Folge 4: Cicero
Shownotes
Was verbindet Bürger zu einem Gemeinwesen - gemeinsame Macht, gemeinsamer Nutzen oder gemeinsames Recht?
Cicero war Philosoph, Redner und politischer Akteur. Seine Bedeutung liegt nicht nur in der Vermittlung griechischer Gedanken, sondern in ihrer Umformung für die römische Rechts- und Handlungskultur. Günter Fröhlich erläutert in der 4. Folge von „Der Weg der Demokratie“ Ciceros Begriff der „Humanitas“ und die Vorstellung, dass Menschen durch Bildung, vernünftige Beratung und Dienst am Gemeinwohl politische Würde erwerben. In „De re publica“ erscheint das Gemeinwesen als Sache des Volkes: als Verbindung von Menschen, die Recht anerkennen und gemeinsamen Nutzen verfolgen.
Die römische Mischverfassung verbindet monarchische, aristokratische und demokratische Elemente. Zugleich entsteht eine bis heute offene Spannung: Gilt Recht, weil es vernünftig und naturgemäß ist - oder weil es in einem politischen Verfahren gesetzt wurde?
In dieser Folge
- Ciceros Humanismus und die Idee der gleichen menschlichen Anlagen
- „res publica“ als Sache des Volkes
- Mischverfassung, Senat, Ämter und Volksbeschlüsse
- Klugheit, Würde und Gemeinwohlorientierung
- Naturrecht und positiv gesetztes Recht
Bezug zum Buch Vertiefung in Band 1, Kapitel 3 „Ciceros Humanismus“ sowie im Exkurs zu Institutionen und Funktionalisierung.
Text, Redaktion, Sprecher und Musik: Günter Fröhlich. Herausgeben vom Felix Meiner Verlag mit freundlicher Unterstützung durch das Stipendienprogramm des Freistaats Bayern „Junge Kunst und neue Wege“ und der Franken-Akademie Schloß Schney e. V. Podcast-Website: weg-der-demokratie.podigee.io Buchveröffentlichung: meiner.de/weg-der-demokratie © 2026, Günter Fröhlich & Felix Meiner Verlag GmbH. Alle Rechte vorbehalten.
Transkript anzeigen
00:00:04: Es gibt nicht viele politische Denker, die auch unmittelbar Regierungsverantwortung übernahmen.
00:00:28: Cicero gehört dazu.
00:00:30: Dabei ist seine philosophische Originalität häufig bestritten worden.
00:00:36: Er kompiliere nur, hieß es, was seine griechischen Vorgänger schon sagten.
00:00:41: Er schreibe ab, und zwar kreuz und quer, wie es ihm gerade in den Sinn komme.
00:00:48: Das vergisst erstens, dass sich die römische Kultur und Denkweise in vielen Bereichen von der griechischen erheblich unterscheidet.
00:00:57: Man war in Italien zwar schon viel länger beeindruckt von der griechischen Kunst, der Literatur und freilich der Philosophie, man grenzte sich zum Teil aber auch vehement davon ab.
00:01:11: Zweitens kann Rom mit einer ganzen Reihe von modernen Errungenschaften aufwarten, welche das Griechische einfach nur noch antik aussehen lassen.
00:01:22: Dazu gehört insbesondere das römische Rechtsdenken, das sich zwar erst im Lauf von über tausend Jahren entwickelte – nehmen wir die Zeitspanne vom Zwölftafelgesetz bis zum Codex Iustinianus –, bereits in seinen Anfängen allerdings einige bemerkenswerte Neuerungen aufwies, vor allem im Hinblick auf die Differenzierung der Rechtsbereiche und die Verfahrensordnung.
00:01:51: Drittens leistete Cicero die immense Aufgabe, den griechisch-philosophischen Fachwortschatz ins Lateinische zu übertragen, um freilich dadurch eine ganz neue Sprache zu schaffen.
00:02:07: Er amalgamierte die griechischen Ausdrücke mit seiner spezifisch römischen Weltsicht.
00:02:16: Die alten Griechen blickten ganz unbefangen und eher staunend in die Welt.
00:02:22: Die menschliche Vernunft verstehen sie als Nachbildung der kosmischen Ordnung. Der Römer sieht eher auf die Welt, um diese zu verändern.
00:02:34: Die Vernunft dient ihm dazu, die Welt umzugestalten.
00:02:38: Das Lateinische ist in seinen Wortbedeutungen viel aktiver, handlungsbezogener.
00:02:45: Und die Sprache prägt den Blick auf die Welt.
00:02:49: Cicero kennt beides.
00:02:51: Er bewundert die contemplatio der Griechen, schätzt also die bloße Betrachtung der kosmischen Ordnung und geht ebenso rein theoretischen Beschäftigungen nach, verachtet zuweilen das politische Treiben geradezu, wenn er politisch wieder einmal gescheitert ist.
00:03:10: Sobald sich die Gelegenheit bietet, möchte er freilich wieder mitmischen.
00:03:15: Vielleicht befähigte ihn diese Eigenschaft besonders, den Wortsinn der griechischen Vorstellungswelt erst einmal zu erfassen, um diesen dann der lateinischen Aktivitätssprache anzuverwandeln.
00:03:31: Für die griechischen Philosophen liegt das Maß für den Menschen und die Natur in der göttlichen Ordnung.
00:03:38: Er blickt sozusagen hinauf.
00:03:41: Für den gebildeten Römer blickt der Mensch dagegen herab auf die Natur, insbesondere auf das Tier, das er ist.
00:03:50: Wenn etwas den Menschen zum Menschen machen kann, dann nach der römischen Denkungsart nur er selber.
00:03:58: Gegen alles Barbarische, Wilde und Unzivilisierte wird der Mensch erst Mensch durch seine Kultur – und die muss er sich aufbauen und erwerben.
00:04:10: Die Bedeutung von Bildung und Erziehung ist damit genauso hoch anzusiedeln wie bei den Griechen. Mit seiner Konzentration auf das genuin Menschliche erfand Cicero im Grunde den Humanismus – und das ist die Lehre davon, dass alle Menschen gleich sind.
00:04:31: Von der Gleichheit aller Menschen ist Cicero zutiefst
00:04:35: überzeugt.
00:04:37: Allerdings versteht er das sozusagen als natürliche Ausgangsbedingung weiterer Überlegungen im Sinne von: Jedem Menschen ist es möglich, ein Mensch zu werden – eben durch Erziehung und Bildung.
00:04:52: Hinzu tritt die Fähigkeit, das Erworbene auch auszudrücken.
00:04:58: Der umfassendste Mensch ist damit nach Cicero im politischen Redner zu finden, weil dieser die Gemeinschaft zu ihrem Wohl gestalten kann.
00:05:09: Der gute Rhetor weiß im Grunde alles, soweit er sich unabhängig von seinen eigenen Interessen nur für die gemeinsame Sache einsetzt.
00:05:21: Offenbar bestimmt der Grad der Zivilisation, wie sehr ein Mensch ein Mensch ist.
00:05:26: Cicero redet gerne von den optimi, von den sogenannten Besten.
00:05:33: Weil das seinerzeit bereits aufstieß, wurde er in einer Rede – es war die gegen Sestius – von einem politischen Gegner gefragt: Wer denn diese Besten bitteschön seien?
00:05:46: Die Frage hatte freilich den Sinn, das einfache Volk gegen Ciceros Elitismus aufzubringen.
00:05:52: Cicero zählt dann von den obersten Staatsbeamten bis zum einfachsten Handwerker und Tagelöhner alle auf, die eben alle zu den Besten gehören,
00:06:03: wenn sie, wie er sagt, anständig und vernünftig sind und in geordneten Verhältnissen leben.
00:06:09: Und wenn sie dem Gemeinwohl dienen. Entscheidend für den Staat insgesamt aber ist es, dass alle Bürger unter demselben Recht leben wollen.
00:06:22: Zum Begriff der humanitas bei Cicero gehören das decorum, also das, was sich schickt, die paideia, das Wissen, das man erwirbt, die libertas, also das Denken und Handeln von Nutzenüberlegungen freizuhalten, das otium und das studium.
00:06:44: Die Muße und der lernende Eifer.
00:06:48: Wer all das mitbringt –
00:06:50: und hier wird es wohl tatsächlich etwas elitär –, hat dignitas.
00:06:55: Das heißt Würde und Ansehen.
00:06:58: Dieser ist dann besonders befähigt, ein Gemeinwesen zu regieren.
00:07:05: Dieses Konzept wurde über die Renaissance, über Kant und die Aufklärung weiterverfolgt.
00:07:11: Es prägt uns heute mehr, als wir manchmal zugeben mögen.
00:07:16: Dabei erweiterte sich erstens die Personengruppe, welche dignitas aufweist, immer mehr, bis wirklich alle Menschen damit gemeint sind – die dann Würde haben.
00:07:26: Wenigstens de jure, wenn auch immer noch nicht in der Wirklichkeit.
00:07:32: Zweitens verlangen wir von Politikern immer noch herausragende Fähigkeiten im Sinne der humanitas, und das trotz aller widersprechenden Erfahrungen.
00:07:43: In diesem Kontext taucht bei Cicero noch ein Begriff auf, der die beiden Momente, das Aktive und das Elitär-Egalitäre des humanum, anschaulich umschreibt: das consilium.
00:08:00: Das ist die planend-rationale Überlegung, die Beratschlagung und letztlich Klugheit.
00:08:07: Es beschränkt sich im Römischen nicht nur auf die Ausprägung einer inneren Haltung zu dem, was gerade vorliegt, sondern erstreckt sich unmittelbar ebenso auf die konkrete Entscheidung und letztlich sogar die Durchführung dieses getroffenen Entschlusses.
00:08:25: Da jedes gut regierte Staatswesen durch dauerndes consilium gelenkt und damit erhalten werden muss, sind zur Regierung diejenigen am besten geeignet, die am meisten consilium aufweisen.
00:08:41: 1820 entdeckte man in der Vatikanischen Bibliothek ein Palimpsest.
00:08:47: Pergament ist eine widerstandsfähige, aber teure Schreibunterlage – und um es wiederzuverwenden, kratzte man manchmal den alten Text einfach ab und schrieb neu darüber.
00:09:00: Aber der alte Text hinterlässt Kratzer und Spuren, die sich mit etwas Mühe auch nach dem Überschreiben lesen lassen.
00:09:08: Unter dem neuen Text fanden sich Teile, etwa 25 Prozent, von Ciceros Buch De re publica.
00:09:17: Man wusste zwar, dass es das Buch gegeben hatte – es galt aber als verschollen.
00:09:22: Der ursprüngliche Text umfasste insgesamt sechs Bücher, je zwei über die Staatsformen, über die Gerechtigkeit und über den besten Politiker.
00:09:33: Der Titel De re publica, zu übersetzen mit
00:09:40: „Über den Staat“ beziehungsweise „Über das Gemeinwesen“, ist mit Platons Politeia gewissermaßen identisch – und Cicero schrieb dann freilich auch noch ein Buch De legibus, also „Über die Gesetze“.
00:09:53: Auch beim Stil lässt sich Cicero von seinem Vorbild Platon leiten.
00:09:58: Nach einer Einleitung erzählt er ein Gespräch.
00:10:03: Gleich zu Beginn wird darin der Staat, also die res publica, wörtlich definiert – dieser sei die Sache des Volkes.
00:10:14: Das beinhaltet bereits eine demokratische Wendung, ohne dass wir das im heutigen Sinne verstehen dürfen.
00:10:22: Cicero versteht das so, dass jedem Bürger ein Anteil an der Regierung gegeben werden müsse.
00:10:29: Allerdings meint er das wieder abgestuft.
00:10:32: Die Größe des Anteils bemisst sich eben nach der dignitas, der Würde des Einzelnen beziehungsweise
00:10:40: der Volksgruppe.
00:10:41: Und so lässt Cicero den Feldherrn und Politiker Scipio Africanus sagen – ich zitiere aus De re publica: „Es ist also das Gemeinwesen die Sache des Volkes.
00:10:55: Ein Volk aber ist nicht jede irgendwie zusammengescharrte Ansammlung von Menschen, sondern die Ansammlung einer Menge, die in der Anerkennung des Rechtes und der Gemeinsamkeit des Nutzens vereinigt ist.
00:11:13: Ihr erster Beweggrund, zusammenzukommen, ist nicht so sehr die Schwäche als eine sozusagen natürliche Geselligkeit der
00:11:23: Menschen.“
00:11:26: Es sind also drei Momente, welche das staatliche Gemeinwesen auszeichnen.
00:11:35: Weil der Mensch von Natur aus ein soziales Lebewesen ist, schließen sich zum Ersten mehrere zu einer Gruppe zusammen, die zweitens gemeinsame Rechtsvorstellungen teilen und die drittens beschließen, zum gemeinsamen Nutzen zu handeln. Für Cicero unterliegen alle Menschen dem Selbsterhaltungstrieb, dem Fortpflanzungstrieb, dem Streben nach Erkenntnis, eben dem Gemeinschaftstrieb, gleichermaßen.
00:12:08: Der Staat ist also eine eigene Kulturform, die aus der Natur des Menschen hervorgetrieben wird.
00:12:15: Sein Ursprung verdankt sich damit nicht dem Recht des Stärkeren, der Gewalt oder Macht von Einzelnen, ja, nicht einmal einem Mangel in der natürlichen Ausstattung der Menschen, wodurch der Mensch zum Zusammenschluss gezwungen wäre, weil er sonst in der rauen Natur nicht überleben könnte.
00:12:39: Bereits klassisch ist zu Ciceros Zeiten die Staatsformenlehre, die in ihrer Einteilung von Aristoteles stammt.
00:12:48: Cicero lässt in seinem fiktiven Gespräch die Vor- und Nachteile von Monarchie, Aristokratie und Demokratie erörtern und kommt dadurch zu seinem Bekenntnis zur Mischverfassung, welche die jeweiligen Vorteile der verschiedenen Verfassungsformen in sich vereinigt und dabei gleichzeitig deren Nachteile vermeidet.
00:13:12: In erster Linie liegen die Nachteile jeweils in der Einseitigkeit, mit der bestimmte Bevölkerungsgruppen – einer, viele, alle – gegenüber den anderen bevorzugt werden und so mit ihrer Macht die anderen unterdrücken.
00:13:28: Die Dauer einer Regierungsform hängt nach Cicero von ihrer Stabilität ab. Das ist ihm zufolge nicht von der konkreten Gestaltung abhängig, sondern vielmehr davon, ob diese auf einem sittlichen Fundament aufruht. Es kommt ihm damit darauf an, ob durch die Regierungsart die Gerechtigkeit zur Geltung kommt.
00:13:53: Befördern die Regierenden das Gemeinwohl, hat niemand einen Grund, die Verfassung zu ändern.
00:14:00: Wird das unterlassen,
00:14:02: kommt es notwendigerweise zu Umsturz und Revolution.
00:14:07: Auch um das zu verhindern, müsse jedem ein Anteil an der Regierung eingeräumt werden.
00:14:15: Wir dürfen uns erstens fragen, worauf sich ein Herrschaftsanspruch im besten Fall gründet, wenn die Macht nicht gleich verteilt werden soll, und zweitens, wie das konkret auszugestalten ist.
00:14:32: Der gute Einzelherrscher ist für Cicero getrieben von der caritas, also seiner Sorge um das Wohl seiner Untertanen.
00:14:41: Die gute Herrschaft der Besten, die Aristokratie, zeichnet sich durch die größte Expertise im consilium aus.
00:14:48: Und das Volk sollte, nachdem es von allen staatlichen Entscheidungen betroffen ist und eben weil es einen Anteil an der Macht haben sollte, zumal es die Versorgung des ganzen Apparats übernimmt, auch seinen Anteil bekommen.
00:15:05: Im jahrhundertelangen Ringen um die beste Verfassung, welche am wahrscheinlichsten die Gerechtigkeit hervorbringt, ist die Gestaltung der römischen Republik zufällig nun genau die Form, welche Cicero bevorzugt.
00:15:26: Der Senat, die Versammlung der Besten, ist das Gremium, welches die besten Vorschläge diskutiert.
00:15:34: Dort sitzen die Leute, welche durch lange Familientradition, durch Erziehung und Bildung und durch schon übernommene Regierungsverantwortung am besten wissen, was zu tun möglich und richtig ist.
00:15:49: Die Ausübung eines öffentlichen Amtes ist in Rom auf ein Jahr begrenzt.
00:15:54: Auch das höchste Amt, das Konsulat, zeichnet sich durch Kollegialität aus, wird also immer doppelt besetzt.
00:16:03: Über die wichtigsten Angelegenheiten entscheidet das Volk, und diese Entschlüsse sind durch ihren Gesetzescharakter verbindlich.
00:16:12: So erhält jeder seinen Anteil an der Regierung, je nach seinen Fähigkeiten und seiner Würde.
00:16:20: Weil jeder seinen Platz im Staat hat und seine Aufgaben kennt, weiß sich jeder auch darin einzuordnen, um das ganze Gebilde tatkräftig mitzutragen und mitzugestalten.
00:16:36: Der Aufbau des römischen Staats bis ins erste vorchristliche Jahrhundert hinein prägte den Begriff der Republik. Noch bis weit in die Neuzeit wurden die Modelle der athenischen Demokratie und der römischen Republik als Vorbilder in der politischen Verfassungsdiskussion bemüht.
00:16:57: Zu Recht werden wir uns heute schwertun damit, aus den antiken politischen Wirklichkeiten etwas Positives für unsere moderne Situation abzuleiten.
00:17:06: Zu weit liegen die Weltverhältnisse von damals zurück – zu vieles hat sich seitdem weiterentwickelt.
00:17:13: Für manches haben wir auch eigene schmerzliche Erfahrungen machen müssen. Der Wert der politischen Philosophie bei Cicero für das Verständnis unserer Welt liegt dann auch ganz woanders.
00:17:31: Worum es dabei geht, ist etwas schwierig zu rekonstruieren, weil dieses Konstrukt mehrere wichtige Anhaltspunkte enthält, die sowohl ihre Verbindlichkeit als auch ihre Ambivalenz erhalten haben.
00:17:48: Dadurch tradierte sich ein Grundwiderspruch, der bis heute nicht aufgelöst werden konnte.
00:17:53: Gemeint ist die Dichotomie zwischen Naturrecht und positiv gesetztem Recht – auch wenn in der heutigen Zeit der Schwerpunkt auf den positiv in Geltung stehenden Rechtsnormen liegt.
00:18:06: Allerdings gibt es offenbar immer wieder Anlässe, auf naturrechtliche Elemente zurückgreifen zu müssen.
00:18:12: Sie spielen zum Beispiel eine Rolle, vor allem beim internationalen Recht, im Völkerrecht, im Kriegsvölkerrecht oder auch in der Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Terrorregime beziehungsweise
00:18:25: bei den deutschen Mauerschützenprozessen.
00:18:29: Um zu verstehen, was damit gemeint ist, können wir bei Ciceros humanistischer Anthropologie ansetzen.
00:18:37: Danach sind ja alle Menschen gleich, zumindest ihren Fähigkeiten nach. Und das heißt, um einen aristotelischen Ausdruck zu gebrauchen: Sie sind potenziell gleich.
00:18:54: Um auch aktual, also wirklich gleich zu werden, brauchen sie Erziehung und Bildung.
00:19:02: Daraus entwickeln sie – und das versteht Cicero durchaus als eine Entwicklung, welche den natürlichen Voraussetzungen des Menschen folgt – ihre Kultur.
00:19:14: Den Leitfaden für diesen zivilisatorischen Fortschritt bildet die menschliche Vernunft.
00:19:21: Die aktive Bearbeitung im Umgang mit den Dingen, im sozialen Austausch und ebenso in Beziehung auf sich selbst lässt dann nach und nach die zweite Natur des Menschen hervortreten.
00:19:38: Diese liegt darin, sich von der Vernunft leiten zu lassen, Tugend und Tatkraft an den Tag zu legen und Manifestationen dieser kulturellen Formen, sei es in Form von Gebäuden, Literatur oder Institutionen, hervorzubringen und zu pflegen.
00:20:01: Einer der wichtigsten Zivilisationsbereiche ist das Recht.
00:20:06: Dabei kann es nicht sein, dass das Recht auf verschiedenen Grundlagen aufruht oder unterschiedliche Sphären umfasst.
00:20:14: Das Recht ist vielmehr Ausdruck einer einheitlichen Ordnung, welche letztlich die Ordnung im Kosmos und in der Natur widerspiegelt.
00:20:25: Im sozialen und politischen Zusammenleben schafft es die Voraussetzungen dafür, dass sich jeder Mensch umfassend bilden kann.
00:20:37: Der spezifische Zusammenschluss der Menschen zu einem Staat führt dann insbesondere dazu, dass die sich verbindenden Menschen gemeinsame, einheitliche Rechtsvorstellungen aufweisen.
00:20:52: Wie gesagt, sind diese nicht verstreut, hier so, woanders anders, sondern diese folgen dem vereinheitlichenden Maß der Vernunft.
00:21:04: Das bedeutet zuletzt, dass Rechtsvorstellungen, egal, wo sie entwickelt werden, dieselben sein müssen.
00:21:13: Dieser Umstand wirkt wiederum zurück auf die Gleichheit der Menschen.
00:21:19: Weil alle Menschen gleich sind, weil alle die gleiche Vernunft haben, gilt letztlich überall das gleiche Recht.
00:21:28: Das damals bekannte fortschrittlichste Recht fand sich für Cicero freilich in Form der römischen Rechtsnormen.
00:21:37: Das heißt zuletzt, dass alle Menschen, welche Vernunft haben, sich beim römischen Recht einig sein müssen und jeder gern Teil dieser Rechtsgemeinschaft sein möchte, ja, wenn er Vernunft hat, geradezu von der Natur gezwungen wird, sich der universellen Rechtsordnung des Römischen Reiches zu beugen.
00:22:00: Dieses Konzept war in Rom schon länger Gemeingut und diente gewissermaßen auch der Rechtfertigung, andere Völker unter die Herrschaft Roms zu bringen: Wir tun ja nur das Beste für die unterworfenen Völker.
00:22:14: Es wurde aber ebenso lange von diesen Völkern durchaus kritisch hinterfragt.
00:22:21: Durch die Kultur und Zivilisation, welche jedes Individuum jeweils für sich ausprägte, kommt es bei Cicero zu den Unterschieden zwischen den Menschen, nach denen eben nicht mehr alle gleich sind, sondern daraus folgt, dass sich einige unterzuordnen haben, während andere geeignet sind zu herrschen.
00:22:46: Der vollkommene Mensch ist dann der politisch tätige Redner, der Kultur, Tatkraft und Vernunft ausbildete und jederzeit umfassend, vor allem in ziseliert ausgearbeiteten, ästhetisch hochanspruchsvollen Reden vor dem Senat, anwendet.
00:23:08: Dieser weist vor allem das Kennzeichen auf, dass er sich niemals um seine eigenen Interessen bemüht, sondern sich ganz dem Dienst am Gemeinwohl verschreibt.
00:23:22: Daraus können wir nun ableiten, dass Cicero letztlich einen Weltstaat propagiert, welcher alle Menschen unter der Einheit eines gemeinsamen Rechts versammelt.
00:23:36: Dies wäre möglich, sobald alle Kulturen sich so weit fortentwickelten, dass sie das Recht, wie es geschichtlich bis dahin nur in Rom ausgeprägt war, verstehen und dann auch übernehmen.
00:23:51: So etwas deutet Cicero allerdings nur an – er erkennt durchaus Unterschiede in der Lebensart an.
00:23:59: Und mit einigen Ausprägungen gerade der römischen Kultur war er alles andere als
00:24:05: einverstanden.
00:24:07: So hatte er eine enorme Abneigung gegen alles, was mit dem Krieg zu tun hatte – überhaupt mit Gewalt, wie beispielsweise Tierhetzen oder öffentliche Hinrichtungen.
00:24:18: Solche Tätigkeiten veredeln den Menschen nämlich nicht, sondern lassen diesen verrohen.
00:24:26: Nachdem er allerdings beim Recht nur eines kennt und dessen Verständnis an bestimmten Bedingungen der persönlichen Vernunftausprägung festmacht, neigt er zuweilen zu ziemlichen Abwertungen gegenüber anderen Kulturen, für die er nicht immer ganz so aufgeschlossen ist, wie er den Eindruck zu erwecken sucht.
00:24:51: Diese Ausprägung im Rechtsverständnis weist deutlich zwei Stränge auf, die sich nicht ganz schlüssig miteinander verbinden lassen.
00:25:01: Die Vernunft fungiert hier allein als Wahrnehmungsorgan für das über allen Sinnen stehende Recht.
00:25:09: Sonst ist diese eher ein Konstruktionsorgan, um eben das Gesetz auch formulieren zu können.
00:25:16: Bei Cicero erscheint das Recht einerseits als Naturrecht – weil es von Natur aus für alle Menschen gilt –, andererseits als Vernunftrecht, die auch nur eine ist.
00:25:29: Letztlich identifiziert er beides miteinander.
00:25:33: Das Recht, das er letztlich meint, ist nicht gemacht, sondern erfahren, unveränderlich, natürlich, göttlich, vernünftig.
00:25:45: Damit tritt das Recht gewissermaßen in den Gegensatz zum positiven Recht innerstaatlicher
00:25:51: Entscheidungen.
00:25:53: Das macht Cicero auch unmissverständlich deutlich.
00:25:57: In De re publica lässt er Laelius sagen – ich zitiere: „Es ist aber das wahre Gesetz die richtige Vernunft,
00:26:09: die mit der Natur in Einklang steht, sich in alle ergießt, in sich konsequent, ewig ist,
00:26:18: die durch Befehle zur Pflicht ruft, durch Verbieten von Täuschung abschreckt, die indessen den Rechtschaffenen nicht vergebens befiehlt oder verbietet, Ruchlose aber durch Geheiß und Verbot nicht bewegt.
00:26:35: Diesem Gesetz etwas von seiner Gültigkeit zu nehmen, ist Frevel, ihm irgend etwas abzudingen, unmöglich, und es kann ebensowenig als Ganzes außer Kraft gesetzt werden.
00:26:52: Wir können aber auch nicht durch den Senat oder das Volk von diesem Gesetz gelöst werden; noch wird es in Rom ein anderes Gesetz sein, ein anderes in Athen, ein anderes jetzt, ein anderes später, sondern alle Völker und zu aller Zeit wird ein einziges, ewiges und unveränderliches Gesetz beherrschen.
00:27:20: Und einer wird der gemeinsame Meister gleichsam und Herrscher aller sein:
00:27:26: Gott.“
00:27:28: Zitat Ende.
00:27:30: Cicero meint mit diesem ewigen Gesetz die Gerechtigkeit – und keine positiven Gesetze oder positiv gegebenen Gesetze.
00:27:41: Der Mensch muss das alles einsehen und in den öffentlichen Angelegenheiten entsprechend danach handeln. Er hat dabei eher einen individuellen geistigen Bezug im Sinn, den ein Mensch im Verhältnis zu Vernunft und Recht ausprägt.
00:28:00: Das consilium, also die Klugheit, geht von der umfassenden Gleichheit der Menschen aus und wählt angesichts einer Sachlage aus, was richtig und was falsch ist.
00:28:16: Erst daraus leiten wir später das positive Recht ab und konstruieren politische Ordnungssysteme.
00:28:25: Das ewig gültige Gesetz,
00:28:28: die Natur, die Vernunft, die Gerechtigkeit und die politische Ordnung fließen nach dem Maß der göttlichen
00:28:37: Vernunft
00:28:38: sozusagen zusammen.
00:28:42: Und so folgert Cicero in De legibus – ich zitiere: „Ferner besteht unter denjenigen, unter denen die Gemeinschaft des Gesetzes herrscht, auch die Gemeinschaft des Rechtes.
00:28:58: Diejenigen aber, denen diese Dinge gemeinsam sind, müssen als Bürger desselben Staates
00:29:06: gelten.“
00:29:08: „Wenn sie schließlich denselben Weisungen und Gewalten Folge leisten, ist das noch viel mehr der Fall.
00:29:16: Sie gehorchen aber dieser kosmischen Ordnung, dem göttlichen Geist und dem allmächtigen Gott, so daß nunmehr diese gesamte Welt als ein gemeinsamer Staat der Götter und Menschen anzusehen
00:29:34: ist.“
00:29:39: Politik ist der öffentliche Austausch zur Etablierung einer innerweltlichen Ordnung.
00:29:46: Bei Cicero enthält diese Ordnung die hohe Weihe einer göttlichen Weltordnung, die alles umfasst, was es gibt und denkmöglich ist.
00:29:58: Der Anspruch ist hoch.
00:30:00: Es besteht die Gefahr, die eigene politische Sicht als verbindlichen Maßstab nicht nur der sozialen Welt überzustülpen, sondern diese zudem mit dem göttlichen Segen für die Weltordnung auszustatten und sie gegen jeden kritischen Einwand, gegen andere Ansichten, überhaupt gegen den Austausch und die Debatte letztlich zu immunisieren.
00:30:32: Dass so etwas geschieht, erleben wir bis heute.
00:30:37: Sie hörten „Der Weg der Demokratie“.
00:30:40: Weitere Informationen zu dieser Folge und zum gleichnamigen Buch finden Sie in den Shownotes.
00:30:46: Abonnieren Sie den Podcast auf Ihrer Plattform.
00:30:48: Idee, Autor, Text, Redaktion, Sprecher und Musik: Günter Fröhlich.
00:30:53: Herausgegeben vom Felix Meiner Verlag mit freundlicher Unterstützung durch das Stipendienprogramm des Freistaats Bayern „Junge Kunst und neue Wege“.
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