00:08:03: das aber die Möglichkeit bietet, überhaupt so etwas wie einen Unterschied zu machen.
00:08:09: Für Plotin ist dieses Etwas das Denken, der Verstand und die Ordnung, welche sich in Form der platonischen Ideen, vor allem vom Wahren, Guten und Schönen, als Gegenstände des Denkens herausbilden.
00:08:27: Dieses bloße Denken braucht, das können wir durchaus nachvollziehen,
00:08:32: eine Instanz, die nachdenkt, und Gegenstände, über die es nachdenken kann.
00:08:39: Die Instanz ist die Seele, sozusagen das kognitive Zentrum des Denkens – zunächst eine Weltseele und dann viele Einzelseelen.
00:08:50: Und die Gegenstände?
00:08:51: Das sind die materiellen Erscheinungen, welche wir wahrnehmen und über die wir anschließend nachdenken.
00:08:58: Schrittweise gehen damit aus dem Einen das Denken, die Seelen und die Gegenstände hervor.
00:09:07: Die Gegenstände sind am weitesten von der Bestimmungslosigkeit des Einen entfernt, denn sie sind konkret und durch ihre Eigenschaften klar bestimmt.
00:09:19: Die Seelen sind dem Einen schon näher, sobald diese sich mit den Ideen des Denkens
00:09:25: beschäftigen.
00:09:26: Irgendwie hat aber alles, was es gibt, mit dem Einen zu tun, verweist auf dieses und versucht, sich kontemplativ mit dem einen Ursprung wiederzuvereinen.
00:09:41: Sinnvoll hierfür ist es, wenn wir die materiellen Gegenstände, die Welt der Körper und ihre Eigenschaften und alles, was damit zusammenhängt, nicht sehr ernst nehmen.
00:09:53: Wenn wir wieder eins mit dem Einen werden wollen, sollten wir besser die Stufen zur Weltseele, an der wir ja einen Anteil haben, weil wir diese alle zusammen letztlich ausmachen, und zum Verstand wiederum rückwärts durchlaufen, um uns zuletzt in das Eine zu
00:10:13: versenken.
00:10:15: Das entspricht durchaus diesem meditativen Verfahren, wie wir es heute noch aus zahlreichen Glaubenssystemen aus der ganzen Welt kennen.
00:10:25: Die Kehrseite eines solchen Strebens liegt auf der Hand.
00:10:30: Die materielle Welt und ihre Verhältnisse sollen ignoriert werden – entweder indem wir sie missachten oder ihnen geradezu feindlich gegenüberstehen.
00:10:42: Plotin selbst soll allem und allen offen zugewandt, ein überaus herzlicher Mensch und in ständiger kritischer Haltung zu seinem eigenen System befangen gewesen sein.
00:10:55: Es ging aber auch das Gerücht um, er hätte sich nicht gewaschen.
00:11:00: Augustinus kannte keine Schriften von Plotin selbst.
00:11:04: Es kursierten allerdings zahllose Adaptionen der neuplatonischen Welterklärung.
00:11:10: Wahrscheinlich ist Plotin der am meisten plagiierte Autor aller Zeiten.
00:11:16: Unter monotheistischen Glaubensanhängern wurde der eine Weltgrund, das hen, freilich gleich mit Gott identifiziert. Das geht direkt gegen die Intention Plotins, denn Gott ist eindeutig eine Bestimmung, welche das hen gerade nicht aufweisen kann.
00:11:35: Für Augustinus lässt sich das System aber sogar noch mit seinem ehemals vertretenen Manichäismus vereinbaren, da auf der einen Seite die göttliche Vollkommenheit des Guten steht und auf der anderen Seite die böse Materie und die Welt, die sich im Menschen mischen und in ihm ihren Kampf austragen.
00:11:59: Augustinus erfindet aus diesen Grundlagen heraus sogar den freien Willen.
00:12:05: Wir stellen uns vor, dass jeder Mensch mit seiner Seele irgendwo in der Mitte zwischen dem göttlichen Einen und der bösen Materie steht.
00:12:15: Der Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen findet ja in jedem Einzelnen von uns statt.
00:12:21: Nun müssen wir als Menschen tagtäglich mit materiellen und weltlichen Gegenständen Umgang haben.
00:12:29: Wir brauchen etwas zu essen, reden mit anderen Menschen, sind in soziale Strukturen eingewoben und so fort.
00:12:37: Die Entscheidungen, welche wir dabei für Handlungen treffen, sind rein willkürlich. Wir haben eine Wahl zwischen verschiedenen Möglichkeiten und treffen diese nach unseren Präferenzen und Interessen.
00:12:51: Augustinus nun legt eine zweite Ebene über diese freiwilligen Entscheidungen, die in der Ausrichtung besteht, ob wir in all unseren Entscheidungen in Richtung auf die materiellen, bösen Gegenstände oder mehr in Richtung auf das göttliche Gute hin tendieren.
00:13:12: Ein tatsächlich freier Wille ist damit allerdings nicht gemeint. Zwar bestimmt der obere Wille, wie wir uns in der Welt und dieser gegenüber verhalten,
00:13:21: welche Entscheidungen wir also auf der unteren Ebene treffen. Über das obere Vermögen können wir dagegen nicht entscheiden.
00:13:30: Es verdankt sich allein Gott, der Einzelne auswählt, die sich in ihrer ganzen Lebensführung ausschließlich ihm und seiner Wahrheit zuwenden.
00:13:41: Diese Einteilung in die eigene Gruppe der Guten und die böse Gruppe der anderen wird heute immer noch vorgenommen – und, wie wir wissen, mit zum Teil katastrophalen Folgen.
00:13:54: Augustinus hütete sich allerdings davor, die Dichotomie empirisch irgendwie zu verankern.
00:14:00: In den meisten Fällen können wir eben nicht sagen, wer zu welcher Gruppe gehört.
00:14:07: Das Kriterium der Zuordnung ist nämlich keines, welches sinnlich wahrnehmbar wäre, sondern ein rein geistiges, höheres oder, wenn man so will,
00:14:18: metaphysisches.
00:14:21: Die fatalen Folgen werden deswegen auch meistens von den politischen Praktikern verursacht und nicht von den Intellektuellen wie Augustinus.
00:14:30: Dieser neigt ohnehin dazu, die ganze materielle Welt als böse zu qualifizieren – mindestens gegenüber der höheren und göttlichen Wahrheit.
00:14:42: Die Realität derart abzuwerten, rechtfertigt bei den Praktikern auch jede Grausamkeit gegen die anderen, weil diese ja eh die Bösen sind.
00:14:54: Sich dagegen rein intellektuell von der Realität zu entfernen, weist eine ganz andere Kehrseite auf.
00:15:02: Wir sind nämlich der Überzeugung, dass die Wirklichkeit eindeutig ist. Wir denken, dass das, was faktisch real vorliegt, keinem interpretativen Spielraum unterliegt.
00:15:15: Für Augustinus und alle anderen Schwarz-Weiß-Maler spielen die empirischen Realitäten nun aber gerade keine Rolle, und das meint, dass deren Bedeutung nur mit dem Maßstab der höheren Wahrheit zu bestimmen ist.
00:15:32: Die Abwendung von der realen Welt führt also zu der Ansicht, dass alles, was so scheinbar eindeutig vorliegt, erst interpretiert werden
00:15:43: muss.
00:15:45: Das hatte bei Augustinus zunächst wiederum eine positive Folge.
00:15:50: Er entdeckte dadurch nämlich die Hermeneutik. Er stand vor dem Problem, dass die Schriften des Alten Testaments nicht mehr recht zu den modernen Zeiten passen wollten.
00:16:01: Weil die Texte aber unbedingt wahr sein mussten, folgt daraus, dass diese metaphorisch, bildlich ausgelegt werden mussten.
00:16:11: Nicht der tatsächlich empirisch nachprüfbare Wortlaut ist entscheidend, sondern die Auslegung durch den Interpreten.
00:16:20: Wenn diese nicht beliebig erfolgen sollte, musste eine gesicherte Methode entwickelt werden, wie das zu geschehen hat.
00:16:30: Tatsächlich wurde erst durch solche Überlegungen deutlich, dass wir für Wissensbildung und Erkenntnis gesicherte Methoden verwenden müssen.
00:16:40: Die Realitätsverweigerung von Augustinus führte kurioserweise schrittweise zur Entwicklung auch von naturwissenschaftlichen Methoden.
00:16:54: Welches Verständnis von Politik und Staat können wir bei Augustinus nun erwarten?
00:17:02: Politik und soziale Organisation sind eindeutig innerweltliche Auseinandersetzungen, die sich an der gegebenen Realität orientieren oder wenigstens orientieren sollten.
00:17:14: Die materielle Welt aber ist nach Augustinus böse.
00:17:18: Das Böse hat danach nichts Eigenständiges an sich. Es ist allein durch seine Entfernung von Gott, dem höchsten Prinzip, dem Guten, bestimmt
00:17:29: und letztlich dadurch vom Sein und seiner Fülle. Was aber am meisten vom Sein entfernt ist,
00:17:38: also gar kein eigenes Sein aufweisen kann, ist folglich nichts.
00:17:45: Augustinus lehnt sich durch seine Ausbildung als Redner eng an Cicero an.
00:17:51: Jetzt müssen wir uns fragen: Wie ist das wiederum miteinander zu vereinbaren?
00:17:56: In seinem Werk
00:17:57: De civitate Dei, das meist mit „Über den Gottesstaat“ übersetzt wird, im Grunde aber nur „Über die Gottesgemeinschaft“ bedeutet, lautet ein berühmtes Zitat.
00:18:10: Ich zitiere: „Was anderes sind also Reiche,
00:18:17: wenn ihnen Gerechtigkeit fehlt, als große Räuberbanden?
00:18:22: Sind doch auch Räuberbanden nichts anderes als kleine Reiche.
00:18:27: Auch da ist eine Schar von Menschen, die unter Befehl eines Anführers steht, sich durch Verabredung zu einer Gemeinschaft zusammenschließt und nach fester Übereinkunft die Beute teilt.
00:18:44: Wenn dies üble Gebilde durch Zuzug verkommener Menschen so ins Große wächst, daß Ortschaften besetzt, Niederlassungen gegründet, Städte erobert, Völker unterworfen werden, nimmt es ohne weiteres den Namen Reich an, der ihm offenkundig nicht etwa hingeschwundene Habgier, sondern erlangte Straflosigkeit
00:19:11: erwirbt.“
00:19:15: Der Wortlaut
00:19:17: zur Definition der res publica bei Cicero ist hier genau gespiegelt.
00:19:24: Dort hieß es, der Staat sei eine Gemeinschaft von Menschen, welche unter dem gleichen Recht leben und gemeinsame Interessen verfolgen.
00:19:35: Für Augustinus sind solche Gebilde von Räuberbanden nicht zu unterscheiden. Was Cicero mit der Gerechtigkeit begründet, geht Augustinus hier gerade ab.
00:19:45: Die Gerechtigkeit ist das Gute, und das findet sich nicht auf dieser Welt, sondern nur jenseits von ihr, in Gott.
00:19:52: Seine weltliche Gemeinschaft, welche er der göttlichen gegenüberstellt, bilden dann auch nicht die Menschen, die staatlich irgendwie organisiert sind – das sind die Guten wie die Bösen –, sondern diejenigen Menschen, welche sich der Welt und den materiellen Genüssen verschrieben haben.
00:20:13: Diese finden sich bekanntlich überall und eben auch in der heiligen Kirche.
00:20:19: Die göttliche Gemeinschaft besteht dagegen in einer rein geistigen Dimension derer, die erstens auserwählt wurden
00:20:28: und die zweitens ihr Leben ganz dem Dienst an Gott gewidmet haben.
00:20:33: Es kann also durchaus vorkommen, dass ein staatlicher Herrscher Angehöriger der göttlichen Gemeinschaft ist – auch wenn das extrem unwahrscheinlich sein dürfte.
00:20:46: Auch den Ursprung des weltlichen Staats kleidet Augustinus in eine Allegorie nach der biblischen Geschichte.
00:20:54: Dort gründet Kain, der Ackerbauer, die erste Stadt.
00:20:58: Sein Bruder Abel, der Viehzüchter, dagegen ist heimatlos.
00:21:03: Augustinus schreibt im 15. Buch von De civitate Dei: „Als jene beiden Staaten mit ihrer Aufeinanderfolge von Geburt und Tod anfingen, sich zu entfalten,
00:21:17: da ward zuerst der Bürger dieser Erdenwelt geboren, nach ihm aber,
00:21:23: der ein Fremdling auf Erden und Glied des Gottesstaates war, aus Gnaden vorherbestimmt, aus Gnaden auserkoren,
00:21:33: aus Gnaden ein Fremdling hier unten,
00:21:36: aus Gnaden ein Bürger
00:21:39: droben.“
00:21:42: Die Mitglieder der Gottesgemeinschaft sind fremd in der Welt.
00:21:46: Sie leben unter den Weltzugewandten,
00:21:49: gehören allerdings nicht wirklich dazu.
00:21:52: Erst am Jüngsten Tag trennen sich die beiden Gemeinschaften wieder. Ihre Grundlage verortet Augustinus in der Ausrichtung ihres Willens.
00:22:04: Und so schreibt er: „Jedoch jede menschliche Hausgemeinschaft, die nicht aus dem Glauben lebt, trachtet nur danach, im Genuß der Gaben und Güter des zeitlichen Lebens irdischen Frieden zu gewinnen. Eine Hausgemeinschaft aber von solchen, die aus dem Glauben leben,
00:22:27: erwartet die ewigen Güter, die für die Zukunft verheißen sind, und gebraucht die irdischen und zeitlichen Dinge nur wie ein Gast,
00:22:39: läßt sich von ihnen nicht fangen und vom Wege zu Gott abbringen, sondern stärkt sich durch sie, die Last des vergänglichen Leibes, der die Seele beschwert, leichter zu ertragen und so wenig wie möglich zu vermehren.
00:22:57: So ist zwar der Gebrauch der für unser sterbliches Leben notwendigen Dinge beiderlei Menschen und Häusern gemeinsam.
00:23:04: Aber der Endzweck, zu dem man sie gebraucht, ist bei beiden anders und grund-
00:23:12: verschieden.“
00:23:15: Alles Streben nach weltlichen Gütern einschließlich des Friedens, der Bildung und der Gerechtigkeit dient bloß der Eintracht der Bürger.
00:23:27: Wir erinnern uns, dass der Staat bei Aristoteles und Cicero notwendig für die Menschen und letztes Ziel alles Handelns war.
00:23:36: Nach Augustinus ist für diejenigen, welche der Gottesgemeinschaft angehören, der weltliche Friede nur ein Mittel, bis das vergängliche Leben ein Ende hat.
00:23:48: Zwar gehorchen diese Jenseitsbürger ebenso dem Staat, allerdings aus völlig anderen Gründen.
00:23:57: Mit der Trennung der Gemeinschaften kritisiert er ebenso die heidnischen Geschichtsvorstellungen, welche Religion und Politik mischten.
00:24:06: Für ihn sind diese vollständig voneinander abzutrennen – und das geht bis in jede einzelne Handlung hinein.
00:24:15: Das Maß dafür liegt nicht darin, was getan wird, sondern in welcher Gesinnung es vollzogen
00:24:21: wird.
00:24:22: Für die Auserwählten steht alles in einem überzeitlichen, dezidiert nichtgeschichtlichen Zusammenhang.
00:24:29: Ihr Handeln hat letztlich mit der Welt überhaupt nichts zu tun, sondern ausschließlich mit ihrem Heil im Jenseits.
00:24:41: Entweder wir sind auf Gott und unser ewiges Heil ausgerichtet oder eben auf den Teufel und unsere Verdammnis.
00:24:50: Nachdem Politik eindeutig ein weltliches Handeln darstellt, ist für den wahren Christen klar, was er davon zu halten hat.
00:24:58: Das Problem liegt darin, dass Augustinus als Kirchenvater bei Theologen das höchste Ansehen hatte und fleißig gelesen und tradiert wurde.
00:25:10: Und er bot für jede Seite und für jede politische Handlung die Möglichkeit, den politischen Gegner als Satan zu bezeichnen oder
00:25:18: anzusehen.
00:25:19: Generell ist ja jede Auseinandersetzung mit allen irdischen Angelegenheiten nichtig und sündhaft. Schon die Beschäftigung damit lenkt von Christus und unserem jenseitigen Heil ab.
00:25:34: Einmal erwähnt Augustinus sogar das Singen von Kirchenliedern in diesem Zusammenhang.
00:25:43: Irgendwie müssen sich alle Bürger um sich selbst, das Ihre und die Ihrigen kümmern.
00:25:50: Aber das darf für die Gottesbürger nie einen Selbstzweck darstellen.
00:25:56: Die Gerechtigkeit, die bisher aus den Handlungen resultierte, ist bei Augustinus allein bei Gott.
00:26:03: Der Mensch hat im Grunde überhaupt keinen eigenständigen Bezug zu ihr.
00:26:09: Da bei Cicero das Recht seine Grundlage
00:26:12: in der Gerechtigkeit hatte, kann es auf der Welt auch das nicht geben und damit auch keine gemeinsamen Rechtsvorstellungen, also kein Volk und ohne Volk auch keinen Staat.
00:26:26: Es gibt letztlich auch keine Geschichte, denn dem, was auf Erden geschieht, geht jeder Sinn und Zusammenhang ab.
00:26:35: Alles dümpelt da mehr so vor sich hin.
00:26:40: Die totale Abwertung alles Weltlichen ist bei Augustinus heilsgeschichtlich begründet.
00:26:46: Der Christ lebt als Fremder in der Welt.
00:26:49: Diese darf ihn gar nicht mehr interessieren.
00:26:52: Wenn wir genau hinsehen, wird durch diese radikale Dominanz der Eschatologie jeder Begriff – wie er sich bisher in der geistesgeschichtlichen Tradition herausgebildet hatte –,
00:27:10: ja selbst die Alltagssprache im unmittelbaren Kontext dessen, was wir jeweils meinen, ganz eigenartig verschoben.
00:27:14: Im Grunde wissen wir gar nicht mehr, was wir sagen, und wir können es auch nicht wissen, weil jeder nähere Sinn nur vom Jenseits und dem Ende aller Zeiten zu bestimmen ist.
00:27:27: Tatsächlich also werden die Worte für uns dann diffus.
00:27:31: Das gilt selbst für die Heilsgeschichte – diese hat einen Anfang und ein Ende.
00:27:36: Alles, was dazwischen liegt, ist allerdings irrelevant und bedeutungslos.
00:27:42: Und auch die Menschen sind sich dann untereinander vollkommen fremd.
00:27:49: In der Folge wurde freilich trotz oder durchaus mit Augustinus Politik gemacht.
00:27:55: Die Kirche maßte sich gerne an, das Heil zu verwalten, um daraus durchaus auch weltliche Ansprüche geltend zu machen, und Einzelne gingen bis zur Forderung nach Hierokratien.
00:28:09: Der Streit zwischen kirchlicher und weltlicher Macht durchzog dann auch die nächsten über tausend Jahre.
00:28:17: Augustinus wollte tatsächlich nur das Christentum in seinem Verständnis verteidigen, auch wenn er dabei sehr radikal vorging.
00:28:27: An staatlichen Machtfragen hatte er dezidiert nicht das geringste Interesse.
00:28:34: Sehr leicht aber lassen sich seitdem solche geistigen oder ideellen Ansprüche für die weltliche Macht instrumentalisieren.
00:28:43: Wenn sich kein guter Mensch für die Gestaltung der sozialen und politischen Wirklichkeit interessieren darf, wenn alles nur von einer höchsten Gewalt geordnet werden kann, wenn generell dort auch festgelegt wird, was das bedeutet, ist eine maximale Unordnung die Folge.
00:29:03: Deswegen sind die letzten Konsequenzen aus dem Ansatz nur selten gezogen worden.
00:29:09: Zur Begründung, man vertrete die Sache Gottes auf Erden, freilich schon.
00:29:15: Die strenge Trennung zwischen göttlicher und irdischer Gemeinschaft konnte ohnehin nicht tatsächlich umgesetzt werden – außer, wie erwähnt, zu Propagandazwecken und um den Gegner zu diffamieren, weil für keinen Menschen erkennbar war, wer zu welcher Gruppe gehörte.
00:29:34: Da Augustinus seine Heilslehre gerade im Kontrast zur Geschichte des Römischen Reiches entwickelt hatte, interessierte man sich in der langen folgenden Zeit auch überhaupt nicht mehr für die in Rom entwickelten Institutionen.
00:29:51: Mit dem ganzen heidnischen Zeug wollte man erst einmal gar nichts mehr zu tun haben.
00:29:56: Deswegen entwickelte sich zum Beispiel das Recht erst einmal fern von öffentlichen Angelegenheiten weiter.
00:30:04: Die Menschen hatten damals weder die Möglichkeit, sich politisch zu engagieren, noch auch ein Interesse daran, nachdem sie von den Kanzeln nichts anderes als von der Verderbtheit alles Weltlichen hörten.
00:30:22: Die folgende Zeit hatte also die Aufgabe, eine wirkliche Hierarchie auszubilden, die eine politiktheoretische Begründung von Herrschaft überhaupt erst zuließ,
00:30:34: nachdem im Anschluss an Augustinus keine Differenzierung mehr möglich
00:30:39: war.
00:30:58: Herausgegeben vom Felix Meiner Verlag mit freundlicher Unterstützung durch das Stipendienprogramm des Freistaats Bayern
00:31:05: „Junge Kunst und neue Wege“
00:31:07: und der Franken-Akademie
00:31:09: Schloss Schney.
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