Folge 11: Martin Luther

Shownotes

Welche politischen Folgen hat es, wenn Glaube und Gewissen zur Sache des Einzelnen werden?

Luthers Reformation beginnt mit einer persönlichen und theologischen Frage: Wie kann der sündige Mensch vor Gott bestehen? Die Antwort - Rechtfertigung allein aus Glauben - nimmt der Kirche ihre unverzichtbare Vermittlerrolle und stärkt das unmittelbare Verhältnis des Einzelnen zu seinem Gewissen und zu Gott.

Günter Fröhlich untersucht die politischen Folgen. Die Kirche verliert ihren weltlichen Herrschaftsanspruch, während der Staat für Zwang, Recht und äußere Ordnung zuständig wird. In der Zwei-Reiche- und Zwei-Regimenter-Lehre stehen innerer Glaube und weltliches Handeln nebeneinander.

Daraus entstehen widersprüchliche Wirkungen: Individualisierung und Gewissensverantwortung auf der einen, weitreichender Gehorsam gegenüber der Obrigkeit und eine schwache inhaltliche Begrenzung staatlicher Macht auf der anderen Seite.

In dieser Folge:

  • Rechtfertigung allein aus Glauben
  • allgemeines Priestertum und Ende kirchlicher Vermittlung
  • Zwei Reiche und zwei Regimente
  • Obrigkeit, Gehorsam und Widerstand
  • Gewissen, Beruf und politische Individualisierung

Bezug zum Buch: Vertiefung in Band 1, Kapitel 10 „Luther und die weltliche Obrigkeit“.

Text, Redaktion, Sprecher und Musik: Günter Fröhlich.
Herausgeben vom Felix Meiner Verlag mit freundlicher Unterstützung durch das Stipendienprogramm des Freistaats Bayern „Junge Kunst und neue Wege“ und der Franken-Akademie Schloß Schney e. V.

Podcast-Website: weg-der-demokratie.podigee.io
Buchveröffentlichung: meiner.de/weg-der-demokratie
© 2026, Günter Fröhlich & Felix Meiner Verlag GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

Transkript anzeigen

00:00:04: Luther entwickelte keinerlei systematische politische Theorie.

00:00:26: Sein Einfluss auf die politische Denkbewegung ist dennoch enorm. Vielleicht, weil er selbst ein politisch denkender Mensch durch und durch ist,

00:00:36: vielleicht weil er in zahlreiche politische oder politisch bedeutsame Geschehnisse seiner Zeit involviert, sofern er nicht selbst als Person unmittelbar darin verwickelt war.

00:00:47: Die Kirchenspaltung, die er einleitete, intendierte er sicher nicht schon zu Beginn seines Wirkens darauf ab.

00:00:55: Irgendwann wurde ihm wohl ihre Möglichkeit bewusst, bis er auch selbst wohl keine Alternative mehr dazu sah.

00:01:04: Vieles, was er schrieb und von sich gab, war unmittelbar anlassbezogen.

00:01:10: Das allermeiste davon steht auch noch in einem persönlichen Verhältnis zu ihm.

00:01:15: Oder genauer ausgedrückt, es stellt die Reaktion auf eine innere Not dar.

00:01:22: Sein Leben ist durchzogen von Erweckungserlebnissen, die er dann rückblickend selbst als solche schildert und stilisiert.

00:01:34: Dass es dabei zu widersprüchlichen Narrativen kommt und wir fragen dürfen, wie lief das Geschehen denn nun wirklich ab,

00:01:41: befördert eher die Legendenbildung, als dass es eine solche eindämmen

00:01:46: würde.

00:01:48: Dabei stechen 3 Erzählungen heraus: Sein Mönchsgelübde, als auf dem Feld der Blitz unmittelbar vor ihm einschlug, dann der Anschlag seiner Thesen, die er persönlich an das Portal nagelte, nachdem er mit dem Hammer in der Faust die Stufen zur Tür der Wittenberger Schlosskirche erklommen hatte und schließlich, als er beim Reichstag zu Worms vor dem Kaiser steht, den Widerruf seiner Thesen verweigert

00:02:18: und die feste Stimme sein '

00:02:19: Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Amen' ertönen läßt.

00:02:26: Entschlossenheit, Mut, und Willensstärke sprechen aus diesen Geschichten. Oder auch Sturheit, Selbstvergessenheit und Ungeduld.

00:02:37: In jedem Fall drückt all das ein persönliches Verhältnis zu den Geschehnissen aus, das uns heute selbstverständlich erscheinen mag, das damals allerdings erst als genuine menschliche Fähigkeit aufzukommen schien. Sicher werden auch die Menschen damals in der Lage gewesen sein, sich selbst zu empfinden oder so etwas auch auszudrücken.

00:03:01: Daran, das literarisch und politisch, also medial auch zu verwerten, finden wir in dieser Form erstmals bei Martin Luther.

00:03:12: Der nicht lange zuvor erfundene Druck mit beweglichen Lettern von Johannes Gutenberg leistete hierfür ebenso seine unersetzlichen Dienste.

00:03:22: Dass das als selbstverständlich aufgenommen werden konnte, Belegt freilich auch, dass die Menschen etwas damit anfangen konnten.

00:03:32: Die Zeiten hatten sich gewandelt, denn im Mittelalter wäre es unmöglich gewesen, auf diese Art sein persönliches Innenleben der Welt zur Schau zu stellen.

00:03:43: Freilich gab es auch da einige wenige Ausnahmen.

00:03:47: Dante zum Beispiel, Petrarca oder Abaelard werden hier zu nennen.

00:03:54: Die Hauptfrage, um die Luthers Suche kreist, ist die nach einem gnädigen Gott.

00:04:01: Das ist so besehen in erster Linie eine theologische Frage. Sie drückt letztlich allerdings ein neues Verhältnis des europäischen Menschen zu sich selbst aus oder führte mindestens darauf ab.

00:04:14: Luther war ein unruhiger Geist und vor allem in jungen Jahren offenbar ständig von Selbstzweifeln geplagt.

00:04:22: Er fürchtete vielleicht, der Welt nicht zu genügen, hatte wohl aber ebenso eine große Sehnsucht nach innerer Harmonie und Ausgeglichenheit.

00:04:33: Das Erlebnis mit dem Blitzeinschlag im Juli 1505 veranlasst ihn zu dem Entschluss, in das Augustiner-Chorherrenstift einzutreten.

00:04:44: Dass er das Mönchsleben überpeinlich erfüllte, lässt sich an seiner ungewöhnlich schnellen Karriere ablesen.

00:04:52: Er war ein Vorzeigemönch und bereits 1515 finden wir ihn als Vikar für die sächsischen Klöster und Professor für Moralphilosophie und bald für Bibelauslegung in Wittenberg.

00:05:06: Doch die bedingungslose Askese beruhigte seine Unrast und seelische Unausgeglichenheit nicht.

00:05:14: Er selber schreibt, 1518 wäre er auf eine Bibelstelle gestoßen, deren Sinn alles auf den Kopf stellen sollte, wieder so ein Erweckungserlebnis, für das die Forschung belegen konnte, dass seine Gedanken bereits früher um Römerbrief 1, 17 kreisten.

00:05:35: Dort heißt es, dass die Gerechtigkeit Gottes aus Glauben in Glauben hervorgehe.

00:05:43: Dass Religion darin besteht, an diese zu glauben, stellt jetzt keine bahnbrechende Erleuchtung dar.

00:05:51: Luther interpretierte den Satz allerdings so, dass es vollkommen ausreicht, wenn man von der christlichen Wahrheit überzeugt ist und dass darüber hinaus vom einzelnen Menschen nichts weiter verlangt werden kann.

00:06:07: Sein Suchen nach einem gnädigen Gott, der sich dem verworfenen und unwürdigem Sünder zuwendet, diesen errettet und als einziges Zeichen hierfür dessen Glauben nimmt, fand ein Ende.

00:06:23: In dieser Frage nach der Rechtfertigung, also wie kann der Mensch in seiner Sündhaftigkeit vor Gott bestehen, liegt das Zentrum der Reformation durch Luther.

00:06:35: Der Sprengstoff dieser Ansicht entzündet sich am dem Kirchenverständnis der damaligen Zeit.

00:06:41: Die Kirche ist danach keine Institution, welche die Gläubigen sozusagen nur zusammenfasst oder repräsentiert, sondern für den Weg zu Gott und zur jenseitigen Glückseligkeit, ist diese als Mittlerin unverzichtbar.

00:06:59: Ohne die katholische Kirche und ihre Vertreter im Lehramt - Priester, Bischöfe und Papst - kommt kein Mensch in den Himmel.

00:07:09: Was die Kirche dagegen anstellt, um den Weg ins Paradies für ihre Gläubigen zu ebnen, ist dagegen immer richtig, gut und unverzichtbar für die Glaubensschar, um was immer es sich dabei handelt.

00:07:24: So können die Strafen im Jenseits für Verfehlungen des Einzelnen im Diesseits mit Hilfe einer Geldspende an die heilige Kirche verkürzt werden, entweder bevor sie verhängt werden, oder aber auch für Verwandte, die bereits im Jenseits büßen müssen, zum Beispiel die Eltern.

00:07:42: Was für die Kirche freilich ein Riesengeschäft war, fand Luther so unerhört wie unmöglich.

00:07:50: Der gnädige Gott vergibt die Sünden, der Papst oder ein Priester können das ja gar nicht.

00:07:55: Generell sei die Vermittlung der Kirche zwischen ihr und dem Einzelnen unnötig, weil es allein auf dessen Verhältnis und eben seinen Glauben ankommt und nicht auf seinen Reichtum, mit dem er seine Sünden wegkauft.

00:08:09: Dass die heilige Kirche für das Seelenheil ihrer Schäfchen verantwortlich ist, kann gar nicht in Abrede gestellt werden.

00:08:17: Dabei handelt es sich allerdings um eine rein geistige Unterstützung, in erster Linie durch Hilfe bei der Schriftauslegung in der Predigt. Und das kann nicht mit materiellen Gegenleistungen verknüpft

00:08:31: werden.

00:08:32: Nachdem der weltliche Machtanspruch des Papsttums und der Kirche schon längst in der heftigsten Kritik stand oder seit dem frühen 14. Jahrhundert bereits erheblich zurückgefahren worden war, weist Luther jeden Einfluss der Kirche auf weltliche Angelegenheiten zurück.

00:08:52: Die Kirche darf sich fortan nur noch bemühen, den Gläubigen von der Wahrheit zu überzeugen, so dass dieser persönlich glaubt.

00:09:03: Es gibt aber keinerlei Sanktionen, welche sie verhängen dürfe, seien es positive, also jenseitige Belohnungen, oder negative, jenseitige

00:09:13: Strafen.

00:09:15: Mit der Verneinung einer Vorrangstellung des Klerus als Vermittler zu Gott verliert der säkulare Machtanspruch der Kirche jede Relevanz.

00:09:26: Jeder Einzelne steht in einem persönlichen Verhältnis zu seinem Schöpfer. Es gilt ein allgemeines Priestertum ab der Taufe.

00:09:36: Damit, Dass die Kirche aber schon ihre Macht über den Einzelnen verliert, hat sie auch im Staat nichts mehr zu

00:09:43: sagen.

00:09:44: Der geistige Anspruch, die Schlüsselgewalt, kommt der gesamten Gemeinde zu und nicht dem Papst oder den Bischöfen.

00:09:54: Der lange Streit zwischen Kaiser und Papst entscheidet sich endgültig zugunsten des Imperiums.

00:10:01: Denn wenn die Kirche überhaupt noch innerweltlich wirken möchte, ist sie unmittelbar auf den Staat angewiesen. Das ward sie zwar in den meisten Fällen schon immer, wenn es zum Beispiel darum ging, Ansprüche militärisch durchzusetzen. Das erstreckt sich nun allerdings auf die allermeisten Bereiche.

00:10:20: Denn in der Konsequenz wird die Kirche dem Staat in weltlicher Hinsicht vollständig

00:10:25: unterworfen.

00:10:28: Dass den Fürsten solcherlei Tendenzen ganz recht kamen,

00:10:33: weil das einen erheblichen Machtzuwachs für sie bedeutete, ist kein Wunder.

00:10:38: Freilich waren sie weiterhin auf die moralische Unterstützung der kirchlichen Würdenträger angewiesen. Aber das regelt sich meist von selbst, wenn die Kirche und ihre Vertreter finanziell abhängig von ihnen sind.

00:10:51: Und auch wenn Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschland durch die Säkularisierung auch der Kirchenbesitz weitgehend in staatliche Hand geriet, müssen wir immer noch einige Überbleibsel des weltlichen Machtanspruchs der Kirchen konstatieren. So gibt es immer noch einen Kirchenstaat.

00:11:08: Es bestehen vorkonstitutionelle Verträge, also Konkordate der Einzelstaaten mit dem Vatikan, welche einige Anachronismen zum Beispiel beim Arbeitsrecht, der Universitätsstellenbesetzung oder den Trägerschaften bei Krankenhäusern oder Kindergärten nur langsam abbauen.

00:11:27: Und auch beim russischen Überfall auf die Ukraine spielen Kämpfe um die Zugehörigkeiten bzw.

00:11:33: Unabhängigkeiten zu Kirchen eine nicht ganz unbedeutende Rolle.

00:11:40: Die Lehre von der Alleinseligmachung des Glaubens riss ebenso das Innenverhältnis der Menschen in Bezug auf ihr Seelenheil und in Bezug auf Aktivitäten in der Welt auseinander.

00:11:53: Luther hat damit den augustinischen Dualismus der zwei Reiche wiederbelebt, wenn auch unter einer etwas veränderten Ausrichtung und Systematik nicht gerade konsistent, was wiederum auch daran liegt, dass er seine Zwei-Reiche-Lehre durch eine Zwei-Regimenter-Lehre ergänzt.

00:12:13: Luther denkt im Grunde immer in politischen Dimensionen.

00:12:18: Seine genuin politischen Schriften sind dennoch nur sehr wenige: 1520 An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung von 1520, Von weltlicher Obrigkeit. Wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei von 1523 und Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern von 1525 anlässlich der Bauernkriege.

00:12:39: Dabei interessieren ihn die öffentliche Ordnung und ihre Institutionen ebenso wie sozialpolitische Fragestellungen, das Recht und die Wirtschaft.

00:12:50: Zunächst sieht es so aus, als wolle Luther, ich zitiere, 'alle Menschen in zwei Teile teilen,

00:12:58: die ersten zum Reich Gottes, die anderen zum Reich der Welt.

00:13:02: Die zum Reich Gottes gehören, das sind alle Rechtgläubigen in Christus und unter Christus, denn Christus ist der König und Herr im Reich Gottes.

00:13:15: Augustinus hatte die Zugehörigkeit zur jeweiligen Gemeinschaft, zur civitas terrena und civitas divina, als unsichtbar betrachtet.

00:13:26: Aber die jeweilige Zugehörigkeit gehörte dennoch zum einzelnen lebenden Menschen.

00:13:32: Für Luther besteht jeweils ein ausschließlich mystisches Verhältnis zum Reich, entweder Gottes oder des Satans.

00:13:40: Ganz wie bei Augustinus hat der Gläubige zunächst überhaupt keinen Bezug zur Natur oder zur Welt. Erst durch den Sündenfall wird es nötig, dass sich ein genuiner Weltbezug herstellt.

00:13:55: Für das Leben der Menschen entsteht deswegen ein weltliches Naturrecht.

00:14:01: Da der Gläubige mit der Welt nichts zu tun hat, gilt für ihn auch kein weltliches Recht.

00:14:08: Er braucht es auch nicht, weil er mit der Gemeinschaft zum Reich Gottes ohnehin einen höheren Maßstab hat und danach lebt.

00:14:17: Für den Sündhaften dagegen gibt es kein höheres göttliches Recht und keine Gerechtigkeit. Weswegen der Sünder als Recht nur das innerweltliche Recht kennt

00:14:30: und dies für das ganze Recht nimmt.

00:14:33: Die göttlichen Ansprüche, die weit darüber hinausgehen, ignoriert er. Seine Lebensorientierung findet nicht am Glauben ihr Maß, sondern im persönlichen Wohlergehen und der Vernunft.

00:14:45: Der universalen Herrschaft Gottes über alles in der Welt tut das freilich keinen Abbruch.

00:14:52: Gottes Rechtswille umfasst ursprünglich auch alles weltliche Recht und ergibt sich aus

00:14:57: diesem.

00:14:59: Letztlich muss das weltliche Recht ebenso auf Gott zurückgeführt werden.

00:15:05: Gott bedient sich der menschlichen Gesetzgebung, damit allzu schlimme Auswüchse von Nichtgläubigen wenigstens etwas abgemildert werden.

00:15:15: Luther gesteht einerseits durchaus zu, dass positive menschliche Gesetze ein Minimum von der wahren und göttlichen Gesetzgebung enthalten müssen.

00:15:25: Wenn er allerdings in Fahrt kommt, während über die rein weltliche Gesetzgebung sinniert, kann er dieser nichts mehr abgewinnen.

00:15:34: Diese positiven Gesetze würden sich immer weiter aufdröseln. Sie verkommen zu Flickwerk und Bettelei, Wildwuchs, Partikularismus und so weiter.

00:15:44: Zuletzt kann etwas, das dem göttlichen Recht widerspricht, überhaupt kein Gesetz sein, dem sich jemand unterwerfen

00:15:51: müsste.

00:15:53: Da auch der Christ in der Welt lebt und damit weltlichen Angelegenheiten unterworfen ist, wird die Trennung zwischen Personengruppen, die Gläubigen und die Sünder, nicht mehr recht haltbar sein.

00:16:08: So vermischen sich die beiden Reiche und jeder Einzelne ist sowohl Sünder und Verworfener und manche andere eben auch noch gerechte Gläubige und eben

00:16:19: Christen.

00:16:20: Es erscheint so, dass sich die beiden Reiche unversöhnlich gegenüberstehen und sich gegenseitig vollkommen ausschließen und gleichzeitig sind diese im einzelnen Menschen vereint.

00:16:32: Der Mensch zerfällt in Privatperson als Gläubiger und in öffentlicher Person als in der Welt Handelnder.

00:16:41: Was er dabei tut, ist hochgradig irrelevant, weil es ja nur auf die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Gläubigen ankommt und damit darauf, dass alles Tun allein durch Gewissen, Gesinnung eben durch den Glauben gerechtfertigt ist.

00:17:00: Diese Rechtfertigung allein durch den Glauben führt dazu, dass der wahre Christ die ganzen weltlichen Gesetze überhaupt nicht braucht. Er tut sowieso das, was Gottes Wille ist.

00:17:12: Alle anderen werdennoch unter Gottes Gebote gezwungen, wenn auch in Form weltlichen

00:17:18: Rechts.

00:17:20: Luther ergänzte die mystische Lehre von den zwei Reichen deswegen um die Lehre von den zwei Regimentern.

00:17:27: Da bei den Gläubigen alles auf Freiwilligkeit aus dem rechten Glauben hinausläuft, braucht es hier keinen Zwang.

00:17:35: Das Regiment der Kirche beruht allein auf der Predigt, welche die Gläubigen von der Wahrheit überzeugt.

00:17:42: Das weltliche Regiment dagegen braucht den Zwang und die Strafe, um die Bösen einzudämmen und unter Kontrolle zu bringen, nicht zuletzt deswegen, damit die Rechtgläubigen wenigstens einigermaßen unbeschadet leben können.

00:17:59: Gott bedient sich also der weltlichen Strafgewalt, um die bösen Buben im Zaum zu halten. Die würden am Ende auch noch die ganze Schöpfung ruinieren.

00:18:10: Also schreibt er: Aber die Ungerechten tun nichts Rechtes,

00:18:15: darum bedürfen sie des Rechts, dass sie Lehre, zwinge und dringe Recht zu tun.

00:18:23: Luthers häufige Ausfälle gegen Angehörige mosaischen Glaubens haben in erster Linie genau damit zu tun, denn diese haben ja offensichtlich den richtigen Gott. Da sie sich aber partout nicht zum christlichen Glauben finden wollen, können ihre Handlungen auch keine Rechtfertigung ermöglichen.

00:18:43: Dass diese dem verkehrten Papsttum nicht beitreten wollten, versteht er voll und ganz. Jetzt aber, da er die Sachen richtig gestellt hatte, bestünde für ihre Weigerung zur Konversion doch ersichtlich kein Grund mehr.

00:18:59: Da alles auf den Glauben ankommt, sind staatliche Institutionen bei Luther den kirchlichen eindeutig untergeordnet.

00:19:07: Im Zuge der Reformation kamen bei einigen anderen, z. B. Johannes Calvin, zwar auch einige theokratische Tendenzen

00:19:16: auf, Bei Luther ist dagegen der Staat im Grunde überflüssig, weil er ohnehin nur für die Bösen da ist.

00:19:23: Eben für diese braucht es ihn allerdings und dahingehend steht er mit allem Recht zwar unter der Regie Gottes, aber eben nicht mehr der Gemeinschaft der Gläubigen, also der Kirche. So besehen

00:19:39: und irgendwie dreht sich dadurch das von Luther intendierte Verständnis vollständig um, ist der Staat vollkommen von jedem kirchlichen Einfluss freigesetzt.

00:19:51: Problematisch ist das deswegen, weil Luther durch seine ganze Konstruktion nicht mehr in der Lage ist, den Staat positiv und gestaltend zu funktionalisieren, nachdem er für staatliche Institutionen als solche ohnehin schon keinen rechten Sinn hatte.

00:20:09: Wenn von Gerechtigkeit, Freiheit, sozialen Gemeinschaften und so fort die Rede ist, betrifft das nur das kirchliche Regiment und die Gläubigen.

00:20:20: Alles andere hat damit nichts mehr zu tun. Es kann gar keine politische Freiheit, Gerechtigkeit oder z. B. auch Nachhaltigkeit zur Bewahrung der Schöpfung geben, denn der Staat gibt es ja nur wegen der Sünden.

00:20:36: Die Organisationsform des Staats bemisst sich bei Luther nach dem Vorbild aller sozialen Gemeinschaften, nämlich der Familie.

00:20:46: Sie ist also patriarchalisch.

00:20:49: Ein Fürst tut freilich gut daran, sich an die weltlichen Gesetze zu halten. Diese stammen ja auch von Gott.

00:20:56: Die Untertanen dagegen sind zu bedingungslosem Gehorsam verpflichtet.

00:21:01: Die Realität ist nach Luther natürlich eindeutig eine andere, denn die Fürsten seien, wie er schreibt, gemeiniglich die größten Narren und die ärgsten Buben auf Erden.

00:21:13: Zumal, dass es von Anbeginn der Welt gar ein seltener Vogel um einen klugen Fürsten ist und viel seltener um einen frommen Fürsten.

00:21:24: Gott steht freilich jedem Unglauben entgegen,

00:21:26: gewissermaßen und weil die Welt so schlecht ist und letztlich sein muss,

00:21:31: steht er auch der Welt feindlich gegenüber, obwohl es sich um seine eigene Schöpfung handelt.

00:21:39: Dass die Fürsten alles Narren sind, gefällt Gott dann auch noch

00:21:43: entsprechend

00:21:44: und damit müssen sie auch noch von ihren Untertanen verehrt werden.

00:21:49: Er schreibt: 'Die Welt ist zu böse und nicht wert, dass sie viele kluge und fromme Fürsten haben sollte. Frösche müssen Störche haben.'

00:22:02: Luther ruft häufig zur Mäßigkeit auf, wenn es um die Durchsetzung staatlicher Ordnung geht, sicher mit Ausnahme der Bauernschrift.

00:22:10: Aber vielleicht stimmt es ja wirklich, dass er mit seinen Vorschlägen die Aufständischen mögen alle erschlagen werden, diese gerade warnen wollte, nachdem seiner Ansicht nach der Staat solcherlei Revolutionen und Störungen der öffentlichen Ordnung niemals dulden dürfe.

00:22:29: Als Vertreter allein des Glaubens steht es ihm eigenen Bekundens nach auch überhaupt nicht zu, dem weltlichen Regiment irgendwelche Maßnahmen zu empfehlen schon gar nicht, wenn es dabei um das Erschlagen von aufständischen Bauern geht.

00:22:45: Es stelle geradezu ein Grundübel dar, zu meinen, die beiden Regimenter hätten irgendwo eine Schnittstelle.

00:22:55: Generell ist Widerstand gegen die staatliche Macht für Luther nur passiv möglich.

00:23:03: Aus all dem geht eben auch hervor, dass ein Christ in besonderer Weise dazu befähigt ist, staatliche Führungsaufgaben zu übernehmen. Denn dann kommt zum bloßen Formalismus, Strafsanktionen gegen die Bösewichter zu verhängen, ein christlich geprägter Stil des Gewissens hinzu, der die Welt etwas erträglicher macht.

00:23:27: Dabei tritt wieder die Betonung des Individuellen bei Luther hervor.

00:23:32: Hinter allen Handlungen steht für den Gläubigen sein Gewissen, egal in welchem Beruf er sich gerade betätigt.

00:23:40: Im Rahmen staatlicher Organe kommt den Akteuren deswegen eine ausufernde Amtspflicht zu.

00:23:48: Der Christ handelt nie für sich, sondern nach Gottes Willen und aus seinem Glauben heraus.

00:23:55: Damit wachsen die moralischen Anforderungen an das Handeln, an den Umfang der beruflichen Tätigkeit, an Gewissenhaftigkeit, Genauigkeit

00:24:05: usw.

00:24:06: schier bis ins Unermessliche.

00:24:09: Hier spielt auch die Kirche wieder eine Rolle, denn diese hat jeden Menschen in der Ausübung seiner christlichen Pflicht zu unterstützen, ihm ins Gewissen zu reden und vom rechten Tun zu überzeugen, was zuletzt auch heißt, dass gegen jeden Aufruhr wieder die Obrigkeit einzutreten ist.

00:24:28: Solche Revolten seien allenfalls gegen Tyrannen und Usurpatoren statthaft, weil so etwas im Grunde gerade ein verpflichtender Einsatz für die legitimierte Regierung sei, oder gegen Welttyrannen, die sich vollständig gegen die Ordnung Gottes stellen und sich dessen Gesetzgebungskompetenz anmaßen, weil so etwas gegen jede Ordnung läuft, die der Christ zu erhalten hat.

00:24:55: Als Beispiel nennt er dabei gerne den Papst.

00:24:58: Immerhin erlaubt er publizistischen Widerstand.

00:25:02: Luther tat dann zuletzt wenig, um die Eigenständigkeit der evangelischen Gemeinschaften zu sichern.

00:25:10: Eher leistete er der Einführung eines landesherrlichen Kirchenregiments Vorschub.

00:25:16: Die Kirche unter fast vollständigen, wenn auch unter im Wesentlichen äußerlichen Einfluss zu bringen, führt immer zu 2 Reaktionen:

00:25:26: Einerseits wird ständig der Versuch unternommen, den Staat für die eigenen und insbesondere kirchenpolitischen Zwecke einzuspannen.

00:25:35: Andererseits übernahm der Staat mit den Kirchen die vollständige Kontrolle über alle Bereiche des politischen Lebens und so schwang dieser sich im weiteren historischen Verlauf zum Absolutismus auf und das mit allen Attributen der moralischen Gewissheit.

00:25:52: Es gab ja kein Gegengewicht mehr.

00:25:56: Die Kirche kann im Grunde dann keine sichtbare Wirksamkeit im öffentlichen Bereich mehr entwickeln. Schließlich ist sie für alles Weltliche völlig unzuständig.

00:26:08: Schon die Möglichkeit staatlicher Sanktionen gegen die Bürger bei absoluter Unterwerfung unter das weltliche Regiment lieferten einen Hinweis darauf, dass die Kirche bloß mehr für das Seelenheil zuständig ist.

00:26:21: Dem Staat dagegen scheint der Leib seiner Untertanen unmittelbar zu gehören. Deswegen wird er damit machen können, was er will. Und wenn einer nicht spurt, vergreift sich der Staat ja bloß gegen das, was ihm ohnehin vollständig zu eigen

00:26:38: ist.

00:26:39: Die Obrigkeitshörigkeit in Deutschland begründete sich damals als Tradition.

00:26:47: So hat jeder Gläubige die Pflicht, sich in der Politik zu betätigen. Politisch abstinent zu leben, sei dagegen Ketzerei.

00:26:57: Die Gotterwählten eignen sich aber auch besonders für den obersten Staatsdienst.

00:27:02: Sie erfüllen pünktlich und genauestens ihre Pflicht und kümmern sich damit nicht nur um ihre Mitmenschen, sondern solche Tätigkeiten, egal was man dabei tut, sind unmittelbar schon Gottesdienst.

00:27:16: Die Trennung der Bereiche, die Gewissen und Handeln schier spalten, auch wenn Luther das nicht im Ansatz so verstanden wissen wollte, setzen letztlich das weltliche Handeln umfassend frei.

00:27:31: Was bloß in der rechten Absicht geschieht, scheint schließlich legitimiert zu

00:27:36: sein.

00:27:38: Inhaltliche Abhängigkeiten, moralische Werte, die durch Überlegungen aus der Vernunft stammen, emotionale Rücksichten und so fort, dürfen letztlich keine Rolle mehr spielen.

00:27:50: Es gehört ja alles nur zur Welt.

00:27:53: Zu.

00:27:53: Was den Menschen aus seinem guten Gewissen antreibt, kennt keine Beschränkungen mehr. Alle Kräfte im Menschen können und dürfen dadurch freigesetzt werden.

00:28:04: An diesen Stellen wird Luther ziemlich liberal, wenigstens in formaler Hinsicht.

00:28:10: Während beim Recht die Vernunft noch die Hure war, welche sich für jede Spitzfindigkeit hergab, wird diese hier zum Mittel der optimierung des Gottesdienstes.

00:28:22: Der Mensch soll sich hierfür alles aneignen, was ihm möglich ist, damit er auch alles weiß, was hierzu hilfreich sein könnte.

00:28:32: Das gilt nicht nur für den politischen Praktiker, sondern nach Luther für jede höhere Verrichtung.

00:28:41: In diesem Sinne verstand man noch lange, das, was es begrifflich meint, einen Beruf

00:28:48: auszuüben.

00:29:07: Herausgegeben vom Felix Meiner Verlag mit freundlicher Unterstützung durch das Stipendienprogramm des Freistaats Bayern „Junge Kunst und neue Wege“ und der Franken-Akademie Schloß Schney e. V.

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