Folge 1: Politische Ideengeschichte

Shownotes

Was macht eine politische Ordnung demokratisch - und warum lässt sich diese Frage nur historisch beantworten?

Demokratische Ordnungen unterscheiden sich in ihren Institutionen, Verfahren und politischen Kulturen. Was sie dennoch als Demokratien verbindet, lässt sich nicht allein an einer Momentaufnahme der Gegenwart erklären. Dafür müssen wir nachvollziehen, wie zentrale politische Ideen entstanden sind und ihre Bedeutung verändert haben.

Günter Fröhlich führt in die Methode der politischen Ideengeschichte ein. Er fragt, aus welcher Perspektive wir Vergangenheit erzählen, welche Rolle Freiheit als heutiger Maßstab spielt und warum historische Entwicklung weder als geradliniger Fortschritt noch als bloße Folge von Ereignissen verstanden werden sollte. Die Folge eröffnet den Weg der ersten Staffel: von Platon und Aristoteles über die politischen Ordnungsentwürfe des Mittelalters bis zu Naturrecht und Souveränität in der frühen Neuzeit.

In dieser Folge

  • Merkmale demokratischer Herrschaft und historisch verschiedene Ausprägungen
  • Freiheit und Selbstbestimmung als politische Leitideen
  • Geschichte zwischen Quelle, Interpretation und Gegenwartsinteresse
  • zentrale Begriffe von Herrschaft und Souveränität bis Recht und Repräsentation
  • Aufbau und Fragestellung der ersten Staffel

Bezug zum Buch
Die Folge führt in Vorwort und Einleitung von Band 1 des Buches „Der Weg der Demokratie“ ein. Sie erschließt die methodische Verbindung von politischer Ideengeschichte und Demokratieentwicklung.

Text, Redaktion, Sprecher und Musik: Günter Fröhlich.
Herausgeben vom Felix Meiner Verlag mit freundlicher Unterstützung durch das Stipendienprogramm des Freistaats Bayern „Junge Kunst und neue Wege“ und der Franken-Akademie Schloß Schney e. V.

Podcast-Website: weg-der-demokratie.podigee.io
Buchveröffentlichung: meiner.de/weg-der-demokratie

© 2026, Günter Fröhlich & Felix Meiner Verlag GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

Transkript anzeigen

00:00:02: Der Weg der Demokratie.

00:00:03: Staffel 1:

00:00:05: Gemeinschaft, Herrschaft, Souveränität –

00:00:07: Platon

00:00:08: bis Bodin. Ein Podcast von Günter Fröhlich, herausgegeben vom Felix Meiner Verlag. Folge 1: Politik und politische Ideengeschichte.

00:00:20: Wenn wir einmal überlegen, was Politik überhaupt bedeutet, lässt sich ganz Verschiedenes sagen.

00:00:30: Wir können das politische Tagesschehen betrachten, die Themen, die Reformen, die Reaktionen auf Ereignisse, Weichenstellungen für die Zukunft – allgemein das Regierungshandeln.

00:00:44: Wir können die einzelnen Institutionen in ihrem Gefüge reflektieren, ihr Zusammenwirken, ihre Gegensätze, die jeweilige Rechtslage, die Einflussfaktoren auf Entscheidungen,

00:00:58: oder aber wir sehen uns die politischen Debatten und Meinungen an, im Parlament, in den Medien, unter Bekannten oder am Stammtisch.

00:01:09: Andere Staaten, die ebenfalls als demokratische Herrschaftssysteme eingerichtet sind, weisen an vielen Stellen bemerkenswerte Unterschiede auf.

00:01:20: Vor allem die staatlichen und öffentlichen Institutionen fallen mitunter ganz verschieden aus, freilich auch die Themen und die Debatten, welche im jeweiligen Land gerade ausgetragen werden.

00:01:35: Nun können wir in einem vergleichenden Blick untersuchen, worin sich Demokratien ähneln oder worin sie sich unterscheiden und warum sie das tun.

00:01:47: Wir werden schnell feststellen, dass die Herrschaftssysteme in verschiedenen Ländern historische Entwicklungen durchliefen,

00:01:56: die zuletzt sicher auch auf kulturellen Unterschieden beruhen.

00:02:01: Was aber ist das Demokratische an diesen Systemen?

00:02:06: Wie lassen sich die verschiedenen institutionellen Einrichtungen dahingehend identifizieren, dass es sich in jedem einzelnen Fall eben um eine Demokratie handelt?

00:02:22: Politiktheoretisch lässt sich das auf ein paar Merkmale herunterbrechen.

00:02:28: Es braucht, wenn wir von einer Demokratie sprechen wollen, Wahlen durch das gesamte Volk, also jeder einzelnen Bürgerin und jedem einzelnen Bürger im wahlfähigen Alter, welche zunächst einmal eine sie repräsentierende Versammlung wählen, die bestimmte Kompetenzen auf sich vereinigt, in erster Linie das Gesetzgebungsrecht und das Haushaltsrecht.

00:02:56: Daneben gibt es eine funktional eingerichtete Regierung, welche entweder auch aus Wahlen durch die Bürgerinnen und Bürger oder durch Gremien, die wiederum durch das Volk gewählt wurden, unter Umständen durch die Mitwirkung weiterer öffentlicher Organe hervorgegangen ist. Und es braucht ein Rechtssystem, das den zahlreichen formalen Kriterien dessen entspricht, was wir Rechtsstaat nennen.

00:03:25: Hierbei gibt es wiederum historisch gewachsene inhaltliche Anforderungen. Wichtiger allerdings sind die Verfahrensordnungen, die garantieren, dass auf rechtsstaatliche Weise Beschlüsse – Urteile genannt – gefällt werden. Hinzu kommt eine Exekutivordnung, welche diese Beschlüsse auch umsetzt.

00:03:49: Mehr braucht es für eine Demokratie wohl nicht.

00:03:53: Warum sich also lange damit aufhalten, was eine Demokratie ist, sein soll und unter welchen Bedingungen sie funktioniert?

00:04:02: Bei den Unterschieden zwischen den verschiedenen Ausprägungen der Demokratien fiel schon auf, dass jede für sich eine historische Entwicklung durchlief.

00:04:14: Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland weist eine ganze Reihe von Übernahmen aus vorhergehenden Verfassungen auf, so zum Beispiel seine föderale Struktur aus der Reichsverfassung von 1871.

00:04:29: Vieles stammt aus der Weimarer Verfassung von 1919.

00:04:34: Einiges stellt eine Reaktion aus den Erfahrungen mit dem Terrorregime der Nationalsozialisten dar.

00:04:41: Die Frage, wie diese das demokratische System der Republik auflösten, führte zu einigen fundamentalen Änderungen im Grundgesetz.

00:04:52: So wird zum Beispiel dem Parlament nur ermöglicht, die Regierung aufzulösen, durch ein konstruktives Misstrauensvotum.

00:05:00: Das heißt, dass die Regierung nicht einfach abgesetzt werden kann, sondern nur dadurch, dass gleichzeitig vom Parlament eine neue eingesetzt wird.

00:05:11: Vieles wiederum stammt auch noch aus der Paulskirchenverfassung von 1849, bei der bis heute darüber gestritten wird, ob diese jemals einen realen Bestand hatte.

00:05:25: Sie ist tatsächlich unter demokratischen Vorzeichen ausgehandelt und von einem dafür gewählten Gremium hervorgegangen, vollendete sich allerdings nicht, weil der preußische König nicht als Staatsoberhaupt zur Verfügung stehen wollte, wie es die Verfassung vorsah.

00:05:45: Der historische Rückblick auf den Weg zur Demokratie und ihrer jeweiligen Ordnung wird immer irgendwo beginnen müssen.

00:05:55: Es bietet sich an, beim einschneidendsten Ereignis hierfür zu beginnen, nämlich bei der Französischen Revolution.

00:06:04: Die ausgreifenden Debatten damals standen vor der Schwierigkeit, eine überkommene politische Ordnung, das Ancien Régime, abzuschaffen, um etwas ganz Neues zu errichten.

00:06:18: Dem stand im Wege, dass die Menschen und neuen Bürger an viele kulturelle Traditionen gewohnt waren oder dass die Wirtschaftsordnung am alten System hing.

00:06:31: Und überhaupt war die Frage nach der Finanzierung des Staatsgebildes letztlich einer der zentralen Auslöser der Revolution, ungeklärt. Und entgegen standen auch die alten feudalen Mächte im Rest Europas, die mit Argwohn und ihren Armeen auf die neuen Entwicklungen in Frankreich blickten, freilich, weil diese sie und ihre Herrschaftsstellung selbst bedrohten.

00:07:01: Nun ist die Französische Revolution kaum zu begreifen und einzuordnen, wenn wir ihre Vorgeschichte nicht kennen. Und so müssten wir historisch immer weiter zurück, um zu erkennen, welche Vorstellungen aus welchen geschichtlichen Konstellationen entstanden.

00:07:21: Die zentrale Idee der Demokratie liegt in der individuellen Freiheit und in der persönlichen Selbstbestimmung.

00:07:31: Wenn ich selbst das richtig verstehe, ist dieses Selbstverständnis des heutigen Menschen, das damit verbunden ist, nichts, was dem Menschen sozusagen aus biologischen Ursachen heraus mitgegeben wurde.

00:07:48: Die biologische Entwicklung des Menschen reicht freilich noch sehr viel weiter zurück als die historische.

00:07:55: Die Idee der Freiheit in unserem heutigen Verständnis ist dagegen etwas noch sehr Junges. Und ich fürchte, dass die meisten heute lebenden Menschen immer noch nichts Rechtes damit anzufangen wissen, in dem Sinne, dass ihnen wirklich unmittelbar bewusst ist, was Freiheit speziell im politischen Sinne heißt.

00:08:22: Es gilt bei der Idee der Freiheit wiederum, auf einige Vorbedingungen zurückzugreifen.

00:08:29: Schon Platon identifizierte die Demokratie mit der Freiheit, dachte sich diese aber allein in dem Sinne, dass jeder machen könne, was er gerade wolle,

00:08:43: was wiederum dazu führe, dass die Menschen sich nur von ihren unmittelbaren und meistens von ihren niedersten Trieben leiten ließen.

00:08:53: Wenn diese Triebe sie aber vollständig bestimmen, wäre das einerseits das ganze Gegenteil von Freiheit. Andererseits führte das im sozialen Alltag zu Konflikten, die niemals lösbar sein werden.

00:09:08: Nicht zuletzt war Platon ebenso der Meinung, dass der Mensch, wenn er sich bloß an seine unteren Instinkte hält, nicht bloß seine Möglichkeiten unausgeschöpft lässt, sondern damit sein Leben verfehlt und niemals glücklich werden kann.

00:09:29: Aristoteles diskutiert dann bereits die Freiwilligkeit als ein menschliches Vermögen, das einen äußerlich nicht behindert, Wahlmöglichkeiten zu haben.

00:09:41: Wir können uns damit zu einer bestimmten Handlung entscheiden.

00:09:46: So kann ich wählen, ob ich mein Schiff im Sturm untergehen lasse oder die Ladung über Bord werfe, um dadurch Schiff und Menschen darauf zu retten.

00:09:57: Ich kann mich also entscheiden, bin frei.

00:10:01: So lautet ein Beispiel von Aristoteles.

00:10:04: Erst bei Augustinus taucht dann ein freier Wille auf einer Art höheren Ebene auf, den er allerdings wiederum durch einen göttlichen Willen bestimmt sah.

00:10:17: Der alte Begriff der Freiheit verweist auf Handlungsalternativen, welche der Mensch angesichts bestimmter Situationen hat.

00:10:29: Was da nicht thematisiert wird, ist die individuelle oder persönliche Freiheit.

00:10:36: Für diese braucht es erst einen Begriff vom menschlichen Subjekt als Zentrum der Weltbetrachtung.

00:10:45: So etwas kommt schwerlich auf und ist als Vorstellung des eigenen Selbstverständnisses schwierig durchzuhalten, wenn die soziale Welt in all ihren relevanten Belangen vollständig hierarchisch strukturiert ist: in sozialer, politischer und religiöser Hinsicht.

00:11:08: Zwar thematisierten Denker aus der Zeit der Renaissance bereits den neuen Weltmittelpunkt, nämlich den Menschen.

00:11:17: Erst aber Descartes erfand gewissermaßen das denkende Subjekt, wollte dabei umgekehrt von Freiheit nun rein gar nichts wissen.

00:11:28: Letztlich ging es ihm darum, ein theoretisches Problem zu lösen, mit dem er sich herumschlug, nämlich wie wir Sicherheit im Wissen erlangen können.

00:11:40: Im 16. und 17. Jahrhundert verbreitete sich die Vorstellung vom selbstbestimmten Subjekt immer weiter, ohne dass dies nennenswerte Auswirkungen auf die Welt hatte, mit einem einzigen Ausnahmebereich der Kunst.

00:11:59: Das zu erläutern, würde jetzt etwas zu weit führen.

00:12:03: Stellen wir uns das aber einmal ganz konkret vor.

00:12:08: Was passiert, wenn diese Idee von der persönlichen Selbstbestimmung immer weiter um sich greift?

00:12:16: Welche Auswirkungen wird das auf den sozialen Austausch der Menschen und auf die politischen Verhältnisse haben?

00:12:25: Die Herrschaftsstrukturen waren seit langem ausschließlich hierarchisch strukturiert gewesen. Alternativen dazu kamen sonderbarerweise allein in theologischen Auseinandersetzungen vor, und das bereits im 13. und 14. Jahrhundert.

00:12:42: Die Diskussion darum beschränkte sich freilich auf einige Intellektuelle.

00:12:50: Ich halte es keineswegs für einen Zufall, dass die herrschenden Klassen damals auf die neue Idee reagierten. Diese bedrohte doch zutiefst ihren Herrschaftsanspruch, der sich erst kurz zuvor mit einem anderen politischen Begriff etabliert hatte, dem von der Souveränität.

00:13:11: Dieser wurde von Jean Bodin in den Mittelpunkt seiner Überlegungen zur Staatsform der Republik gestellt, und mit ihm werden wir auch den ersten Teil unseres Weges der Demokratie beschließen.

00:13:27: Ab dem ausgehenden Mittelalter forderte das wirtschaftlich aufsteigende Bürgertum zunehmend politische Mitsprache.

00:13:38: Aber vielleicht war entscheidender, dass das merkantilistische Wirtschaftssystem von damals, das die Politik der Fürsten finanzierte, den freien Markt, aus dem die privaten Unternehmungen ihre Gewinne zogen, massiv behinderte.

00:13:56: Die staatlichen Finanzen gerieten dennoch in Schieflage, und irgendwann ließ sich der öffentliche Haushalt, zumal zahllose Kriege geführt werden wollten, nicht mehr finanzieren.

00:14:11: Hinzu trat das Vorbild der amerikanischen Revolution, ebenso veranlasst durch eine neue Steuererhebung, die als ungerecht empfunden wurde.

00:14:23: Solche Bedingungen verhalfen der Idee der individuellen Freiheit und politischen Mitbestimmung auch zu einer politischen

00:14:32: Bedeutung.

00:14:35: Wir stehen also vor dem Umstand, dass die herrschende Klasse angesichts einer ihr Selbstverständnis bedrohenden Idee vom Menschen, eben dass jeder sich selbst bestimmen könne, ihre feudale Herrschaft immer weiter bis zum sogenannten Absolutismus ausbaute – zum absoluten Gegenteil der Demokratie also.

00:15:00: Dies ging so lange, bis die Spannung nicht mehr zu überbrücken war und das System kollabierte, auch wenn die unmittelbaren Ursachen für den Zusammenbruch wohl eher in den sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen zu suchen sein werden.

00:15:18: Aus der Sicht der Freiheit wurde ihr politisch immer weniger Raum gelassen, aber sie wartete geduldig auf den zwangsläufig eintreffenden Zeitpunkt, um sich dann als Motto einer neuen Zeit auf die Fahnen zu setzen.

00:15:39: Dass eine Idee wie die Freiheit einen solchen Plan ihrer Durchsetzung verfolgt, ist natürlich eine bloße Fiktion.

00:15:49: Außer Georg Wilhelm Friedrich Hegel weiß jeder Mensch, dass Ideen keinen Willen haben, weil sie keine Lebewesen sind.

00:15:58: Die handelnden Menschen damals hatten freilich erst recht kein Bewusstsein davon, dass ihr Tun von einer sich etablierenden Idee determiniert ist.

00:16:10: Ich muss mich fragen: Was soll diese Form meiner Darstellung?

00:16:16: Historisch habe ich meine Erzählung von der Freiheit als einer handelnden Person übertrieben, allerdings nur, um deutlich zu machen, um was es bei der Geschichte geht.

00:16:30: Wenn wir nun erzählen, was so passiert ist, den Ablauf von Ereignissen schildern, können wir nur sehr wenig damit anfangen.

00:16:39: Wir können nicht einmal richtig verstehen, was überhaupt passiert ist.

00:16:44: Das gilt für fiktionale, für historische wie für reale Begebenheiten.

00:16:50: Um einen Bezug zu Geschehnissen herzustellen, brauchen wir eine Bedeutung, die das Ganze für uns hat.

00:16:58: Das klingt in Bezug auf geschichtliche Entwicklungen etwas befremdlich, gehört tatsächlich allerdings unmittelbar dazu.

00:17:09: Die Bedeutung, welche die Geschichte für uns aufweist, kann selbst wiederum keine historische sein.

00:17:17: Wir wissen nicht wirklich, wie die Leute damals gedacht haben, und selbst wenn etwas davon aufgeschrieben wurde und wir es heute lesen können, verfallen wir schnell in Missverständnisse, weil das, was die Menschen damals als bedeutsam empfanden, nicht das ist, was uns heute wichtig erscheint.

00:17:41: Wenn wir also einen historischen Rückblick beginnen, interessiert uns im Grunde nur das, was für uns heute bedeutsam ist.

00:17:53: Geschichte ist eine Wissenschaft, die bestimmte formale Kriterien erfüllen muss. Man spricht von Methoden, damit sie überhaupt eine systematisch betriebene, eben wissenschaftliche Arbeitsweise erlaubt.

00:18:09: Bei der Geschichte sind das Klarheit, Nachvollziehbarkeit und Übereinstimmung mit allen verfügbaren beziehungsweise vorliegenden Quellen.

00:18:21: Die Zeugnisse aus der jeweiligen Zeit sprechen allerdings nicht für sich, sondern wir müssen das, was uns überliefert ist, interpretieren.

00:18:32: Wir haben also einen Spielraum an möglichen, wenn auch niemals beliebigen Alternativen.

00:18:40: Im Fall der Geschichte tritt noch ein weiteres Element hinzu.

00:18:45: Wir brauchen einen Maßstab, der uns die Bedeutsamkeit vermittelt, dem wir das Geschehene

00:18:52: unterwerfen.

00:18:55: Bei allen fiktionalen Erzählungen und bei vielen vermeintlich historischen Rekonstruktionen versetzen wir uns gerne in die handelnden Protagonisten, freuen und leiden mit ihnen.

00:19:10: Wir wollen wissen, wie es weitergeht, was die, mit denen wir uns emotional fiktiv identifizierten, erlebten.

00:19:20: Ein solcher gefühlsmäßiger Umgang mit Ereignissen entspricht unserem täglichen Erleben.

00:19:27: Bei Geschichte kann so etwas auch hinzutreten, wenn diese entsprechend erzählt ist.

00:19:34: Es kann aber kein Maßstab dafür sein, sich auf historisch korrekte Weise mit vergangenen Ereignissen auseinanderzusetzen.

00:19:46: Jetzt sehen wir auch sofort, was das sollte, als in meiner Erzählung die Figur der Freiheit auf ihre Chance wartete. Zur eigenen Freiheit und zur Freiheit der anderen, wenn wir Demokraten sind, haben wir einen emotionalen Bezug.

00:20:04: Sie ist uns wichtig.

00:20:06: Und deswegen interessiert uns die Geschichte von der Freiheit.

00:20:11: Gleichzeitig ist die Freiheit ein Begriff, ein Konzept, und wir können einfach darstellen, was frühere Zeiten wohl darunter verstanden haben könnten, wie diese Vorstellung sich entwickelte und ausfaltete.

00:20:27: Und wir lernen dabei gleichzeitig noch etwas darüber, was wir heute darunter verstehen oder verstehen

00:20:35: können.

00:20:37: Der Blick zurück in die Vergangenheit, auf das geschichtliche Geschehen und auf die politische Ideenentwicklung, ist damit durch ein Moment gefärbt, das für uns heute bedeutsam ist.

00:20:52: Wir erzählen Geschichte anhand dieses Maßstabs, der für die Menschen damals nie die Bedeutung haben konnte wie für uns heute.

00:21:03: Zumindest nicht genau in dem Verständnis, das wir heute davon haben.

00:21:09: Die Idee der Freiheit und speziell der politischen Freiheit ist allerdings nur eine unter den vielen Konzepten und Vorstellungen, welche für die Entwicklung der Demokratie bedeutsam waren und immer noch sind.

00:21:26: Eine unvollständige und lockere Aufzählung der wichtigsten Begriffe weitet sich schnell zu einem langen Katalog aus. Es sind neben der Freiheit, und ich zähle das jetzt nur auf, und es ist eine lange Liste: Herrschaft, Souveränität, Recht, die Demokratie selbst und was man darunter verstand und versteht, Parlament und Parlamentarismus,

00:21:56: Gewaltenteilung, Repräsentation, Föderalismus, Selbstbestimmung, Ordnung, Verwaltung, Fiskus, Staat, Regierung, Untertan, Volk, Bürger, Nation,

00:22:15: Macht, Gewaltmonopol, Krieg, Friede, Bündnis, Vertrag, Sicherheit, Strafvollzug und Sanktion, Handel, Außenbeziehungen, Grenze, Wille und Entscheidung, Interessen, Wirtschaft, Gemeinschaft, Gesellschaft, Armut, soziale Ordnung und soziale Differenzierung, Grund- und Menschenrechte, Gerechtigkeit, Verfassung, Konstitution, Subsidiarität, Europa – die Liste ist sicher noch nicht einmal vollständig.

00:22:58: Die Stationen, an denen wir die Entwicklung dieser Ideen und Konzepte festmachen wollen, sind einzelne Denker, die ihrer Zeit meist weit voraus waren.

00:23:11: Aber ihre Schriften wurden immer wieder gelesen und ihre Gedanken weitergeführt und weiterentwickelt.

00:23:19: Neben den schon genannten Platon und Aristoteles, Augustinus und Bodin treten im ersten Teil dieser Geschichte auf:

00:23:30: Cicero, Thomas von Aquin, Dante Alighieri, der zwar meist als Dichter wahrgenommen wird, aber ebenso ein bedeutender Staatstheoretiker war,

00:23:41: dann Marsilius von Padua, Niccolò Machiavelli, Thomas Morus, Martin Luther, Francisco de Vitoria und Hugo Grotius.

00:23:53: Der Zeitraum umfasst immerhin 2.000 Jahre, und mit Thomas Hobbes fängt dann eine neue Zeit an, mindestens eine neue in der Betrachtung der politischen Philosophie.

00:24:08: Nicht immer lässt sich dabei ein nahtloser Übergang von einem zum anderen ausmachen, mit dem der Spätere an den Früheren anknüpft.

00:24:18: Die Denker haben meist ganz eigene Ansichten über ihre Zeit und deren Bedeutung.

00:24:25: Und sie greifen ganz individuell auf frühere Überlegungen zurück, so wie wir das auch heute noch tun.

00:24:36: Mit der Geschichte und was uns daran wichtig ist, hängt noch ein weiterer Punkt zusammen.

00:24:43: Wir denken, dass der Prozess der demokratischen Entwicklung mit den modernen Demokratien ihren Abschluss gefunden hat.

00:24:53: Dagegen sprechen gleich zwei Momente. Der erste Umstand: In letzter Zeit stehen demokratische Systeme unter einem erheblichen Druck.

00:25:06: Die weltweite Ausbreitung dieser Herrschaftsform ist wieder rückläufig geworden.

00:25:12: Zudem haben wirtschaftlich oder militärisch starke beziehungsweise

00:25:17: zu allem entschlossene Staaten die westliche Form von Demokratie zum Feindbild erklärt.

00:25:24: Innerhalb der westlichen Demokratien wachsen weiter die Spannungen, sei es aufgrund einer Pandemie, aufgrund sozialer Verwerfungen, aufgrund genereller Unzufriedenheit mit dem politischen Apparat oder dessen Ergebnissen, sei es vielleicht auch aufgrund neuer politischer oder persönlicher Ideen. Zu denken ist beispielsweise an den Begriff der Identität.

00:25:53: Was geworden ist und vielleicht die ein oder andere glückliche Wendung nahm, wie das Zusammenwachsen Europas, ist keineswegs in Stein gemeißelt.

00:26:05: Hinzu tritt die Umweltzerstörung, deren Ausmaß wir uns offenbar überhaupt nicht vorstellen wollen. Der zweite Umstand:

00:26:16: Der Weg der Demokratie verdankt sich einer bestimmten Vorstellung davon, wie Menschen im öffentlichen und privaten Kontext miteinander umgehen sollten oder wollten.

00:26:31: Eine solche Vorstellung darf keineswegs mit der Wirklichkeit verwechselt werden.

00:26:36: Was zum Beispiel im Grundgesetz steht und welche Welt uns gegenübertritt, wird niemals ganz zur Deckung gebracht werden können.

00:26:47: Unsere Verfassung ist mehr Programm als Wirklichkeit.

00:26:52: Dass zum Beispiel die Gleichstellung zwischen Männern und Frauen dort enthalten ist, war damals, als die Verfassung entworfen wurde, keineswegs selbstverständlich.

00:27:03: Die Benachteiligung von Frauen war danach aber weiterhin unmittelbar geübte Praxis.

00:27:11: Oder die französischen Revolutionäre haben endlose Debatten darüber geführt, inwiefern nicht bloß das Individualprinzip in der neuen politischen Ausrichtung verankert, sondern ebenso die Bindung an die Gemeinschaft rechtlich etabliert werden sollte.

00:27:33: Die Entscheidung, darauf zu verzichten, prägt unsere wirtschaftliche Entwicklung bis heute, und darin ist sicher eine der Ursachen dafür zu sehen, dass zunehmend soziale Spannungen auftreten, welche ebenso die politische Ordnung bedrohen.

00:27:52: Das bedeutet, dass die Kenntnis des historisch Gewordenen uns eine präzisere Einordnung, eine Standortbestimmung ermöglicht.

00:28:04: Es bedeutet bei aller Teleologie der Freiheit, also der fiktionalen Annahme, dass diese sich historisch einen immer festeren Platz in unser politisches Selbstverständnis erkämpft,

00:28:23: keineswegs, dass wir uns ruhig zurücklehnen könnten, weil ein Weltgeist ohnehin und zwangsläufig in seinem Sinne wirkt, sollte die Freiheit sein Sinn

00:28:29: sein.

00:28:30: Die Rekonstruktion beziehungsweise

00:28:32: Nacherzählung der Vergangenheit ist selbst eine sinnstiftende Fiktion, die uns ein wenig darüber weiszumachen sucht, wie das, was ist, geworden ist.

00:28:46: Wir müssen selbst etwas tun, damit der Weg der Freiheit und Demokratie sich auch für das noch Kommende seinen verschlungenen Pfad durch die Wildnis der Zukunft bahnen kann.

00:29:01: Vielleicht lassen sich die tradierten Denker der politischen Philosophie ebenso als die Blätter einer Rose ansehen. Erst im Fortgang der Zeit fächern sich diese zur vollen Blüte aus. Ja, ich weiß, Rosen verwelken, doch nach einem Sonett von Shakespeare bewahrt die Wahrheit der Rose ihren Duft über ihr Verblühen hinaus.

00:29:29: So dürfen und können wir uns nahtlos an ein Wort Ernst Cassirers halten, der vor der Gründung der Bundesrepublik schreibt, ich zitiere: „Mehr als je wird sich unsere Zeit gegenwärtig halten müssen, dass sie die eigentlichen Güter der Demokratie erst zu erwerben hat, wenn sie sie wahrhaft besitzen will.

00:30:00: Und dass dieser Erwerb sich nur dann im geistigen Sinne vollziehen lässt, wenn sie sich wieder auf die letzten geistigen Voraussetzungen der Idee der Demokratie besinnt und sich entschlossen zu diesen Voraussetzungen bekennt.“

00:30:29: Abonnieren Sie den Podcast auf der Plattform

00:30:31: Ihrer Wahl.

00:30:34: Text, Redaktion, Sprecher und Musik: Günter Fröhlich.

00:30:38: Herausgegeben vom Felix Meiner Verlag mit freundlicher Unterstützung durch das Stipendienprogramm

00:30:43: des Freistaats Bayern „Junge Kunst und neue Wege“

00:30:46: und der Franken-Akademie Schloß Schney e. V.

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