Folge 2: Platon

Shownotes

Soll politische Macht beim Volk, bei den Wissenden oder bei den Gesetzen liegen?

Für Platon bietet die politische Wirklichkeit keinen verlässlichen Maßstab für Gerechtigkeit. Die Athener Demokratie hatte Sokrates verurteilt; Mehrheiten können sich irren, sich von Demagogen leiten lassen und Entscheidungen treffen, die dem Gemeinwohl widersprechen. Günter Fröhlich rekonstruiert Platons Gegenentwurf: Philosophen sollen herrschen, weil sie nach Wahrheit und Vernunft streben und nicht nach persönlichem Vorteil. In den späteren „Nomoi“ verschiebt sich der Akzent jedoch von einzelnen Herrschern zu den Gesetzen. Damit treten Fragen hervor, die politische Ordnungen bis heute bestimmen: Wie lässt sich Macht binden? Welche Rolle spielen Wissen, Erziehung und öffentliche Begründung? Und wie viel Veränderung hält eine auf Harmonie gerichtete Ordnung aus? Die Folge zeigt Platon nicht als einfachen Gegner der Demokratie, sondern als scharfen Analytiker ihrer Voraussetzungen und Gefährdungen.

In dieser Folge

  • Sokrates’ Tod als Ausgangspunkt von Platons politischem Denken
  • Philosophenkönige, Wissen und Uneigennützigkeit
  • Platons Kritik an Freiheit, Mehrheit und Demagogie
  • die „Nomoi“ und die Herrschaft der Gesetze
  • Gerechtigkeit als Verbindung von individuellem und öffentlichem Leben

Bezug zum Buch
Vertiefung in Band 1, Kapitel 1 „Platon und die beste politische Ordnung“ des Buches „Der Weg der Demokratie“, insbesondere zu Gerechtigkeit, Philosophenkönigen und Herrschaft der Gesetze.

Text, Redaktion, Sprecher und Musik: Günter Fröhlich.
Herausgeben vom Felix Meiner Verlag mit freundlicher Unterstützung durch das Stipendienprogramm des Freistaats Bayern „Junge Kunst und neue Wege“ und der Franken-Akademie Schloß Schney e. V.

Podcast-Website: weg-der-demokratie.podigee.io
Buchveröffentlichung: meiner.de/weg-der-demokratie

© 2026, Günter Fröhlich & Felix Meiner Verlag GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

Transkript anzeigen

00:00:02: Der Philosoph Platon lebte im 5. und 4. vorchristlichen Jahrhundert.

00:00:23: Mit ihm beginnt die philosophische Reflexion auf der Begriffsebene. Seine Vorgänger, die sogenannten Vorsokratiker, suchten bereits nach einem einheitlichen Weltgrund und fanden diesen zum Beispiel im Wasser, in der Bewegung oder sie nahmen unteilbare Einheiten, sogenannte Atome, an.

00:00:46: Platon hat ein Problem mit der wirklichen Welt, wie wir sie vorfinden.

00:00:51: In dieser Welt nämlich wurde sein Lehrer Sokrates, der trefflichste und auch sonst vernünftigste und gerechteste Mann, wie er ihn in seinem Dialog Phaidon charakterisiert, nach einem öffentlichen Prozess von seinen Mitbürgern in Athen hingerichtet.

00:01:09: Platon meinte, wenn wir uns nur an das Vorfindliche in der Welt halten, so bietet das gerade keinen Anhaltspunkt für ein Leben, wie es dem Menschen im Grunde möglich ist.

00:01:23: Zwar weist die Welt eine in sich geordnete Struktur auf. Aber die Ursache für diese Ordnung kann nicht in der Kontingenz und in der Zufälligkeit ihrer materiellen Erscheinungsweise liegen.

00:01:38: Dort wechselt nämlich alles und verändert sich dauernd.

00:01:42: Etwas Gleichbleibendes wie eine einheitliche Ordnungsstruktur finden wir in der Realität

00:01:50: nirgendwo.

00:01:52: Der Grund dafür, dass die Welt geordnet ist,

00:01:56: dass sie einem universellen Zusammenhang unterliegt, muss deswegen woanders zu suchen sein.

00:02:03: Als Beispiel, dass wir solche Sinnzusammenhänge, indem die einzelnen Elemente wechselseitig aufeinander verweisen, erkennen und verstehen können, nennt er die Mathematik.

00:02:15: Messen wir zum Beispiel die Innenwinkelsumme eines Dreiecks, kommen wir immer auf annähernd 180 Grad. Dass es aber genau 180 Grad sind, müssen

00:02:27: wir wissen. Das ist keine Sache der empirischen Beobachtung, sondern der Erkenntnis und der Vernunft.

00:02:34: Der Begriff dafür lautet im Griechischen Logos. Das meint gleichermaßen den Sinnzusammenhang selbst, also den Sachverhalt, die Fähigkeit, das einzusehen, also die Vernunft, sowie die Fähigkeit, den Sachverhalt tatsächlich auch auszudrücken, also die Sprache.

00:02:56: Daraus ersehen wir, dass die Wahrheit keine Sache der Beobachtung von materiellen Gegebenheiten, die wir mit den Sinnen wahrnehmen, sein kann, sondern eine Sache des Denkens.

00:03:08: Wenn das schon für die Welt gilt, dann erst recht für das menschliche Handeln und die Politik.

00:03:16: Der Prozess gegen Sokrates war im Grunde ein politisches Verfahren, in dem in der öffentlichen Wirklichkeit die Wahrheit und die Gerechtigkeit in Form der Vollstreckung des Urteils gegen Sokrates hingerichtet wurden.

00:03:30: Der Umstand, dass in der empirischen Realität so etwas passieren kann, ist für Platon schon hinreichend dafür, dass wir in dieser Wirklichkeit kein Maß zur Beurteilung dessen, auf was es im menschlichen Leben ankommt, nämlich der Gerechtigkeit, finden können.

00:03:50: Überall findet das Entscheidende nicht in der Wirklichkeit statt,

00:03:57: sondern allein im Denken. Nur die Vernunft findet einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Strebungen und Bewegungen, wie sie die Wirklichkeit in der Welt prägen.

00:04:07: Platon versucht das in immer neuen Anläufen und angesichts der unterschiedlichsten Themen zu belegen. Dabei kennt er die realen Verhältnisse und wie wir sie wahrnehmen sehr gut und eben auch die politischen.

00:04:22: Seine Familie ist ein führender Teil der damaligen Herrscherelite.

00:04:26: Einen gerechten Staat, der für die Menschen gute Lebensverhältnisse garantiert, können wir wohl nur mithilfe der Vernunft entwerfen, nicht aber aus dem faktischen Zustand der Staaten, wie Platon sie zu seiner Zeit vorfindet.

00:04:43: Sein berühmter Satz hierzu lautet, ich zitiere aus der Politeia: „Durch eine einzige Veränderung könnten sich die Staaten umwandeln, freilich durch keine kleine und nicht leichte, aber doch mögliche.“

00:05:02: Und er fährt fort:

00:05:03: „Es soll also gesagt werden, und sollte es mich auch mit Schmach und Gelächter ordentlich wie eine aufsprudelnde Welle überschütten,

00:05:12: wenn nicht entweder die Philosophen Könige werden in den Staaten oder die jetzt sogenannten Könige und Gewalthaber wahrhaft und gründlich philosophieren und also diese beiden zusammenfallen, die Staatsgewalt und die Philosophie,

00:05:31: die vielerlei Naturen aber, die jetzt zu jedem von beiden einzeln hinzunahen, durch eine Notwendigkeit ausgeschlossen werden,

00:05:41: eher gibt es keine Erholung von dem Übel für die Staaten,

00:05:46: und ich denke auch nicht für das menschliche Geschlecht.

00:05:50: Noch kann jemals zuvor diese Staatsverfassung nach Möglichkeit gedeihen und das Licht der Sonne sehen, die wir jetzt beschrieben

00:05:59: haben.“

00:06:02: Philosophen gelten als weltfremd und unpraktisch.

00:06:07: Meint Platon das ernst, wenn er sagt:

00:06:10: Alles wird gut,

00:06:12: sobald wir gerade solchen Leuten die Herrschaft übertragen?

00:06:16: Sokrates sagt ja selbst, er werde für eine solche Ansicht mit Gelächter überschüttet werden.

00:06:21: Das unterstreicht nun erstens einmal die für Platon typische Differenz zwischen der Wirklichkeit, eben dem Hohn der Leute, und dem Denken, die Einrichtung des Staats nach der Vernunft.

00:06:34: Die Philosophen sind bei Platon nämlich nur diejenigen, welche sich ausschließlich an der Vernunft orientieren.

00:06:41: Dabei wissen sie, dass sie nach der Wahrheit nur streben können, diese also nicht schon in ihrem Besitz haben.

00:06:48: Das ist zunächst einmal keine schlechte Eigenschaft für die Mächtigen, das Wissen darum, dass sie sich täuschen können.

00:06:56: Zweitens wird niemand die Ansicht hegen, dass der Staat dezidiert unvernünftig, irrational, erratisch, je nachdem, was gerade kommt und ansteht, und sofort eingerichtet werden sollte.

00:07:10: Alle behaupten, freilich auch die Politiker von heute, das, was sie gerade tun, oder das, was sie vorhaben, sei das Allervernünftigste.

00:07:22: Zum Dritten ist der Hinweis, er werde Gelächter und Spott für seine Ansicht mit den Philosophenkönigen ernten, ein deutlicher Hinweis darauf, dass der Satz extrem zugespitzt ist.

00:07:32: Später im Dialog, im sogenannten Höhlengleichnis, wird Sokrates auch noch behaupten, dass diejenigen, welche zur Herrschaft auserkoren sind, eben die Philosophen, gar keine Lust aufs Regieren haben.

00:07:45: Gerade dieser Umstand mache sie ja so geeignet zum Herrschen.

00:07:50: Dadurch nämlich ist ausgeschlossen, dass diese Staatsoberen sich nur um ihr eigenes Wohl kümmern, und es ist garantiert, dass das öffentliche Interesse, das Wohl der Allgemeinheit, erstrebt und befördert

00:08:01: wird.

00:08:04: Platon schreibt nie unmittelbar hin, was er denkt.

00:08:07: Seine Schriften sind in Dialogform gehalten, geben also Gespräche zwischen mehreren Leuten wieder.

00:08:14: Die Gesprächsleitung liegt meistens bei Sokrates, der alles zu wissen scheint, jede Nuance einer Sache und des Gesprächsverlaufs exakt reflektieren kann

00:08:25: und dabei ständig betont, er wisse nichts und habe ein schlechtes Gedächtnis.

00:08:29: Häufig streut Platon Hinweise darauf ein, dass man sich im Gespräch verirrt hat, und am Ende steht meist keine Lösung der vorgenommenen Fragen, sondern neue Fragen und Probleme.

00:08:42: Manchmal erzählt Sokrates am Schluss auch eine Geschichte, einen Mythos, der uns allerdings nie in der Beantwortung der ursprünglich diskutierten Fragen weiterbringt.

00:08:53: Wenn wir Platon lesen, müssen wir also kontinuierlich aufpassen.

00:08:58: Die Gespräche bieten eine enorme Bandbreite an Anregungen, aber ebenso an verfehlten Denkwegen oder schweren

00:09:06: Argumentationsbrüchen.

00:09:08: Platon wollte seine Leserinnen und Leser mit allen Mitteln dazu bringen, selber nachzudenken.

00:09:15: Das Schlimmste ist für ihn, etwas Richtiges zu schreiben, das die Leute dann einfach nachplappern und es glauben, nur weil er es gesagt hat.

00:09:26: Die beiden umfangreichsten Schriften, die uns Platon hinterlassen hat, thematisieren politische Themen. Die Politeia, das heißt übersetzt „die öffentliche Verfassung“, meistens einfach „Der Staat“,

00:09:39: und die Nomoi, übersetzt als „Der Staat der Gesetze“ oder einfach „Die Gesetze“.

00:09:49: Platon lehnt die Demokratie ab. Ihr Kennzeichen sei die Freiheit, verstanden als: Jeder kann machen, was ihm gerade einfällt, individuell verstanden, aber eben auch öffentlich. Der Staat macht, was den Bürgern gerade einfällt, also zum Beispiel 399 v. Chr. den Sokrates hinrichten oder 415 v. Chr. Sizilien überfallen.

00:10:13: Beides hielt Platon für keine gute Idee.

00:10:17: Das Volk richtet sich in der Demokratie nach seinen Launen, will heute dies und morgen das. Und es lässt sich von Demagogen manipulieren, die nur ihre eigenen Interessen verfolgen.

00:10:31: Die Nomoi gelten gegenüber der radikalen Politeia als abgeschwächt.

00:10:37: Doch behält Platon wesentliche Elemente seiner Meinung über die öffentliche Verfassung bei, wenn die Nomoi auch die Gleichheit der Vollbürger zum Ausgangspunkt nehmen, während die Politeia das Ständeprinzip mit den Philosophenkönigen an der Spitze verficht.

00:11:00: Die Regelungen in Platons Stadtstaaten Kallipolis und Magnesia sind sehr eng gestrickt.

00:11:02: Alles wird überwacht. Auch der Vorwurf eines totalitären Staates ist dabei schon erhoben worden, und in der Politeia warten einige Skurrilitäten auf, zum Beispiel die Frauen- und Kindergemeinschaft, gegen welche Sokrates’ Mitunterredner heftig protestieren, zumal ein Widerspruch sichtbar wird, weil Sokrates letztlich für die Gleichstellung von Frauen und Männern plädiert.

00:11:30: Tatsächlich stellt sich die Frage, ob es sich bei der Politeia um einen ernst gemeinten Entwurf für eine Staatsverfassung handelt.

00:11:39: Ich denke nicht, dass man den Dialog so lesen sollte.

00:11:44: Es geht letztlich um den gerechten Menschen, dessen Ideal gegen alle Einwände verteidigt werden soll. Aber freilich, zuletzt wird es keinen gerechten Staat geben können, wenn alle Bürger ungerecht sind.

00:11:59: Wir müssen uns einerseits die Frage stellen, was uns die Dialoge Platons in Hinblick auf eine politische Theorie, insbesondere aber in Hinblick auf die Verteidigung der Demokratie überhaupt einbringen können, und andererseits, wie es um politische Themen in anderen Dialogen bestellt ist.

00:12:20: Zum ersten Punkt ist zu sagen, Platon war der erste, welcher umfassende Überlegungen zu allen philosophischen Grundthemen anstellte.

00:12:31: Den Staat und eine öffentliche Ordnung hielt er für absolut notwendig.

00:12:37: Der Mensch kann erst innerhalb staatlicher Strukturen das leisten, zu was er fähig ist.

00:12:44: Dazu analysiert Platon die Bedingungen eines staatlichen Miteinanders in ihrer ganzen Breite: Arbeitsteilung, Märkte, Geld, Wirtschaft, Verträge, Außenhandel,

00:13:02: Militär, öffentliche Diskussionen, Recht und Gesetz, öffentliche Strafen und Sanktionen, Verfassungsfragen, Dichotomie zwischen Arm und Reich, Verteilungs- und Vermögensfragen, Infrastruktur, Erziehungswesen, Regelungen zur Religion und ihrer Ausübung, um nur das Wichtigste zu nennen.

00:13:20: Und er versucht als Erster, alle diese Aspekte unter eine einheitliche Ordnung zu

00:13:26: bringen.

00:13:27: Seine Orientierung an der Gerechtigkeit einerseits, an Erkenntnis und Wissen andererseits, lässt ihn insbesondere Erziehungsfragen immer wieder in den Vordergrund rücken.

00:13:43: In den Nomoi schreibt er beispielsweise eineinhalb Bücher von zehn insgesamt über den Weingenuss.

00:13:52: Der zweite Punkt war die Bedeutung politischer Themen in den anderen Dialogen.

00:13:58: Platon trennte noch nicht zwischen Fragen des Wissens und des Handelns, wie wir das erst seit Aristoteles tun.

00:14:07: Fragen der Politik sind für ihn deswegen technische Fragen, die auf Expertenwissen basieren.

00:14:14: Jeder richtet sich in seinem Handeln nach dem, was er für richtig und vernünftig hält.

00:14:21: Entscheidend ist also, dass die rechte Einsicht vorherrscht.

00:14:25: Wenn das Tun auf umfassender Kenntnis aller Umstände beruht, ist es auch richtig und zielführend.

00:14:34: Tatsächlich findet bei Platon eine ständige Auseinandersetzung eben auch um politische Fragen statt. Der Theaitetos, ein Dialog über die Frage, was Erkenntnis sei, soll an den nächsten Tagen fortgesetzt werden.

00:14:48: Erst wollen sich die Beteiligten über den Sophisten, dann über den Politiker und am vierten Tag über den Philosophen austauschen.

00:14:57: Den Sophistes und den Politikos schrieb Platon wirklich. Den Dialog über den Philosophen dagegen hatte er wohl nie im Sinn gehabt. Hier sollen wir besser wieder selber

00:15:06: nachdenken.

00:15:10: Das Leben und Denken der Bürger eines Staates sind bei Platon immer eng mit der öffentlichen Auseinandersetzung verbunden.

00:15:20: Bei aller Reserviertheit gegenüber der Demokratie spielen Meinungsbildungsprozesse über das richtige Vorgehen bei Entscheidungen, welche die Öffentlichkeit betreffen, bei Platon eine erhebliche Rolle.

00:15:34: Wir müssen allerdings einschränken.

00:15:37: Platon meint in seiner Kritik die direkte Demokratie, in der die Entscheidung über wichtige politische Weichenstellungen durch die Mehrheit des Volks in präsenten Versammlungen herbeizuführen ist.

00:15:51: Platon ist halt der Meinung, dass so wichtige Entscheidungen von Leuten getroffen werden sollten, die erstens Ahnung von der Sache haben und zweitens mit diesen Entscheidungen, die alle betreffen, keine persönlichen Interessen verbinden.

00:16:09: Und beides traut er den meisten Bürgern nicht recht zu, zumal die jeweiligen Anträge, über die abgestimmt wird, vorher auch noch von lautstarken Demagogen beworben werden, die wiederum nur ihre eigenen Interessen verfolgen und gerade nicht das Wohl der Allgemeinheit im Sinn haben. Deren Rhetorik ist das Volk zu häufig nicht gewachsen.

00:16:35: Platons spätes Werk Nomoi ist nun tatsächlich ein Staatsentwurf.

00:16:40: Im Dialog unterhalten sich drei alte Männer, weil einer von ihnen, der Kreter, von seiner Heimatstadt beauftragt wurde, eine Verfassung für eine Pflanzstadt zu entwerfen.

00:16:53: Er berät sich mit seinen Freunden aus Sparta und Athen, wie die beste Verfassung einzurichten wäre.

00:17:01: Kreta, Sparta und Athen stehen dabei wiederum sinnbildlich und idealtypisch für drei Verfassungswege mit drei herausragenden Staatsgründern: Rhadamanthys, Lykurg und Solon.

00:17:19: Nur letzterer ist tatsächlich historisch belegt.

00:17:23: Der Athener übernimmt die Gesprächsführung immer weitgehender, und die anderen beiden, nachdem sie sich am Anfang durchaus noch eingebracht haben, um die Staatseinrichtungen ihrer Heimat zu verteidigen, degenerieren zu bloßen Stichwortgebern.

00:17:40: Seine Vorstellung vom Glück in der Harmonie scheint auch in den Nomoi für Platon der entscheidende Maßstab zu sein, eine Art idealer Verfassung einzurichten.

00:17:53: Es werden eine ganze Reihe demokratischer Elemente eingeführt, wie die grundsätzliche Gleichheit aller Vollbürger, welche die öffentliche Ordnung auch tragen.

00:18:05: Letztlich läuft das auf eine ziemlich statische Gesellschaft hinaus, die sich wirtschaftlich autark nach außen abschirmt, um keinen störenden und zerstörenden Einflüssen von Fremden unterworfen zu sein.

00:18:20: Auch die Philosophenkönige finden wieder ihren Platz in der sogenannten nächtlichen Versammlung.

00:18:27: In den Nomoi aber sind diese als Gremium entmachtet. Ihre Macht üben sie nur über die Ämter aus, die sie innehaben, weil sie entweder dafür gewählt oder ausgelost wurden.

00:18:40: Im Kontext der Philosophenkönige steht noch eine weitere wichtige Änderung gegenüber der Politeia.

00:18:49: Schon in der Politeia hatte sich Sokrates darüber beklagt, dass solche Philosophenherrscher, die wirklich kompetent zum Regieren wären, äußerst selten zu finden sind.

00:19:01: Und selbst wenn wir die Möglichkeit hätten, diese uneigennützigen Menschen zu identifizieren, was auch nicht so einfach ist, und eine Täuschung in der Auswahl hätte das alte und bis heute bekannte Ergebnis schlechter und ungeeigneter Politiker zur Folge, haben diese in keinem Fall Lust zu regieren.

00:19:21: Während er im Höhlengleichnis noch dafür plädiert, diese zum Regieren zu zwingen, will er in den Nomoi die Herrschaftsmacht nicht mehr einzelnen Menschen übergeben, sondern allein den Gesetzen.

00:19:34: Diese müssen entsprechend eingerichtet und den Bürgern darüber hinaus vermittelt werden.

00:19:41: So stellt er jedem Gesetz, das eine öffentliche Institution etabliert, eine Vorrede voran, die den Bürgern erklären soll, warum gerade dieses Gesetz am besten für das Gemeinwohl und das Glück der Bürger ist.

00:19:58: Was dadurch ausgeschlossen werden soll, ist freilich jede Änderung, denn das, was am vernünftigsten eingerichtet ist, führt auch zum Glück.

00:20:07: Jede Änderung aber könnte nur eine zum Schlechteren sein.

00:20:12: Für Platon soll jeder Mensch in sich diese innere statische Harmonie seiner Antriebskräfte hervorbringen.

00:20:21: Dann ist er zufrieden, hat alles, was er braucht, und lässt die unteren Motivationen, sei es Geld und Besitz oder Ruhm und Macht, immer weniger zum Zuge kommen.

00:20:34: Entsprechend sollte die Wirtschaft auf bloße Versorgung ausgerichtet sein.

00:20:40: Jede Kapitalakkumulation führt zu Unterschieden von Arm und

00:20:45: Reich

00:20:46: und entsprechend zu sozialen Verwerfungen.

00:20:51: Und schließlich soll auch der Staat so eingerichtet werden, dass alles auf ein Gleichgewicht und eine Harmonie aller Kräfte ausgerichtet ist.

00:21:01: Wir müssen uns dann natürlich fragen, wie die Menschen angesichts von Veränderungen, sei es durch Naturereignisse, Störungen von außen oder innere gesellschaftliche Bewegungen, mit ihren sozialen Einrichtungen umgehen sollen.

00:21:18: Platon denkt durchaus daran, dass sich etwas verändern kann.

00:21:22: Aber seine Institutionen sind so beschaffen, dass Veränderungen eher abgewehrt werden sollen.

00:21:29: Werfen wir hierzu einen Blick auf einen Bereich, der Platon besonders wichtig ist, nämlich die Erziehung.

00:21:36: Offenbar ist diese bei Platon darauf ausgerichtet, dass jeder Bürger ein guter Bürger wird.

00:21:43: Dann ist er nämlich auch ein glücklicher Mensch.

00:21:46: So weit, so gut.

00:21:48: Im Grunde erhebt er allerdings sehr hohe Ansprüche an Erkenntnis und Wissen.

00:21:53: Die Vernunft ist bei ihm etwas Göttliches, und sie vermittelt uns die Ordnung in der Welt, die Kenntnis über die kosmischen Bewegungen wie über alle Abläufe in der Natur.

00:22:07: Freilich war man damals weit davon entfernt, alle Naturereignisse zu durchschauen.

00:22:12: Was Platon allerdings anzunehmen scheint, ist, dass irgendwie alles gewusst werden kann.

00:22:21: Das wird bei ihm nicht so direkt thematisiert, weil er für eine solche Ansicht letztlich viel zu skeptisch eingestellt ist.

00:22:30: Aber seine grundsätzliche Orientierung am Wissen läuft immer auf totales Wissen hinaus.

00:22:39: Dieses nun sollten, wenn wir die Idee fortsetzen, alle Menschen haben.

00:22:45: Dann ist, so müssen wir folgern, der Himmel auf Erden bereits erreicht.

00:22:52: Wir können dieses Ideal aus realistischer Sicht kritisieren und meinen, so weit kommt es ohnehin nicht.

00:23:01: Aber eine solche Kritik läuft ins Leere, weil sie von vorneherein gar nicht ernst nimmt, was kritisiert werden soll.

00:23:09: Das Problematische an der Vorstellung scheint mir eher zu sein: Was ist das für ein Zustand, in dem wir alle alles wissen?

00:23:19: Da kann offenbar gar nichts mehr passieren.

00:23:22: Alles steht still. Jeder begnügt sich mit der contemplatio, also mit dem Angaffen der wunderbar eingerichteten kosmischen Ordnung.

00:23:32: Es gibt keine Fragen mehr, keine Bewegung und damit letztlich nichts, was uns noch irgendwie in der Welt oder im Leben interessieren könnte.

00:23:42: Ich meine, was für eine fürchterliche Vorstellung, die uns Platon hier als Ziel empfiehlt.

00:23:49: Den Streit über Realität und idealem Entwurf werden wir sicher nie lösen können, auch wenn dieser uns im Weiteren noch häufiger beschäftigen wird.

00:24:00: Schließlich finden wir keine Form der Ordnung in der Wirklichkeit einfach auf, nicht die natürliche und schon gar nicht unsere sozialen Ordnungen.

00:24:11: Auf was wir da im Politischen, das heißt im gemeinsamen Handeln, ausgerichtet sind, lässt immer Alternativen zu, die bedacht werden müssen.

00:24:22: Den idealen Weg politischer Entscheidungen gibt es nicht.

00:24:27: Platon, so sehr er die Realität kannte und einzuordnen wusste, konnte sich allerdings nicht von der Ansicht lösen, dass vollkommene Harmonien einer statischen Ruhe liegen müssen.

00:24:41: Und wenn wir in seinen politischen Überlegungen vielleicht wenig finden, das eine politische Ordnung, mit der alle zufrieden sind, errichten könnte, so legt er uns analytisch wenigstens schon einmal alles auseinander, auf was es dabei ankommt.

00:24:57: Und letztlich fordert er vehement eine soziale Ordnung nach Gesetzen.

00:25:04: Auf diesen beiden Momenten der öffentlichen Struktur und ihrer Formalisierung ruht alles auf, was auch für jede unserer heutigen politischen Überlegungen am Grunde liegt.

00:25:19: Tatsächlich finden wir immer wieder politische Meinungen, die eines der beiden Momente oder sogar beide nicht mitbedenken.

00:25:30: Offenbar sind das politische Ideen, die eine enorme Zeitspanne benötigen, um sich nicht nur in der Verfassungsstruktur, sondern auch im Denken der Menschen festzusetzen.

00:25:43: Auch bei Platon wird das nicht wirklich klar ausgedrückt, weil er eben an seiner statischen Harmonie festhält und die Vernunftordnung gern ins Totalitäre übertreibt, welchen Sinn es bei ihm auch immer haben sollte.

00:26:01: Was wir bei Platon immer noch lernen können, ist neben der Bedeutung des Denkens und Wissens für das Politische sein Hinweis, dass der Einzelne und das Öffentliche eng verwoben sind.

00:26:15: Es geht dabei nicht um die Einspannung der Bürgerinnen und Bürger in die öffentlichen Institutionen, sondern ist, wie für Platon typisch, mehr eine Sache des Denkens und der Betrachtung.

00:26:29: Wenn der Staat nicht vollkommen gerecht ist, bietet er auch nicht die Bedingungen, dass auch dessen Einwohner gerecht sein können.

00:26:40: Wenn diese aber nicht gerecht sind, gibt es umgekehrt keine Chance darauf, dass der Staat jemals eine gerechte Ordnung etablieren könnte.

00:26:51: Irgendwo müssen wir anfangen, um einen solchen fatalen Zirkel durchbrechen zu können.

00:26:58: Mit der besseren Welt oder ihrer Vorstellung davon

00:27:01: anfangen kann nur der Einzelne, so vergeblich all seine Bemühungen auch sein mögen.

00:27:08: Aber gerade dafür steht bei Platon das Beispiel seines Lehrers Sokrates.

00:27:15: Der Einzelne allerdings muss seine begrenzte Sicht auf die Gemeinschaft hin erweitern, um nicht mehr nur seine eigenen Interessen zu verfolgen, sondern diese in den Dienst der öffentlichen Ordnung stellen.

00:27:31: Damit sich tatsächlich etwas zum Besseren hin ändert, braucht es die Macht.

00:27:37: Diese kann wiederum missbräuchlich für die eigenen Interessen oder im Sinne einer vernünftigen Ordnung im Hinblick auf das Gemeinwohl eingesetzt werden.

00:27:47: Ihre Konstitutionsbedingung, also der Zweck der Übertragung von Macht, geht von vorneherein auf nichts anderes aus.

00:27:56: Platon stellt diese Fragen immer wieder, meist untermauert mit dem Beispiel eines Arztes, der mit seiner Kunst, wenn er sie rechtmäßig einsetzt, den Patienten dient und nicht sich selbst.

00:28:13: Sie hörten „Der Weg der Demokratie“.

00:28:15: Weitere Informationen zu dieser Folge und zum gleichnamigen Buch finden Sie in den Shownotes.

00:28:23: Abonnieren Sie den Podcast auf der Plattform Ihrer Wahl.

00:28:28: Text, Redaktion, Sprecher und Musik: Günter Fröhlich. Herausgegeben vom Felix Meiner Verlag mit freundlicher Unterstützung durch das Stipendienprogramm des Freistaats Bayern „Junge Kunst und neue Wege“ und der Franken-Akademie Schloß Schney e. V.

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