Folge 10: Thomas Morus

Shownotes

Wie verändert sich Politik, wenn gesellschaftliche Verhältnisse nicht als gegeben, sondern als gestaltbar erscheinen?

„Utopia“ beginnt nicht mit einer idealen Insel, sondern mit einer Kritik an den sozialen Verhältnissen Englands. Die Ausweitung der Wollproduktion vertreibt Menschen von ihrem Land, verschärft Armut und Kriminalität und lässt harte Strafen als untaugliche Antwort erscheinen.

Günter Fröhlich zeigt, wie Thomas Morus Satire, humanistische Gelehrsamkeit und politische Analyse verbindet. Die Insel Utopia entwirft gemeinsames Eigentum, geregelte Arbeit, religiöse Toleranz und eine eigene Verfassungsordnung - ohne dass eindeutig feststeht, welche Elemente Morus selbst befürwortet. Die historische Neuerung liegt im Denken von Alternativen. Gesellschaftliche Institutionen erscheinen nicht länger als unveränderliche Bestandteile einer göttlichen Ordnung, sondern als menschliche Einrichtungen, die anders gestaltet werden können.

In dieser Folge:

  • Sozialkritik an Einhegungen, Wollwirtschaft und Verarmung
  • Kriminalität und Grenzen abschreckender Strafen
  • Satire und Mehrdeutigkeit von „Utopia“
  • Verfassung, Eigentum und religiöse Toleranz
  • politisches Denken in Möglichkeiten und offenen Zukünften

Bezug zum Buch: Vertiefung in Band 1, Kapitel 9 „Thomas Morus über Utopia“ sowie im Exkurs „Das Denken in Möglichkeiten“.

Text, Redaktion, Sprecher und Musik: Günter Fröhlich.
Herausgeben vom Felix Meiner Verlag mit freundlicher Unterstützung durch das Stipendienprogramm des Freistaats Bayern „Junge Kunst und neue Wege“ und der Franken-Akademie Schloß Schney e. V.

Podcast-Website: weg-der-demokratie.podigee.io
Buchveröffentlichung: meiner.de/weg-der-demokratie
© 2026, Günter Fröhlich & Felix Meiner Verlag GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

Transkript anzeigen

00:00:01: Der Weg der Demokratie. Staffel 1:

00:00:04: Gemeinschaft, Herrschaft, Souveränität

00:00:07: – Platon bis Bodin.

00:00:09: Ein Podcast von Günter Fröhlich, herausgegeben vom Felix Meiner Verlag.

00:00:15: Folge 10: Thomas Morus.

00:00:20: Es war wohl im Jahre 1515, als sich der Rechtsreferent des Londoner Bürgermeisters, Thomas Morus, auf einer Gesandtschaftsreise in Antwerpen in einem Gasthaus stärkte, um dort die Bekanntschaft eines gewissen Raphael Hythlodaeus zu machen.

00:00:41: Dieser erzählte, er hätte Amerigo Vespucci auf dessen letzten 3 Erkundungsreisen begleitet.

00:00:48: Dabei seien sie auf eine noch völlig unbekannte Insel gestoßen, auf der vollständig vernünftig eingerichtete gesellschaftliche Verhältnisse bestünden.

00:00:59: Die Menschen dort seien vollkommen glücklich und zufrieden, verachteten Geld und Reichtum, führten ein einfaches Leben und richteten sich in ihrem Handeln ausschließlich nach der Vernunft.

00:01:13: Damit niemand auf die Idee kommt, dass an totem Kapital irgend etwas liege, fertige man in Utopia zum Beispiel das Nachtgeschirr aus Gold.

00:01:22: Edelsteine dienten als Kinderspielzeug.

00:01:27: Dabei handelt es sich gar nicht um andere oder besondere Menschen,

00:01:31: Was sie auszeichne, liege vielmehr nur in den öffentlichen Einrichtungen und Regelungen.

00:01:38: Die gesellschaftlichen Strukturen seien dort so beschaffen, dass all die Probleme, welche in den europäischen Staaten zwangsläufig auftreten, beseitigt seien.

00:01:50: In England dagegen nähme insbesondere die öffentliche Sicherheit immer mehr ab.

00:01:56: Die Straßen seien voll von Bettlern und Dieben und es werden zunehmend mehr.

00:02:02: Tatsächlich unternimmt der Staat nichts dagegen.

00:02:05: Auf Diebstahl steht die Todesstrafe, was jeden Dieb, sollte er erwischt werden, zum Mörder machen würde.

00:02:12: Die Abschreckungswirkung also geht gegen 0.

00:02:16: Die Ursache wird darin gesehen, dass die Menschen nun einmal faul, habgierig und schlecht

00:02:22: sind.

00:02:23: Doch was bleibe ihnen unter solchen gesellschaftlichen Bedingungen eigentlich anderes übrig?

00:02:29: Die steigende Zahl der Taugenichtse speise sich nämlich in erster Linie aus 2 Gruppen von Menschen, aus der verarmten Landbevölkerung und aus Kriegsversehrten.

00:02:41: Analysiert man die Ursachen für solche Entwicklungen, kommt man zwangsläufig darauf, die Schuld nicht mehr bei diesen Menschen, sondern in den ökonomischen Rahmenbedingungen zu suchen.

00:02:54: Und Raphael zieht den Schluss: Die Schafe fressen den Menschen.

00:03:01: Das ist jetzt freilich etwas verkürzt dargestellt.

00:03:05: Tatsächlich aber stellt Morus, als er sein Gespräch mit Raphael Hythlodaeus in seinem Buch "Utopia" schildert, der Erzählung von der wunderbaren Insel diese Erörterung über die sozialen Verhältnisse in England voran.

00:03:21: Dass die Schafe neuerdings die Menschen fressen, stellt klarerweise eine scherzhafte Zuspitzung dar, denn in den Fabeln gedenken die Wölfe, die Schafe zu fressen und unter Umständen auch die Menschen.

00:03:36: Der Mensch frisst die Schafe und laut dem römischen Komödiendichter Plautus ist der Mensch dem Menschen ein Wolf.

00:03:43: Das Bild von den menschenfressenden Schafen stellt die Verhältnisse also bewusst auf den Kopf.

00:03:51: Die Renaissancehumanisten mochten solche Scherze, Allerdings nur, wenn ein ernsthafter Hintergrund bestand.

00:03:59: Sie sind keine Comedia, die ihren Lacherfolg exoterisch beim Publikum suchen.

00:04:05: Lachen sollen nur die esoterisch Eingeweihten, nämlich der Kreis der humanistisch gesinnten Intellektuellen.

00:04:13: Utopia ist deswegen auch auf Latein

00:04:15: geschrieben.

00:04:18: Morus’ Satire von der unbekannten Insel enthält eine ganze Reihe skandalträchtiger Behauptungen.

00:04:26: Danach sind erstens sämtliche bestehenden staatlichen Strukturen abzulehnen. Zweitens ist, obwohl die Religion in Utopia eine große Rolle spielt, das Christentum dort nur geduldet, wie Raphael ausführt,

00:04:43: deswegen, weil die Utopier erfahren hatten, dass der Religionsgründer die kleine soziale Gemeinschaft pflegte, was ihrem Gesellschaftsmodell sehr nahe käme.

00:04:54: Beides sind Momente, die einen fundamentalen Angriff auf alle etablierten öffentlichen Strukturen bedeuten. So etwas konnte sich damals niemand trauen.

00:05:07: Im Fall von Morus handelt es sich auch noch um jemanden, der für seinen Katholizismus nicht nur hingerichtet wurde, sondern auch noch um einen der höchsten staatlichen Würdenträger, Mitglied des Kronrats und Lordkanzler.

00:05:23: Die Wahl der Sprache ist damit eben auch dem Umstand geschuldet, dass solche Widersprüche nicht an die große Glocke gehängt werden und man sich sozusagen nur im kleinen Kreis darüber amüsierte.

00:05:35: Doch der Hintergrund solcher Scherze ist immer ein ernsthafter.

00:05:41: Der beste Kabarettist ist freilich derjenige, der seine Scherze überhaupt nicht lustig findet,

00:05:46: was hat es also mit den menschenfressenden Schafen auf sich?

00:05:51: Morus lässt Hythlodeus folgendes ausführen: '

00:05:55: Das sind eure Schafe, die so sanft und genügsam zu sein pflegen. Jetzt aber,

00:06:01: wie man hört, so gefräßig und bösartig werden, dass sie sogar Menschen fressen, Felder, Gehöfte und Dörfer verwüsten und

00:06:10: entvölkern.

00:06:12: Denn überall, so in eurem Reiche feinere und daher bessere Wolle erzeugt wird, das sind hohe und niedere Adelige, ja auch heilige Männer, wie einige Äbte,

00:06:23: nicht mehr mit den jährlichen Einkünften und Erträgnissen zufrieden, die ihren Vorgängern aus den Landgütern erwuchsen.

00:06:31: Es genügt ihnen nicht, müßig und üppig zu leben, der Allgemeinheit nicht zu nützen, sofern sie ihr nicht sogar schaden. Sie lassen kein Stück Land zur Bebauung übrig.

00:06:43: Sie zäunen alles als Weide ein, reißen die Häuser ab, zerstören die Dörfer und lassen gerade noch die Kirchen als Schafställe stehen.

00:06:53: Und als ob die Wildgehege und Tiergärten bei euch noch zu wenig Ackerböden beanspruchen, verwandeln jene Leute alle Ansiedlungen und alles, was es noch an bebautem Land gibt,

00:07:07: in Wüsten.

00:07:10: Die Metapher zielt freilich auf die wirtschaftliche Ordnung im damaligen England, speziell auf einen aufkommenden Produktionszweig, der bis heute einen Spiegel der sozioökonomischen Verhältnisse darstellt, nämlich die Textilindustrie.

00:07:28: Bereits 1353, also über 150 Jahre bevor Morus Utopia geschrieben hatte, hatte der englische König den sogenannten Stapelzwang für englische Wolle erlassen.

00:07:42: Danach durfte die Rohware nicht einfach nach Flandern ausgeführt werden, sondern musste zuerst den einheimischen Tuchherstellern angeboten werden.

00:07:53: Das hatte für den Staat mehrere Vorteile. So konnte man die Verkaufs- und Ausfuhrsteuern leichter erheben, wenn an einem zentralen Platz die Ware angeboten werden musste. Und außerdem profitierte die heimische Wirtschaft dadurch, dass die Ware im Land weiterverarbeitet wurde.

00:08:13: Der Effekt für die Hersteller war freilich ein anderer. Das zentrale Angebot verbilligte den Einkauf für die Tuchhersteller.

00:08:22: Um auf ihre Kosten zu kommen, mussten die Produzenten die Mengen erhöhen, also mehr Schafe züchten, was die Ausweitung der Weideflächen notwendig machte.

00:08:33: Das größere Angebot an Wolle führte aber auch dazu, dass infolge politischer Unruhen in Flandern Facharbeiter nach England einwandern konnten.

00:08:44: Im Verlauf von 200 Jahren wurde die englische Wollproduktion immer weiter ausgebaut. Die adeligen Landbesitzer, aber auch die Klöster mit ihrem großen Grundbesitz vertrieben die lokalen Pächter, um überall nur noch Schafe zu züchten.

00:09:02: Vor allem die Klöster hätten laut Raphael alles zerstört, um möglichst viel Weideland zu gewinnen nur die Kirchen stehen zu lassen, die ihnen dann als Schafställe dienen konnten.

00:09:13: Das führte wiederum zu 2 Entwicklungen:

00:09:16: Die Landbevölkerung verarmte, zog in die Städte und verdingte sich als Bettler und Diebe.

00:09:24: Die Nahrungsproduktion dagegen verschmälerte sich, weil die Weiden für die Wollproduktion genutzt wurden. Lebensmittel wurden teurer, was die Verelendung weiter vorantrieb.

00:09:36: Dagegen sprudelten durch das Tucholigopol die staatlichen Einnahmen, die damals gerne für die Kriegsführung verwendet wurden. Um die Verwundeten glaubte man sich nicht kümmern zu müssen und so lungerten auch diese als Bettler und Diebe auf den Straßen London

00:09:53: herum.

00:09:54: Das Zitat von den menschenfressenden Schafen findet sich deswegen auch bei Karl Marx, welcher im Kapital den Aufstieg der englischen Tuchproduktion als erste moderne Kapitalakkumulation beschrieb.

00:10:08: Raphael zieht aus seiner Schilderung wiederum einen bemerkenswerten Schluss.

00:10:13: Das Einzige, was gegen die sozioökonomischen Kalamitäten helfen kann, ist die Abschaffung des

00:10:20: Privateigentums.

00:10:23: Raphael führt aus: Indessen, mein lieber Morus, scheint es mir, um offen zu sagen, was ich denke, in der Tat so,

00:10:32: dass es überall da, wo es noch Privateigentum gibt, wo alle alles nach dem Wert des Geldes messen, kaum jemals möglich sein wird, gerechte und erfolgreiche Politik zu treiben.

00:10:45: Es sei denn, man wäre der Ansicht, dass es dort gerecht zugeht, wo immer das Beste den Schlechtesten zufällt, oder dort glücklich, wo alles an ganz wenige verteilt wird und auch diese nicht in jeder Beziehung gut gestellt sind.

00:11:00: Die Übrigen jedoch ganz

00:11:02: übel.

00:11:05: Es liegt nahe, Morus’ Entwurf als eine Art frühsozialistischer Theorie zu interpretieren, aber das funktioniert nur im Rückblick.

00:11:15: Auffällig ist dennoch, dass Morus zweifellos seinen Blick als Erster unmittelbar auf die sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen richtete.

00:11:27: Nicht die Menschen seien das Problem, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse.

00:11:34: Davon ausgehend war er in der Lage, eine weitere Neuerung einzuführen.

00:11:40: An das Auf den Kopf stellen aller gesellschaftlichen Verhältnisse oder Theorien hat er dabei sicher nicht gedacht.

00:11:48: Er entwirft stattdessen einfach eine seit seiner Schrift ebenso benannte Utopie, einen alternativen Entwurf, der dazu anregen soll, über die gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen nachzudenken.

00:12:04: Das heißt einerseits, dass der Mensch in der Lage ist, die gesellschaftlichen Strukturen zu verändern und zu gestalten damals alles andere als eine selbstverständliche Ansicht. Und andererseits führte er dadurch die politiktheoretische Methode ein, in alternativen Möglichkeiten zu denken.

00:12:26: Und das prägt uns sicher bis heute.

00:12:29: Zu seinen Zeiten spielten sich fundamentale Änderungen ab.

00:12:34: Sein Märtyrertod war auch nicht generell veranlasst, sondern durch rein kirchenpolitische Umstände.

00:12:41: Erasmus und Thomas verfolgten die kirchlichen Schismen der damaligen Zeit sehr genau.

00:12:47: Was inhaltliche Fragen anging, so gaben sie den Kritikern vor allem Luther und Calvin wahrscheinlich vollkommen recht.

00:12:56: Alles, was die Kirche bisher gelehrt hatte, sollte kritisch auf den Prüfstand kommen.

00:13:02: Sie waren aber ebenso der festen Überzeugung, dass eine Kirchenspaltung eine dermaßen weitreichende Katastrophe darstellt, dass so etwas unbedingt vermieden werden musste.

00:13:15: Beide sahen wahrscheinlich längst vor Luther, dass die Art, wie man über die Fragen im deutschsprachigen Raum diskutierte, letztlich zur kirchlichen Abspaltung führen würde.

00:13:27: Das englische Schisma hatte dagegen keine innertheologischen Ursachen, sondern rein staatspolitische.

00:13:35: Nachdem der Papst die Scheidung Heinrichs VIII. mit Katharina von Aragon untersagte, wohl eher wiederum auch aus persönlichen Gründen, zumal diese die Tante Karls V. war, sagte sich auch der englische König vom Katholizismus los.

00:13:50: Morus war damit nicht einverstanden, missachtete die königlichen Dekrete, wurde in den ins Tower geworfen und nach einem fingierten Prozess hingerichtet.

00:14:01: Wahrscheinlich spielten auch hier persönliche Gründe eine Rolle, da Morus die ganze Zeit der Repressionen gegen ihn relativ unbekümmert davon schien, was wiederum der König nicht ertragen konnte.

00:14:17: Die Erzählkonstruktion von Utopia erlaubt es Morus, seine steilen Thesen für sich selbst und in der Öffentlichkeit zu relativieren. Denn diese legt er ausschließlich seiner Figur Raphael Hythlodeus in den Mund, dessen Namen im Übrigen bedeutet, dass sein Träger Erfahrung darin hat, Unsinn zu reden.

00:14:41: Als Raphael Hythlodeus braucht Morus kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

00:14:46: Die Taugenichtse fänden sich nämlich nicht nur auf den Straßen. So einige hätten nichts Sinnvolles zu tun, sowie Adelige, Goldschmiede oder Wucherer, verbrächten allerdings ihr Leben im Luxus, während diejenigen, die arbeiten müssen, gerade so ihr Auskommen hätten.

00:15:06: Die Fürsten dagegen, im Grunde auf das Gemeinwohl verpflichtet, seien an nichts anderem interessiert als an Geheimkabinetten, Machtpolitik, staatlichem Raub, Intrigenspielen und so fort.

00:15:22: Gegen diese vernünftigen Reden setzt Morus, wenn er in Utopia mit eigener Stimme spricht, eher auf Zurückhaltung.

00:15:33: So sagt er dort: „

00:15:35: Um die Wahrheit zu sagen, scheint es mir auch nicht richtig, derartige Reden zu halten und solche Ratschläge zu geben, von denen man sicher ist, dass sie keinen Anklang finden werden.

00:15:50: Was Raphael vorbringt, sei viel zu radikal. Die Welt, die Menschen und die Gesellschaft ließen sich nicht an einem Tag ändern und verbessern.

00:16:02: Besser sei es doch, nach und nach Verbesserungen einzuführen, die sich dann langsam auch etablieren könnten.

00:16:10: Das heißt letztlich allerdings auch: In der Sache scheint er dem Revoluzzer Raphael recht zu geben.

00:16:19: Die zentrale Maßnahme Raphaels liegt in der Forderung nach Abschaffung des Privateigentums.

00:16:26: Dessen unmittelbare Folge führe beim Einzelnen zu Faulheit, Hochmut, Ehrgeiz und Gier und in der Politik zu zahllosen Schwierigkeiten in allen Feldern Innenpolitik, außenpolitisch, fiskalisch usw.

00:16:43: Generell ist mit dem Privateigentum kein Staat zu machen und die Fürsten machen es ohnehin unfähig, wie es heißt, über freie Menschen zu herrschen.

00:16:54: Die Eigentumsverhältnisse nämlich versklaven die Menschen.

00:16:58: Sie führen innerhalb der Gesellschaft zu erheblichen Unzufriedenheiten, die schon unmittelbar zu Aufständen führen würden, wenn diese nicht außenpolitisch durch Krieg wiederum kompensiert werden würden.

00:17:11: Die Kriege wiederum verschärfen die innenpolitische Lage, weil sie zum einen Mittel verbrauchen, die im Inneren fehlen und zum anderen Kriegsversehrte produzieren, welche die Lage zusätzlich verschärfen.

00:17:27: Dagegen bringt Morus sogleich mehrere Einwände

00:17:31: vor.

00:17:32: Die Vorstellungen Raphaels widersprechen der menschlichen Natur. Seine Vorschläge und Forderungen sind nicht umzusetzen.

00:17:41: Ein staatlicher Entwurf auf der Grundlage Raphaels sei unmöglich zu konstruieren und gerade die Abschaffung von Privateigentum und die Überführung von allem in Gemeingut führe doch bekanntermaßen zu Faulheit und Ignoranz, die dann schnell wieder in Unzufriedenheit, Notaufstände und einem umfassenden Autoritätsverlust führen.

00:18:06: Die totale religiöse Toleranz widerspricht außerdem dem Christentum. Aber die Utopier sehen ja auch noch Ehescheidungen oder Selbstmord als legitim an. Für Raphael sind das alles wieder keine Argumente.

00:18:21: Die Möglichkeit einer besseren Gesellschaft, in der alle Menschen glücklich sein können, relativiert für ihn alles, was faktisch dagegenstehen könnte.

00:18:33: Hier müssen wir uns wieder verdeutlichen, was das radikal Neue an der Darstellung bei Morus ist.

00:18:39: Erstens, der Blickwinkel auf die sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse und zweitens, das Denken in Möglichkeiten in alternativen Entwürfen.

00:18:51: Die Möglichkeit oder eine Alternative steht immer gegen die faktischen Verhältnisse.

00:18:57: Die Wirklichkeit ist nicht so, wie sie sein könnte, sondern so, wie sie nun einmal ist.

00:19:03: Danach gibt es überhaupt keine Alternative, allerhöchstens vielleicht in der Zukunft.

00:19:09: Wenn allerdings alles so weitergeht, ändert sich eben auch nichts und die mögliche Alternative verschwindet wiederum hinter dem bloß

00:19:17: Faktischen.

00:19:19: Das Erstaunliche ist, dass Morus sich dieses Dilemmas vollkommen bewusst zu sein scheint.

00:19:25: Wenn wir fragen, was gegen die Wirklichkeit vorgebracht werden kann, Da kann es sich nur um eine Wirklichkeit handeln, die tatsächlich schon verwirklicht wurde, die also nicht mehr nur der Möglichkeit nach besteht, sondern wirklich ist.

00:19:41: Deswegen folgt im Anschluss an die Erörterung der Ursachen der sozialen Verwerfungen die Schilderung der phantastischen Insel durch Raphael.

00:19:51: Was er vorbrachte, ist keine bloße Fiktion,

00:19:55: sondern er hat die Insel ja wirklich gesehen.

00:19:57: Die Insel gibt es, sonst hätte er sie ja nicht besuchen können.

00:20:01: Freilich ist das ein Spiel, allerdings ein ernsthaftes.

00:20:07: Das Leben in Utopia ist einfach, geprägt von Arbeit in der Landwirtschaft und im Handwerk.

00:20:15: Arbeit ist verpflichtend, auch wenn ohnehin jeder freiwillig seine Beschäftigung sucht.

00:20:22: Da es keine Schmarotzer in Utopia gibt, also Adlige, Geistliche, Händler, Investoren, reicht es allerdings aus, dass jeder Utopier gerade einmal 6 Stunden täglich arbeiten muss.

00:20:35: Sonst vergnügt man sich dort mit Literatur, Musik, Studien, Sport und Gesprächen.

00:20:43: Bildung und Wissenschaft stehen hoch im Kurs, wenn auch Morus’ Vorstellungen von naturwissenschaftlicher Forschung noch vollkommen auf dem Mittelalter beruht.

00:20:53: Der Anlass zur Schilderung der wunderbaren Insel lag ja in der Zunahme der Kriminalität und der Unwirksamkeit der Sanktionsdrohungen.

00:21:03: Morus scheint dagegen eher auf ein Resozialisierungskonzept zu bauen, auch wenn er das wiederum mit einer Schilderung einführt, der Geschichte von den Polyeriten.

00:21:14: Der Name bezeichnet wiederum ein Volk, das viele Irrtümer begeht.

00:21:20: Auch das muss wieder als ein typisch humanistischer Scherz aufgefasst werden,

00:21:25: Morus begeht gerne die Umwege und bietet dadurch einen Anlass, über die Straftheorien und Strafbegründungen ganz unbefangen nachzudenken.

00:21:37: Das Kernstück der Schilderung von Utopia liegt in deren Verfassungsordnung.

00:21:42: Die geographischen Verhältnisse der Insel lassen sich leicht auf England übertragen, insbesondere die Hauptstadt Amaurotum erinnert an London.

00:21:52: Auffällig ist wiederum, dass es in Utopia kein rechtes Privatleben gibt.

00:21:58: Die Häuser stehen alle offen und werden im Zweijahres-Turnus getauscht, insbesondere auch zwischen den Städten und dem Land.

00:22:07: Utopia weist eine starke Regionalisierung auf, auch wenn die Einteilung an die attische Demen- und Phylenordnung erinnert.

00:22:16: Jährlich wird ein Senat gewählt und es werden Volksversammlungen abgehalten.

00:22:21: Der Regierung steht dagegen ein auf Lebenszeit gewählter König vor.

00:22:26: Alle Amtsträger und auch die Priester werden in geheimer Abstimmung gewählt.

00:22:33: Grundsätzlich scheinen Frauen das gleiche Bürgerrecht auszuüben wie Männer. Allerdings spiegelt sich das offensichtlich nicht unmittelbar in einer paritätischen Besetzung der Ämter wider. Vielmehr wird faktisch kein einziges Amt von einer Frau bekleidet.

00:22:49: Von Morus ist im Übrigen bekannt, dass in seinem Haushalt alle Heranwachsenden und beider Geschlechter den gleichen Unterricht genossen.

00:22:59: Sein Freund Erasmus soll sich darüber lustig gemacht

00:23:03: haben.

00:23:05: Kennzeichen der Toleranz der Utopier ist vor allem die Vielfalt der Religionen, welche es unter ihnen gibt.

00:23:12: Verboten sind Götterbilder, weil niemandem vorgeschrieben werden soll, wie es sich Gott vorzustellen habe.

00:23:20: Die Toleranz in Religionsfragen weist allerdings auch Grenzen auf.

00:23:25: Jeder Utopier muss an die Unsterblichkeit der Seele und an ein Jenseits glauben, in dem je nach Verdienst und Laster belohnt und bestraft wird.

00:23:36: Die Bürger Utopias tragen weitgehend dieselbe Kleidung, essen gemeinsam in einer vorgeschriebenen Sitzordnung. Die Familien sind alle etwa gleich groß, was dadurch erreicht wird, dass Familienmitglieder ausgesondert oder aufgenommen werden können.

00:23:54: Das gilt auch für die Gesamtbevölkerungszahl. Entweder es werden unbewohnte Gebiete kolonisiert oder Gesellschaftsmitglieder werden aus anderen Völkern aufgenommen.

00:24:06: Wenn auch die einzelnen Bürger nicht über Reichtum verfügen können, weil allen alles gehört, hortet der Staat durchaus größere Mengen an Reichtum an, der in erster Linie der Bezahlung von Söldnern dient.

00:24:20: Sollte es einen Grund für den Krieg geben, dann liege der nach Morus' Ansicht offenbar darin, dass es Söldner gibt, die sich dann gegeneinander abschlachten dürfen, wenn sonst kein anderer davon betroffen

00:24:33: ist.

00:24:33: Was immer wieder in Utopia aufgestoßen ist, ist der Hedonismus ihrer Bewohner.

00:24:41: Das humanistische Bildungs-, Menschen- und Sozialideal soll in Utopia weitgehend verwirklicht werden.

00:24:50: Das führt letztlich zu einer umfassenden Freude am Leben, die sich auch auf körperliche Bedürfnisse erstreckt.

00:24:58: Jede Form der Askese ist letztlich verpönt.

00:25:01: Der Hedonismus darf allerdings nicht zum Luxus führen.

00:25:05: Jeder soll jeden Tag einfache Tätigkeiten verrichten müssen, aber Handel, Wirtschaft und Geld werden

00:25:12: unterbunden.

00:25:14: Es herrscht Planwirtschaft, wie wir das heute nennen würden, und jeder bekommt nur das zugeteilt, was er unbedingt zum Leben braucht.

00:25:23: Damit herrscht zwischen den Bürgern absolute Gleichheit.

00:25:27: Wir haben schon gesehen, dass diese Gleichheit zum Totalen gesteigert wird, zur Entindividualisierung und zur staatlichen Überwachung und Kontrolle.

00:25:39: Es ist gerade ein wiederkehrendes und zentrales Kennzeichen von utopischen Staatsentwürfen, wie sie seit Platon über die Renaissance eben bei Morus, aber auch bei Campanella oder Francis Bacon bis zu den Dystopien des 20. Jahrhunderts bei Samjatin, Huxley oder Orwell entworfen werden.

00:26:03: Erkennbar sind eine ganze Reihe von Motiven der staatlichen Ordnung in Utopia, Platons Politeia, entnommen.

00:26:12: Morus teilt mit Platon gewissermaßen auch das Vernunftkonzept und die Statik der öffentlichen Einrichtungen.

00:26:20: Im Fall der Vernunft findet freilich mit dem Rückgriff eine Neuerung statt, denn die Vernunft war im mittelalterlichen Denken viel enger an die göttliche Heilsordnung gebunden.

00:26:32: Mit dem Humanismus wird sie allein Sache des Menschen und damit verändert sich auch fundamental das Staatsverständnis, dass keiner Ordnung mehr folgt, sondern fortan unter Konstruktionsbedingungen steht.

00:26:49: Mit der Statik des Staatsentwurfs hat es noch seine eigene Bewandtnis.

00:26:55: Unter der Hand wird nicht nur die Aktivität des Menschen bei der öffentlichen Gestaltung betont, sondern eine weitere Dynamisierung eingeführt.

00:27:06: Utopia bedeutet ja Ortlosigkeit, was wieder auf das ernsthafte Spiel mit möglichen Alternativen verweist. Der Historiker Thomas Nipperdey wies darauf hin, dass in der damaligen Vorstellung die Zeit gewissermaßen durch Eschatologie und Geschichtstheologie besetzt war. Nicht zuletzt durch die Entdeckung der neuen Welt hat sich dagegen der Raum in den Vorstellungen wesentlich geöffnet und erweitert.

00:27:42: Und so war Morus in der Lage, in den Raum der Ortlosigkeit von Utopia hinein seinen Möglichkeitsentwurf zu stellen, welcher die Freiheit des Menschen betont, seine gesellschaftlichen Verhältnisse selbst bestimmen zu können.

00:28:00: Dadurch konnte sich nach und nach allerdings auch die Zeit wieder befreien, wodurch die Zukunft offen wird und der Mensch wiederum Raum für seine Gestaltungsmöglichkeiten erwirbt.

00:28:16: Die damit verbundene Dynamisierung verändert das gesamte Strukturgefüge des Verständnisses von der Welt.

00:28:26: Diese ist kein göttlich geordneter Kosmos klar strukturierter Hierarchien mehr, sondern ein dynamisch verfasstes funktionales Relationsgefüge, dessen Element Staat, Einzelner, Religion, Wirtschaft, Politik und Kultur nebeneinander bestehen und ineinander verflochten sind.

00:28:52: Irgendwann fing der Mensch an, diese zeitliche Dimension seines Daseins als Fortschritt zu bezeichnen, um es letztlich damit zu übertreiben.

00:29:05: Und so können wir feststellen, mit der Vorstellung davon, Dass die Kultur in all ihren Facetten ständig voranschreitet, dass die Alternativen nicht bloß Möglichkeiten darstellen, sondern umgesetzt werden müssen,

00:29:22: endet das Zeitalter der Utopien.

00:29:53: und der Franken-Akademie Schloß Schney e. V.

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