Folge 3: Aristoteles
Shownotes
Wie können unterschiedliche Interessen in einer politischen Gemeinschaft ausgeglichen werden?
Während Platon nach einer idealen, vernünftig geordneten Staatsform sucht, richtet Aristoteles den Blick stärker auf die Verschiedenheit realer Gemeinschaften. Eine Verfassung muss zu den Menschen, ihrer Lebensweise, ihrer Wirtschaft und ihren Konflikten passen.
Günter Fröhlich erläutert, weshalb der Mensch für Aristoteles erst in der politischen Gemeinschaft seine Fähigkeiten entfalten kann. Besonders wichtig ist die Politie: eine Ordnung freier und gleicher Bürger, in der Regieren und Regiertwerden wechseln und unterschiedliche Interessen institutionell ausgeglichen werden. Dabei werden Grenzen des antiken Denkens nicht ausgespart: Sklaverei, der Ausschluss von Frauen und Unfreien sowie ein enger Bürgerbegriff. Zugleich entstehen bei Aristoteles Grundgedanken zu Repräsentation, Gewaltenteilung, sozialer Stabilität und flexiblen Verfahren.
In dieser Folge
- der Mensch als „zoon politikon“
- Staatsformen und die Politie als gemischte Ordnung
- gutes Leben, Tugend, Bildung und politische Beteiligung
- Interessen von Armen, Reichen und Berufsgruppen
- Institutionen als anpassungsfähige Verfahren
Bezug zum Buch Vertiefung in Band 1, Kapitel 2 „Aristoteles und der Mensch als zoon politikon“, besonders zur Politie als System des Ausgleichs. Siehe „Der Weg der Demokratie“.
Text, Redaktion, Sprecher und Musik: Günter Fröhlich. Herausgeben vom Felix Meiner Verlag mit freundlicher Unterstützung durch das Stipendienprogramm des Freistaats Bayern „Junge Kunst und neue Wege“ und der Franken-Akademie Schloß Schney e. V. Podcast-Website: weg-der-demokratie.podigee.io Buchveröffentlichung: meiner.de/weg-der-demokratie
© 2026, Günter Fröhlich & Felix Meiner Verlag GmbH. Alle Rechte vorbehalten.
Transkript anzeigen
00:00:03: Der Weg der Demokratie. Staffel 1: Gemeinschaft, Herrschaft, Souveränität – Platon bis Bodin. Ein Podcast von Günter Fröhlich, herausgegeben vom Felix Meiner Verlag. Folge 3: Aristoteles.
00:00:20: Der Staat bei Aristoteles ist ebenso notwendig wie bei Platon, aber bei ihm aus natürlichen und organischen Gründen.
00:00:30: Der Mensch findet erst zu sich selbst, wenn er in sozialen Verbänden organisiert ist.
00:00:36: Dazu geht Aristoteles von einer ganz besonderen Voraussetzung aus.
00:00:41: Wir können in der Wirklichkeit beobachten, dass Lebewesen immer in Bewegung sind.
00:00:48: Nun wäre die bloße Veränderung für sich sinnlos. Also nimmt Aristoteles an, dass alles auf ein Ziel und letztlich auf seine Vollendung
00:00:58: zustrebt.
00:01:01: Die Ethik und die Politik stellen dann die Frage, welche Ziele Menschen erreichen wollen.
00:01:09: Der Sinn des Handelns bemisst sich am Ergebnis. Das Denken in Verläufen ist eine etwas vertrackte Angelegenheit.
00:01:17: Insofern kommt Aristoteles ein unschätzbares Verdienst zu, sich daran orientiert zu haben.
00:01:24: Er kann als der Philosoph der dynamischen Bewegung bezeichnet
00:01:28: werden.
00:01:30: Lebewesen oder Dinge sind das, was sie sind, nach Aristoteles durch ihre Form.
00:01:37: Geformt wird der Stoff beziehungsweise die formlose Materie.
00:01:44: Diese ist nun für sich nichts, sondern bloße Möglichkeit, welche durch ihre Form zur Aktualität kommt und dadurch wirklich wird.
00:01:56: In der Form liegt gleichzeitig der begriffliche Ausdruck, und deswegen können wir sagen, was etwas ist, indem wir seine Form bestimmen.
00:02:08: Die Formen für sich sind natürlich auch nicht wirklich. Wirklich ist allein der durch eine Gestalt definierte Stoff.
00:02:17: Während der Stoff sich wandelt, bleibt die Form jeweils gleich.
00:02:21: Der Stoff wird dadurch etwas anderes, wenn er eine andere Form
00:02:25: erhält.
00:02:27: Seine Vollendung strebt ein Organismus dadurch zu, als er seine Form immer präziser verwirklicht.
00:02:36: Die Bewegung zur Formvollendung verläuft nicht für sich selbst, sondern ist abhängig von den empirischen Rahmenbedingungen.
00:02:45: So findet sich jeder einzelne Mensch mit bestimmten inneren und äußeren Anlagen.
00:02:51: Er wird genetisch geprägt und entwickelt einen Charakter angesichts seines sozialen Umfeldes.
00:02:58: Er interagiert mit anderen und hat Vorstellungen, Wünsche, Pläne.
00:03:05: Ob er diese und wie er sie erreicht, wirkt wiederum zurück auf seine spezifische Eigenart.
00:03:14: Vielfältiger ist das beim öffentlichen Handeln.
00:03:18: Hier geben zum Beispiel die Regierungsart, das Wirtschaftssystem, die politische und die rechtliche Lage, andere Akteure und die Parteiungen, die Interessenlage und die Interessenkonflikte die Rahmenbedingungen für die Handlungsmöglichkeiten vor,
00:03:37: die sich durch Eingriffe jederzeit wandeln können.
00:03:41: Gegenüber Platon interessiert sich Aristoteles sehr viel mehr für die empirischen Gegebenheiten.
00:03:48: Dennoch findet sich bei ihm ein starker Idealismus, wenn er annimmt, dass jedes Lebewesen nach seiner Vollendung strebt.
00:03:57: Neben der zielführenden Bewegung interessiert sich Aristoteles vor allem für die Verschiedenheit.
00:04:05: Gewiss müssen wir notwendige Bedingungen von besonderen unterscheiden. So braucht jeder Mensch zu essen, eine soziale Umgebung, Schutz und eine Tätigkeit.
00:04:18: Was er isst,
00:04:19: wie die Familienbeziehungen gestaltet sind, wie er gesichert ist und was er tut, kann dabei völlig unterschiedlich ausfallen.
00:04:28: Irgendwie aber muss das alles für ihn persönlich passen, und so gibt es ebenso unterschiedliche Kulturen, für die jeweils eine andere politische Organisation geeignet ist.
00:04:44: Den Idealstaat für alle Menschen gibt es entsprechend bei Aristoteles nicht.
00:04:50: Geeignet ist diejenige Staatsform, die zu ihren Bürgern passt.
00:04:55: Herrschen sollten bei Aristoteles in jedem Fall die Besten, auch wenn das nur einer ist.
00:05:02: Dennoch gibt es dabei eine Reihe von Kriterien, damit wir uns darüber austauschen können.
00:05:08: Für Aristoteles gibt es sechs verschiedene Staatsformen.
00:05:12: Drei davon tendieren zum Schlechteren, nämlich Despotie, Oligarchie und Demokratie.
00:05:20: Die weiteren drei tendieren zum Besseren, nämlich wenn einer herrscht, die Monarchie,
00:05:25: wenn es die Besten sind, die Aristokratie,
00:05:29: und wenn es alle Bürger sind, die sogenannte Politie, die im Wortsinn politische Verfassung.
00:05:37: Jede dieser Formen kann sich infolge der inneren und äußeren Bedingungen ganz unterschiedlich ausprägen.
00:05:45: Vor allem Kultur und geografische Lage, Wirtschaft und Handelsbeziehungen spielen dabei eine entscheidende Rolle.
00:05:56: Wie Platon geht
00:05:57: Aristoteles zunächst von der Einrichtung der Arbeitsteilung aus.
00:06:02: Das einzelne Haus bildet eine wirtschaftliche Einheit, welche die grundlegenden Existenzbedingungen der Menschen, die dort leben, gewährleistet.
00:06:13: Mehrere Häuser vereinen sich zu einem Dorf,
00:06:17: damit nicht jeder alles für sich machen muss, sondern die Leute sich zum gegenseitigen und gemeinsamen Nutzen spezialisieren können.
00:06:25: So weit gehorchen die sozialen Einrichtungen den Bedingungen, auf die der Mensch aus rein biologischen Gründen angewiesen ist.
00:06:36: Seine natürliche Ausstattung tendiert gemäß seiner Vollendungshypothese dazu, das materielle und soziale Leben zu sichern und möglichst ökonomisch zu organisieren.
00:06:51: Das Ziel der Dorfgemeinschaft ist das bloße Überleben ihrer Einwohner. Damit bleiben die Menschen hinter ihren Entwicklungsmöglichkeiten allerdings zurück.
00:07:01: Der Mensch will mehr als das bloße Leben.
00:07:06: Er strebt nach einem guten Leben.
00:07:10: Dafür muss er die Anlagen, die er hat, in vollem Umfang ausprägen.
00:07:15: Diese Fähigkeiten unterliegen freilich wieder den teleologischen Grundannahmen bei Aristoteles.
00:07:21: Der grundsätzlichen Möglichkeit nach sind diese Bestformen oder Tugenden des Menschen allesamt bei jedem irgendwie vorhanden.
00:07:31: Erst aber durch ihre Einübung vollenden sie sich.
00:07:35: Mit solchen durch Erziehung auszuprägenden Anlagen meint Aristoteles zum Beispiel so etwas wie Besonnenheit, Klugheit, Kenntnisse, Vernunft, Tapferkeit oder Gerechtigkeit.
00:07:51: Um diese Bestformen auszuüben, genügt das Dorf nicht mehr.
00:07:56: Die Dörfer schließen sich also zu einer Stadt zusammen, um im gegenseitigen Austausch all das hervorzubringen, was die Menschen als gutes Leben bezeichnen. Und damit ist die möglichst breite Ausübung dieser Bestformen gemeint.
00:08:14: Dieser Umstand ist für Aristoteles so wichtig, dass er behauptet, der Staat ist vor dem Haus da.
00:08:22: Er schreibt, ich zitiere: „Dass also der Staat von Natur ist und ursprünglicher als der Einzelne, ist klar.“
00:08:32: Sein eigenes Ideal liegt dabei in der Wissenschaft, der konzentrierten Betrachtung der Natur, die im besten Fall fernab der öffentlichen Belange
00:08:43: stattfindet.
00:08:44: Aber auch der Gelehrte ist letztlich von den realen Bedingungen des Lebens und damit von seinem Dorf und der Stadt abhängig.
00:08:55: Platon hatte eine starke Tendenz dazu, das Leben der Menschen vollständig öffentlich zu machen.
00:09:02: Wir erinnern uns an die Kinder- und Frauengemeinschaft, und in den Nomoi schlägt er Syssitien vor, also gemeinsame Mahlzeiten aller Bürgerinnen und Bürger, vor allem aber innerhalb der Armee.
00:09:17: Aristoteles trennt zwischen einem privaten und einem öffentlichen Leben.
00:09:23: Privat ist alles, was im Haus stattfindet und von dem der Vorsteher des Hauses unmittelbar betroffen ist.
00:09:32: Öffentlich dagegen ist alles, was im Dorf und der Stadt vor sich geht.
00:09:38: Damit kommen wir zu einem Problem, das die antike politische Philosophie in vielen Ausprägungen ungeeignet macht, um für heutige Verhältnisse noch wirklich relevant zu sein.
00:09:52: Dennoch stammen die meisten Begriffe und eine ganze Reihe von Vorstellungen, wie die von den Regierungsformen, eben die Unterscheidung zwischen privat und öffentlich, so etwas wie soziale Ordnung, die Relevanz von Wirtschaft und Arbeitsteilung, Bedeutung der geografischen Lage und so vieles mehr aus den Diskussionen bei den antiken Denkern, von denen ausgehend sie dann über die Jahrhunderte hinweg tradiert wurden.
00:10:21: Es sind vor allem zwei Voraussetzungen, die wir heute nicht mehr mittragen können.
00:10:29: Erstens beruht die gesamte antike Wirtschaft auf der Sklaverei.
00:10:35: Zweitens sind alle Nicht-Vollbürger politisch und persönlich entrechtet, also alle Frauen, Kinder und Unfreien.
00:10:47: Aristoteles hält das für natürliche Vorgaben.
00:10:50: Zwar weisen auch diese unfreien Frauen und Kinder, die überwiegende Mehrzahl an Menschen in der Bevölkerung, die Fähigkeit zur Vernunft auf, sie seien aber eben nicht in der Lage, diese auch auszuüben.
00:11:06: Tatsächlich beruht die Lehre von der Unabhängigkeit des Vollbürgers, auf die es Aristoteles ankommt, darauf, dass dieser sich um nichts anderes recht kümmern muss als um die öffentlichen Institutionen.
00:11:24: Das Grundverhältnis in der Politik besteht nach ihm darin, dass die Menschen herrschen und beherrscht werden.
00:11:31: Am besten, und deswegen bevorzugt Aristoteles die Regierungsform der Politie, hat dies, das Regieren, abwechselnd zu geschehen.
00:11:42: Auch hier kommt es auf Bildung und Erziehung an, denn derjenige könne am besten gut herrschen, so nimmt der Philosoph an, der zuvor gut beherrscht worden sei.
00:11:54: Auch hier ist entscheidend, dass ohne gute Bürger kein guter Staat zu machen ist und
00:12:01: umgekehrt.
00:12:03: Und so beginnt Aristoteles seine Überlegungen zur Politik mit dem Satz.
00:12:09: Ich zitiere: „Da wir sehen, dass jeder Staat eine Gemeinschaft ist und jede Gemeinschaft um eines Gutes willen besteht, denn alle Wesen tun alles um dessentwillen, was sie für gut halten,
00:12:28: so ist klar,
00:12:30: dass zwar alle Gemeinschaften auf irgendein Gut zielen, am meisten aber und auf das unter allen bedeutendste Gut jene, die von allen Gemeinschaften die bedeutendste ist und alle übrigen in sich umschließt.
00:12:49: Diese ist der sogenannte Staat und die staatliche
00:12:54: Gemeinschaft.“
00:12:57: Wir sehen gleich, dass das Ziel des Staates ein Gut darstellt.
00:13:02: Es handelt sich letztlich um die gerechte Stadt.
00:13:06: Aristoteles ist sich bewusst, dass es sich dabei um eine Annahme und keinen Beweis handelt.
00:13:13: Die Zielbestimmung, das Glück der Stadt, soll den in sich sinnlosen Aufbau immer neuer Ziele des Handelns ein Ende bereiten.
00:13:23: Das meiste nämlich, das wir tun, tun wir um etwas anderes willen. Wenn wir handeln, verfolgen wir im Normalfall bloß ein Zwischenziel.
00:13:34: Das Glück des Einzelnen dagegen und das Glück aller Bürger eines Staates sind die Endziele allen menschlichen Handelns, worauf letztlich jede Tätigkeit hinausläuft.
00:13:48: Da das Glück bei Aristoteles aus der Tätigkeit selbst hervorgeht, erstreben wir damit als Ziel keinen Zustand eines angenehmen Wohlgefühls.
00:14:00: Es geht immer nur um das Handeln selbst, mit dem wir das Richtige und Vernünftige realisieren.
00:14:07: Das ist radikal dynamisch verstanden, geht immer von einer konkreten Situation aus, in der ein ganz bestimmter Mensch steht, der sich entscheidet und dann das tut, zu was er im besten Fall fähig und tätig ist.
00:14:25: Das erfordert jedes Mal eine andere Handlung und Intention, sobald sich die reale Situation ändert
00:14:32: oder an genau der gleichen Stelle ein anderer Mensch stünde.
00:14:37: Es gibt insofern keine per se richtigen oder vernünftigen Handlungen, weil
00:14:43: das, was wir tun sollen,
00:14:45: von den realen Bedingungen und dem jeweils Einzelnen abhängt. Ob der Handelnde mit seinem Tun Erfolg hat, spielt bei aller Teleologie bei Aristoteles keine Rolle.
00:14:58: Was dabei herauskommt, ist egal.
00:15:01: Die Handlung ist gut, wenn das Bestmögliche durch den Handelnden geleistet wurde.
00:15:09: Aristoteles ist überzeugt davon, dass wir uns an unser Tun gewöhnen, jedes Mal ein bisschen mehr.
00:15:18: Ich kann objektiv besehen einen völligen Unfug mit katastrophalen Folgen unternehmen.
00:15:24: Wenn es das Beste war, was ich gerade angesichts meiner gründlichen Einschätzung der Situation, meiner bisherigen Prägung und unter Einsatz aller mir möglichen Bestformen tun konnte, ist es richtig und gut.
00:15:39: Das ist nicht so fatalistisch gemeint, wie es jetzt klingt, denn wenn ich die gegebene Situation genau prüfe, wenn ich immer schon das mir Bestmögliche anstrebte, wenn ich mich umfassend um das bemühe, was mir als Bestes erscheint, führt das in den allermeisten Fällen gerade nicht zur Katastrophe.
00:16:01: Auf der einen Seite ist von einem Menschen nicht mehr zu verlangen, als dass er in dem geschilderten Sinne umsichtig handelt. Auf der anderen Seite werde ich von einem Menschen, der bisher immer faul, jähzornig, ungerecht und feig war, nicht besonders viel erwarten können.
00:16:22: Aber dem vertraue ich dann besser auch den Staat nicht an.
00:16:27: Dagegen könne von einem, der immer das ihm Bestmögliche tut,
00:16:31: von dem werde ich verlangen müssen, dass er mehr wie ein Gott als ein Mensch handelt.
00:16:37: Die Anforderungsspirale bei Aristoteles dreht sich tatsächlich zwangsläufig bis zu diesem jedes menschliche Maß übersteigenden Punkt.
00:16:48: Aber das nur am Rande.
00:16:50: Wichtig erscheint mir, dass sich der Idealismus bei Aristoteles ganz eng an seinen Realismus anschmiegt.
00:17:00: In seine Handlungslehre webt Aristoteles noch einen weiteren entscheidenden Punkt mit
00:17:06: ein.
00:17:08: Wenn wir etwas tun, haben wir es mit bestimmten Gegenständen oder eben Menschen zu tun, an denen wir die Handlung ausführen.
00:17:18: Der Realismus erfordert, dass das sachadäquat geschieht.
00:17:22: Gelingt das, vollbringen wir eine Leistung.
00:17:27: Nun liegt diese Leistung schon im Tun selbst und nicht erst im Ergebnis, wie wir gesehen haben.
00:17:34: Das Handeln ist schon ein Werk. Ergon heißt das auf Griechisch.
00:17:41: Wir können den Begriff eben mit Werk übersetzen,
00:17:45: mit Leistung oder aber mit Funktion.
00:17:49: Wir müssen uns sehr genau verdeutlichen, was passiert, wenn wir handeln,
00:17:54: damit wir die spezifische Bedeutung dessen, was Aristoteles mit ergon meint, verstehen können.
00:18:02: Für alles, was durch menschliches Tun geschieht, liegen die Bedingungen für ein bestmögliches Ergebnis in der Spezifik von Situation und Bearbeitung.
00:18:15: Wenn etwas gelingt, sprechen wir auch davon, dass es funktioniert, also seine Funktion erfüllt.
00:18:23: Das gilt nicht nur für einzelne Handlungen, sondern auch für Einrichtungen, welche einem prozessualen Ablauf folgen.
00:18:31: Ist dieser hinreichend formalisiert, sprechen wir von einer Institution.
00:18:38: Aristoteles sieht die begrifflichen Zusammenhänge so eng, dass er leicht in der Lage ist, die Bedeutung von öffentlichen Einrichtungen einschätzen zu können.
00:18:49: Gleichzeitig bedenkt er immer ebenso die flexible Dynamik von Abläufen und kommt so insgesamt zu einer Vorstellung, welche die Öffentlichkeit und die Politik als ein Gefüge versteht,
00:19:06: das sich fortlaufend verändert, anpasst und verbessert, wenn Menschen in der wechselseitigen Auseinandersetzung jeweils das Bestmögliche unternehmen.
00:19:18: Das schließt politische Konflikte freilich nicht aus,
00:19:22: hält es aber für möglich, dass diese innerhalb des politischen Gefüges nach institutionellen Regeln bearbeitet werden können, ohne in Gewalt eskalieren zu müssen.
00:19:36: Ich will betonen, wie wichtig eine solche Einsicht für unser heutiges Verständnis ist beziehungsweise
00:19:42: sein kann.
00:19:44: Aristoteles begründet das allein über seine spezifische Handlungslehre und schafft damit Voraussetzungen, die es erst viel später möglich machen werden, staatliche Einrichtungen umfassend zu formalisieren, vor allem dann natürlich mit der Hilfe des Rechts, und damit Prozesse, also politische Abläufe, zu institutionalisieren.
00:20:10: In allen öffentlichen Belangen sind Auseinandersetzungen nur zu verstehen und zu bearbeiten, wenn dabei die jeweilige Situation und die beteiligten Personen berücksichtigt werden.
00:20:25: Ein politisches System ist dann stabil, wenn es einerseits zu den beteiligten Menschen passt, andererseits flexibel genug ist, sich unterschiedlichen Situationen anpassen zu können.
00:20:41: Von daher kommt Aristoteles zu ganz verschiedenen Regierungsformen, die jeweils für einzelne Gemeinschaften und Gesellschaften mit bestimmten kulturellen Prägungen sinnvoll sind.
00:20:56: Sein Ausgang von der Arbeitsteilung, sein Individualismus, der darin liegt, dass erst jeder Einzelne für seinen Zuständigkeitsbereich das jeweils Beste tut beziehungsweise
00:21:07: wenigstens intendiert, und seine Ansicht, dass Menschen ohnehin schon von Natur aus zusammenleben wollen, führt ihn zu dem Schluss, dass es für vernünftige Wesen wie den Menschen das Beste ist, wenn möglichst viele an den Regierungsgeschäften beteiligt sind.
00:21:29: Da das manchmal schwierig ist, weil es zu viele werden können und außerdem niemand regiert wird,
00:21:35: wenn alle regieren, empfiehlt er die Abwechslung von Regieren und Regiertwerden.
00:21:44: Eine entsprechende staatliche Einrichtung würde dazu führen, dass nicht nur jeder Mensch für sich autark ist, sondern die Gemeinschaft der quasi Selbstregierten ebenso. Die Autarkie, also die Selbstbestimmung, aber ist ihm eine der wichtigsten Voraussetzungen wiederum für das Glück.
00:22:06: Nur wenn ein Mensch ganz unabhängig in seinen Entscheidungen ist, kann er das Richtige für sich tun.
00:22:17: Das Verhältnis der Bürger zueinander heißt Herrschaft und ist, wenn dort Regeln gelten, Politeia, also eine Verfassungsordnung.
00:22:29: Despotien oder Tyranneien sind deswegen im eigentlichen Sinne nicht politisch, ebenso wenig wie die private Herrschaftsform im Haus.
00:22:40: Politisch heißt deswegen Herrschaft Einzelner über Freie und Gleiche.
00:22:47: Der Mensch ist schon biologisch ein Sozialwesen. Erst als zoon politikon, als politisches Lebewesen also unter politisch Gleichgestellten im Wechsel von Herrschen und Beherrschtwerden, kann er allerdings seine Fähigkeiten voll ausprägen.
00:23:08: Aristoteles schreibt, ich zitiere: „Aber es gibt auch eine Herrschaft, in der man über Gleichartige und Freie regiert.
00:23:19: Diese nennen wir die politische Herrschaft oder Politik.
00:23:24: Sie muss der Regent lernen dadurch, dass er regiert wird.
00:23:30: Darum wird auch mit Recht gesagt, dass keiner gut regieren kann, der nicht sich gut hat regieren lassen.
00:23:39: Hier handelt es sich um verschiedene Tugenden.
00:23:42: Der gute Bürger aber muss sich sowohl regieren lassen wie auch regieren können.
00:23:47: Und dies ist die Tugend des Bürgers, die Regierung von Freien in beiden Richtungen zu
00:23:55: verstehen.“
00:24:00: Die Bücher über die Politik von Aristoteles sind erst nach seinem Tod in der vorliegenden Form geordnet worden.
00:24:09: Nach allgemeinen Bemerkungen zur Natürlichkeit staatlichen Zusammenschlusses werden darin eine Reihe von Einzeluntersuchungen angestellt, so zur Wirtschaft und verschiedenen Verfassungsformen, insbesondere der Politie, also der im engeren Sinn politischen Verfassungsform, über die Einrichtung der Gesetze, der Ämter, der Institutionen und der Bedeutung der politischen Stabilität.
00:24:37: Zum Abschluss kommen wieder Fragen nach dem guten Leben und der besten Erziehung zur Sprache.
00:24:44: Der Staat ist bei Aristoteles Ursprung und Ziel zugleich. Die Polis, die Stadt, stellt erst die Bedingungen zur Verfügung, innerhalb derer das menschliche Streben sein Ziel, eben das gute Leben, erreichen kann.
00:25:02: Im Sozialverhalten ist der Mensch nämlich kein bloßes Herdentier. Er hat Vernunft, und damit macht er einen Unterschied zwischen nützlich und schädlich sowie zwischen gerecht und ungerecht.
00:25:16: Der staatliche Aufbau mit Haus, Dorf, Stadt ist ebenso in der Sprache abgebildet. Wie die Tiere kann sich der Mensch durch bloße Laute verständigen.
00:25:30: Innerhalb des Dorfes, der zweiten Stufe, verhandelt er mit den anderen über das, was nützlich und schädlich ist.
00:25:38: Und erst auf der dritten Stufe, der Stadt, richtet er eine weitere Gemeinschaftsform ein, welche das gute Leben zum Ziel hat.
00:25:49: Die Definition des Menschen als zoon politikon geht parallel zur Definition des zoon logon echon, also als Lebewesen, das Logos hat,
00:26:03: indem er, was Logos heißt, Sinnzusammenhänge herstellt und sich mit anderen darüber austauscht.
00:26:12: Durch seine Vernunft organisiert sich der Mensch politisch.
00:26:17: Diese Stufen umschreiben außerdem für Aristoteles eine Art Werthierarchie, die beim Einzelnen handlungsleitend wird. Das müssen wir uns genauer ansehen.
00:26:29: Der einzelne freie Bürger verfolgt mit seinem Handeln beim wirtschaftlichen und sozialen Austausch innerhalb des Dorfes seine privaten Interessen.
00:26:41: Auch auf der politischen Ebene wird er also versuchen, die Rahmenbedingungen innerhalb der Stadt zu seinem Vorteil zu gestalten.
00:26:51: Für Platon hätte ein solches Vorgehen, jeder verfolgt seine eigenen Interessen, maximale Verwirrung und ständige Konflikte zur Folge gehabt, weswegen er den Staat nach allgemeinen Vernunftregeln einrichten wollte, worin jeder seinen Platz unter der Führung der Vernunft kennt.
00:27:09: Aristoteles dagegen transformiert dieses Dilemma. Wenn jeder seine Interessen vertreten kann,
00:27:17: führt das nicht zum Streit, sondern im politischen Austausch zu einem Ausgleich der Interessen, womit dem Allgemeinwohl am besten gedient ist.
00:27:28: Entscheidend ist ihm dennoch:
00:27:30: Der gute Bürger denkt die gemeinschaftlichen Interessen immer mit.
00:27:36: Wer nur seine Partikularinteressen verfolgt, verfehlt von vorneherein das Ziel der Politik, eben das gute Leben, das der Stadt und sein eigenes.
00:27:47: Das Abwägen erfolgt dabei mit Hilfe der Klugheit, die wiederum nur durch Erziehung erworben werden kann.
00:27:57: Klar ist aber auch:
00:28:00: Die Menschen sind unterschiedlich.
00:28:03: Aristoteles entwirft bereits eine Soziologie der Bevölkerungsgruppen, also zum Beispiel Wohlhabende, Beamte, Militärs, Handwerker, Bauern oder Tagelöhner.
00:28:15: Jede soziale Gruppe weist unterschiedliche Klasseninteressen auf, und der harte Schnitt geht für Aristoteles zwischen den Armen und den Reichen.
00:28:27: Wenn die soziale Schere zu groß wird, wird auch der Staat instabil.
00:28:34: Insgesamt sollte allen Bevölkerungsgruppen irgendein angemessener Anteil an der politischen Realität gegeben werden. Nur dann hat niemand ein Interesse, dem politischen System zu schaden, wodurch es letztlich instabil werden würde.
00:28:54: Dabei ist sich Aristoteles ebenso im Klaren darüber, dass die verschiedenen sozialen Gruppen ein ganz unterschiedliches Interesse an der Politik und der Regierung selbst haben.
00:29:06: Dennoch traut er Massenentscheidungen einiges zu, solange ein grundsätzlicher Ausgleich, eine gute Mischung und insbesondere eine hohe Bildung herrscht.
00:29:20: Auffällig ist, dass Aristoteles viele Verfahrensfragen diskutiert.
00:29:25: Einer Herrschaft der Gesetze steht er skeptisch gegenüber.
00:29:30: Gesetze seien inflexibel, einfältig und kalt.
00:29:35: Dennoch sind gute Gesetze für ihn freilich notwendig.
00:29:40: Umgekehrt finden wir bei ihm eine Reihe von Vorbedingungen, welche für die Entwicklung der Demokratie ganz entscheidend waren, vor allem weil er die einzelnen politischen Aufgaben differenziert und formalisiert.
00:29:56: Erwähnt wurde schon die Verhinderung allzu großer Vermögensunterschiede und die Bedeutung des Erziehungssystems.
00:30:03: Zu erwähnen sind ebenso seine Grundüberlegungen zum Rechtsstaat, die Idee der Repräsentation und zur Gewaltenteilung, die Spezialisierung der Verwaltung sowie der Volkswirtschaft und die Bedeutung der Infrastruktur.
00:30:19: Vieles davon passt auch für Flächenstaaten und nicht nur für die Stadtstaaten der
00:30:25: Antike.
00:30:26: Und insofern ist die Behauptung, die antike politische Philosophie sei nur innerhalb kleiner Stadtstaaten geeignet, irreführend.
00:30:36: Was wir von der politischen Philosophie bei Aristoteles heute noch lernen können,
00:30:41: ist die Bedeutung der Dynamik innerhalb des politischen Geschehens.
00:30:46: Die Realität ändert sich nun einmal ständig, und wir müssen auf die Herausforderungen reagieren.
00:30:53: Das kann nur gelingen, wenn wir uns am gemeinsamen Wohl orientiert mit Klugheit untereinander austauschen.
00:31:22: Herausgegeben vom Felix
00:31:23: Meiner Verlag
00:31:24: mit freundlicher Unterstützung durch das Stipendienprogramm des Freistaats Bayern „Junge Kunst
00:31:29: und neue Wege“
00:31:31: und der Franken-Akademie Schloß Schney e. V.
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